Klimatisch bedingte Landschaftsentwicklung in Warmzeiten

Neues Puzzleteil zum Verständnis künftiger natürlicher Systeme

16. September 2021

Forschende des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik, des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und weiterer Partner haben im hannoverschen Wendland die Stabilität und Entwicklung von Landschaften während der vergangenen Warmzeit Eem vor rund 120.000 Jahren erforscht. Das Eem ist klimatisch vergleichbar mit den Prognosen für das spätere 21. Jahrhundert. Die Grundlagenforschung dient daher dem Verständnis darüber, wie Landschaften unter natürlichen Bedingungen – ohne zusätzlichen Einfluss des Menschen – auf Klimaänderungen reagieren. Im Rahmen ihrer Untersuchungen bewiesen die Forschenden zudem die bisher nördlichste Neandertalersiedlung der letzten Warmzeit.
 

Archäologische Grabung bei Lichtenberg im Frühjahr 2019.

Das Projekt „Lichtenberg“ ist ein Versuchslabor für die Landschaftsforschung: Mittels einer Bohrkampagne und der Unterstützung des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie startete das Forschungsteam vor rund drei Jahren eine umfassende Untersuchung des Gebiets nahe des Ortes Lichtenberg, denn die Sedimente bieten einen einzigartigen Einblick in die Geschichte des Eems.

Landschaftsrekonstruktion zeigt die Entwicklung eines Sees im Wendland

Die Bohrungen zur Erkundung des Untergrundes und weiterführende Messungen fanden rund 15 Meter südlich der archäologischen Grabungen statt.

Mit Hilfe von Bohrlochgeophysik und mehreren seismischen Messungen des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik sowie der Analyse von zahlreichen Bohrkernen und Pollenanalysen der Partnerorganisationen konnte die Entwicklung eines kleinen Sees als Teil einer über 200 Quadratkilometer großen Seenlandschaft im südlichen Wendland rekonstruiert werden. Die Ergebnisse einer Studie zeigen nun den Entwicklungsverlauf: Sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Eems kam es im Laufe der klimatischen Veränderungen unter anderem wegen geringerer Verdunstung durch offenere Vegetation zu einem starken Anstieg des Wasserspiegels, verbunden mit beträchtlicher Bodenerosion, das heißt relativ instabilen Landoberflächen. In der Hauptphase der Warmzeit herrschte hingegen eine geschlossene Laubwald-Bedeckung vor, die wiederum ein schrittweises Absinken des Seespiegels zur Folge hatte. Die vollständige Bedeckung der Landschaft bot einen optimalen Schutz vor einer Abtragung des Bodens und führte zu einer bemerkenswerten Stabilität der Landoberflächen.

„Mithilfe der Geophysik war es uns möglich, die Landschaft nicht nur punktuell, sondern räumlich hochaufgelöst darzustellen“, meint David Colin Tanner, Projektleiter am Leibniz-Institut. „Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den zahlreichen Partnern konnten wir schließlich die sedimentären, vegetationskundlichen und hydrologischen Bedingungen im Verlauf des Eems sehr gut rekonstruieren – ein großer Mehrwert auch für die Prognose zukünftiger Landschaftsveränderungen.“

Michael Hein, Geograf am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, erklärt warum: „Das Eem-Interglazial ist durch ähnliche klimatische Verhältnisse, wie sie die Prognosen für den Verlauf des 21. Jahrhunderts vorhersagen, geprägt und daher für die Grundlagenforschung hochinteressant. Im Eem können wir nun versuchen nachzuvollziehen, wie Landschaften unter natürlichen Bedingungen auf solche Klimaänderungen reagieren – ohne den bestimmenden Einfluss des Menschen.“

Bisher nördlichster Nachweis von Neandertalersiedlung der letzten Warmzeit

Feuersteinwerkzeug, gefunden bei den Bohrungen.

In der Hauptphase konnte am damaligen Seeufer zudem eine Besiedlung durch Neandertaler nachgewiesen werden. Nach derzeitigem Forschungsstand handelt es sich um den nördlichsten Nachweis der menschlichen Vorfahren während der letzten Warmzeit in Europa.

Marcel Weiß, Archäologe am Max-Planck-Institut, gibt zu bedenken: „Wir haben jetzt zwar auf dem Papier die nördlichste Fundstelle in Europa aus dieser Zeit, aber ich habe keinen Zweifel daran, dass das Siedlungsgebiet der Neandertaler sich im Eem noch weiter nach Norden erstreckt hat.“ Das Bild von den Siedlungs- und Migrationsmustern der Neandertaler und auch deren Ansprüchen an ihren Lebensraum sei grundsätzlich noch immer sehr unvollständig und lückenhaft. „Bisher wurde zumeist davon ausgegangen, dass sie dichte Wälder während des Eems weitgehend gemieden haben. Das muss nun mit den neuen Erkenntnissen durch die Landschaftsrekonstruktion zum Teil revidiert werden.“

Zukünftige archäologische Untersuchungen werden den Fundplatz der Neandertaler-Artefakte genauer unter die Lupe nehmen. Weitere Veröffentlichungen zu den Siedlungsmustern und Anpassungsstrategien der Neandertaler sind darauf aufbauend geplant.

LIAG

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