„In kürzester Zeit entstand eine Welle der Solidarität“

9. April 2020

Dagmar Schäfer, Direktorin am MPI für Wissenschaftsgeschichte, leitet die Abteilung „Artifacts, Action, Knowledge”. Gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen Lisa Onaga und Stephanie Hood hat die Berliner Sinologin die Initiative “History of Science ON CALL” ins Leben gerufen. Die Onlineplattform unterstützt Wissenschaftshistoriker und -soziologen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit und stellt Lehrmaterialien für den virtuellen Unterricht zur Verfügung. Und sie zeigt: Wissenschaft überwindet in Zeiten von Corona Ländergrenzen und rückt selbst bei sozialer Distanzierung noch enger zusammen.

Dagmar Schäfer ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Dort leitet sie die Abteilung  „Artifacts, Action, Knowledge”.

Frau Schäfer, wie ist die Idee zu Ihrer Initiative „History of Science ON CALL“ entstanden?

Dagmar Schäfer: Ich hatte gerade den Leibniz-Preis erhalten und bekam viele Journalistenanfragen. Als China-Expertin wurde ich auch zur dortigen Coronavirus-Krise befragt. Ich wollte nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern substanzielle Informationen liefern, ohne gleich eine wissenschaftliche Publikation zu veröffentlichen. Und zeigen, dass die Wissenschaft bereits einige Antworten geliefert hat.

Das Coronavirus beschäftigte Sie also schon, bevor es nach Deutschland kam?

Ja, ich war Ende Dezember in China. Da war Corona bei uns noch kein großes Thema. Im Januar und Februar fing es dann, dass mich Kolleginnen und Kollegen aus China, Japan und Korea um Unterstützung baten. Der Unterricht musste von Präsenz- in Onlineformate umgewandelt werden, bestimmte Forschungsaufgaben konnten plötzlich nicht mehr bearbeitet werden. Also haben wir angefangen, Kursmaterialen zu besorgen. In kürzester Zeit entstand eine Welle der Solidarität: Statt nur zu beobachten, wie sich die Lage in China zuspitzt, haben wir mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor Ort kooperiert. Das zeigt: Virtuelle Netzwerke funktionieren völlig unabhängig von politischen Kräften. Als die Ländergrenzen geschlossen wurden, entschieden die Forschenden: Jetzt arbeiten wir noch enger zusammen.

Und dann schwappte die Corona-Welle zu uns nach Deutschland …

Ja, und mit ihr die Solidarität: Nun waren es die Kolleginnen und Kollegen aus China, Japan, Korea – aus der gesamten Region –, die mich fragten: „Wie können wir Euch unterstützen?“ So entstand schnell ein Netzwerk aus Expertinnen und Experten, die sich die aktuelle Corona-Krise historisch bzw. soziologisch anschauen und Informationen effizient austauschen. Da habe ich mir gedacht: Wir sollten das Netzwerk nicht nur nutzen, um uns miteinander auszutauschen, sondern auch öffentlich zeigen, was an Expertise da ist.

Warum ist es so wichtig, in der aktuellen Situation auf historisches Wissen zurückzugreifen?

Das Besondere an der Wissenschaftsgeschichte und -soziologie ist: Wir arbeiten transdisziplinär. Wir versuchen, verschiedene Felder zusammen zu verstehen. Corona ist eine globale Krise, und auch aus der akademischen Perspektive ein sehr globales Phänomen. Die Bewältigung einer komplexen Krise wie Corona besteht nicht aus einer oder mehreren, sondern einer Vielzahl an Maßnahmen. Ob gesellschaftlich, politisch oder ökonomisch: auf die aktuellen Herausforderungen brauchen wir verschiedene Antworten. Disziplinen wie die Geschichte, Soziologie und Anthropologie helfen dabei, die Dinge, die um uns geschehen, in Perspektive zu setzen: Was bedeutet Quarantäne? Welche Epidemien gab es und welches Instrumentarium geben uns diese für die aktuelle Pandemie an die Hand? Nehmen wir zum Beispiel die soziale Distanzierung, die wir aktuell praktizieren: Das ist keineswegs eine neue Methode. Schon zu Zeiten der Pest hat man sich in den Häusern und Landsitzen eingeschlossen.

Wie kann das Wissen, das auf Ihrer Plattform geteilt wird, helfen, mit der Corona-Krise umzugehen?

Neben Beiträgen für den virtuellen Unterricht, die sich vor allem an Lehrende an Universitäten richten, stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in fünfminütigen Videos ihre Forschung vor. Es kommen laufend weitere hinzu. Da sind zum Beispiel Kollegen dabei, die schon zu Fukushima gearbeitet haben. Worin die Schwierigkeiten von Datensammlungen von Epidemologen allgemein liegen, mit dieser Frage beschäftigt sich Sabina Leonelli schon seit Jahren. Wie haben sich die Evidenzverfahren entwickelt? Was ist historisch gewachsen? Ein interessanter Beitrag kommt in Kürze von Michael Lackner. Er hat sich viel mit Vorhersagen beschäftigt – in historischer Perspektive, aber auch, wie zum Beispiel die Wirtschaft Vorhersagen trifft. Er erklärt, wo die Forschung steht. Und was davon für Corona und die aktuelle Situation relevant sein könnte.

Gibt es denn Ereignisse aus der Vergangenheit, die uns besonders dabei helfen, die aktuelle Krise zu verstehen?

Es kommt auf die Fragestellung an. Viele Ansätze versuchen, ähnliche Krankheiten in Betracht zu ziehen, beispielsweise die spanische Grippe oder die Pest. Bei der Frage, wie man das soziale Miteinander gestalten will, kann man aber auch auf ganz andere Krisen zurückgreifen. Wie geht das politische System mit dem Ausnahmezustand um? Hier helfen Ereignisse wie die Nuklearkatastrophen von Tschernobyl oder Fukushima. Bei Auswirkungen auf das ökonomische System wird immer wieder die Finanzkrise von 2009 herangezogen. Es geht also darum, auszuwählen, von welchen Krisen man sich welche Erfahrungsschätze heranzieht.

Sie stellen also eine Vielfalt an Ressourcen zur Verfügung …

Ja, auch das zeigt unsere Initiative: Es gibt eine Vielfalt von historischen Modellen, die man nun versucht, neu zusammenzufassen. Dadurch entstehen neue Sichtweisen und verschiedene Antworten, wie wir Corona begegnen können. Solange es keinen Impfstoff gibt, wird es die eine globale Lösung nicht geben.

Das Interview führte Petra Maaß. 

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