Soziale Ungleichheit in bronzezeitlichen Haushalten

Archäogenetische Analysen ermöglichen neue Einblicke in soziale Ungleichheit vor 4000 Jahren: Wohlhabende Familien lebten mit zugezogenen Frauen und sozial niedriger gestellten Personen im selben Haushalt zusammen

9. Oktober 2019

Soziale Ungleichheit gab es in der Vorgeschichte Süddeutschlands bereits vor 4000 Jahren, und das sogar innerhalb eines Haushalts. Archäologische und archäogenetische Auswertungen von bronzezeitlichen Gräberfeldern im Lechtal bei Augsburg zeigen, dass Familien biologisch miteinander verwandter Personen mit höherem Status zusammen mit nichtverwandten Frauen lebten, die aus der Ferne kamen und den Grabbeigaben nach zu schließen ebenfalls einen hohen Status innehatten. Zusätzlich fand sich eine größere Anzahl von einheimischen, aber offensichtlich armen Individuen in den Gräberfeldern. Das Forschungsteam schließt daraus, dass es in den Haushalten dieser Zeit und Region bereits soziale Ungleichheit gab.

Hochrangige und nicht-lokale Frauenbestattung aus Kleinaitingen „Gewerbegebiet Nord“. Der Kopfschmuck und der Bestattungsritus spiegeln die lokalen Traditionen wider, aber die Isotopenwerte zeigen die fremde Herkunft. Diese Bestattung einer Frau ist eine der reichsten bekannten Bestattungen Süddeutschlands.

Das archäologisch-naturwissenschaftliche Projekt an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften wurde von Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU)  zusammen mit Johannes Krause und Alissa Mittnik vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und der Universität Tübingen geleitet. Die Ausgrabungen südlich von Augsburg ermöglichen es den Archäologen, auf bislang ungeahnte Weise tief in die Bronzezeit hinein zu zoomen und zu untersuchen, wie sich der Umbruch von der Steinzeit zur Bronzezeit auf die Zusammensetzung der damaligen Haushalte auswirkte.

„Reichtum korrelierte entweder mit biologischer Verwandtschaft oder Herkunft aus der Ferne", sagt Philipp Stockhammer, Professor für Prähistorische Archäologie an der LMU und einer der Leiter der Studie. „Die Kernfamilie vererbte ihren Besitz und Status weiter. Aber in jedem Bauernhof haben wir auch arme Personen lokaler Herkunft gefunden." Dieser Befund spricht für eine komplexe Sozialstruktur von Haushalten, wie sie aus dem klassischem Griechenland und Rom bekannt ist. So waren zu römischer Zeit auch die Sklaven Teil der Familie, hatten aber einen anderen sozialen Status. Die untersuchten Familien im Lechtal lebten jedoch mehr als 1500 Jahre früher. "Das zeigt erstmals, wie lang die Geschichte sozialer Ungleichheit in Familienstrukturen zurückreicht", so Stockhammer weiter.

Die Bronzezeit umfasst in Mitteleuropa den Zeitraum von 2200 bis 800 vor Christus. Damals erwarben die Menschen die Fähigkeit, Bronze zu gießen. Dieses Wissen führte zu einer frühen Globalisierung, da die Rohstoffe durch Europa transportiert werden mussten. In einer früheren Studie hatte das Team gezeigt, dass die Mehrheit der Frauen im Lechtal vor 4000 Jahren aus der Fremde kam und ihnen beim Transfer von Wissen eventuell eine entscheidende Rolle zukam. Überregionale Netzwerke wurden offenbar durch Heiraten und institutionalisierte Formen von Mobilität gepflegt.

Stabile soziale Strukturen über 700 Jahre hinweg

Verzierter Dolch einer männlichen Bestattung aus Kleinaitingen „Gewerbegebiet Nord“. Sein Bruder wurde im benachbarten Grab begraben, das ebenfalls mit einem Dolch ausgestattet war.

Bislang war bereits bekannt, dass sich in der Bronzezeit die ersten größeren hierarchischen Strukturen entwickelten. Für Überraschung sorgte bei der aktuellen Studie, dass soziale Unterschiede innerhalb eines einzelnen Haushalts existierten und über Generationen hinweg aufrechterhalten wurden.

Die Grabbeigaben verraten Archäologen heute noch den Status der Verstorbenen. Im Lechtal wurden Waffen und aufwändiger Schmuck nur eng verwandten Familienmitgliedern ins Grab gegeben sowie Frauen, die aus 400 bis 600 Kilometer Entfernung in die Familie kamen. In der Studie ist es erstmals für die Vorgeschichte gelungen, aus Gräberfeldern Familienstammbäume abzulesen, die vier bis fünf Generationen umspannen. Diese Generationen umfassten überraschenderweise aber nur die männlichen Verwandtschaftslinien. Die weiblichen Nachkommen mussten offensichtlich den Hof verlassen, wenn sie das Erwachsenenalter erreicht hatten. Bei den Müttern der Söhne handelte es sich hingegen stets um zugezogene Frauen.

"Die Archäogenetik gibt uns hier einen völlig neuen Blick in die Vergangenheit. Wir hätten es bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten, dass wir einmal Heiratsregeln, soziale Struktur und Ungleichheit in der Vorgeschichte untersuchen können", sagt Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena.

Original (links) und rekonstruierte (rechts) verzierte Kupferscheibe aus einem hochrangingen Frauengrab aus Kleinaitingen „Gewerbegebiet Nord“. Diese Frau war zu ihrer Zeit in Süddeutschland eine der reichsten Individuen, die ursprünglich nicht aus dem nordalpinen Raum stammte.

Die Archäologen konnten den Grad der Verwandtschaft mit den Beigaben im Grab und der Lage der Gräber vergleichen und zeigen, auf welche Weise Ehepaare und ihre Kinder bestattet wurden. Möglich wurde dies durch genomweiten Daten, die nun auch aus prähistorischem Knochen weitreichende Verwandtschaftsrekonstruktionen ermöglichen. Arm bestattet wurden allein die nicht-verwandten, einheimischen Mitglieder eines Haushalts. "Wir können leider nicht sagen, ob es sich bei diesen Individuen um Knechte und Mägde oder vielleicht sogar eine Art von Sklaven gehandelt hat", sagt Alissa Mittnik. "Sicher ist, dass über die männlichen Linien die Bauernhöfe über viele Generationen hin vererbt wurden und dieses System über 700 Jahre stabil war. Das Lechtal zeigt, wie tief in die Vergangenheit die Geschichte sozialer Ungleichheit innerhalb einzelner Haushalte tatsächlich zurückreicht."

Pressemitteilung in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München

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