Abstand zwischen zwei Geburten beeinflusst Kindersterblichkeit

Ein größeres Geburtsintervall senkt die Todesrate von Säuglingen in Entwicklungsländern deutlich

Für Kinder in den ärmsten Ländern dieser Welt hängen die Überlebenschancen maßgeblich davon ab, wie viel Zeit zwischen ihrer Geburt und der Geburt des nächsten Geschwisterkindes liegt. Das zeigt das Ergebnis einer neuen Studie unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. Teilweise kann bereits eine Pause von zwei Jahren die Säuglingssterblichkeit halbieren.

In armen Ländern mit hoher Kindersterblichkeit wie Ruanda kann die Kindersterblichkeit wesentlich gesenkt werden, wenn Geschwister nicht zu dicht aufeinander folgen. Schon ein Abstand von zwei Jahren kann die Todesrate bei Säuglingen halbieren.

Die Vereinten Nationen haben sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 das Überleben von Neugeborenen und Kleinkindern weltweit zu sichern. Insgesamt sinkt die weltweite Kindersterblichkeit, doch in den ärmsten Ländern Afrikas und Asiens sind die Überlebenschancen für Kleinkinder immer noch sehr schlecht. Neben dem Zugang zu Medikamenten und Impfungen, sauberem Wasser und Strom ist auch die Länge der Geburtsintervalle entscheidend für die Überlebenschance von Babys, so legen es mehrere Studien nahe. Deswegen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Frauen zwischen ihren Geburten drei bis fünf Jahren verstreichen zu lassen, um das Gesundheitsrisiko für Kinder und Mütter zu verringern.

In einer internationalen Vergleichsstudie hat Kieron Barclay vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung gemeinsam mit Joseph Molitoris von der Universität Lund (Schweden) und Martin Kolk von der Universität Stockholm (Schweden) die Bedeutung verschieden langer Geburtsintervalle in unterschiedlichen Ländern untersucht. Eines der Ergebnisse: In einigen Entwicklungsländern ließe sich die Hälfte aller Todesfälle bei Säuglingen vermeiden, würde die Zeitspanne zwischen den Geburten zweier Geschwisterkinder von 12 auf 24 Monate erhöht. „Der internationale Vergleich, den wir in unserer Studie anstellen, hilft, die Wissenslücke zu schließen, ob und wie die Länge der Geburtsintervalle in verschiedenen Ländern und bei unterschiedlicher wirtschaftlicher Entwicklung von Bedeutung sind“, sagt Barclay.

Die Wissenschaftler untersuchten Daten aus insgesamt 77 Ländern. Wie die Analysen ergaben, nimmt im Durchschnitt aller Länder bis zu einem Geburtsintervall von 36 Monaten die Wahrscheinlichkeit stark ab, dass ein Kind im ersten Lebensjahr stirbt. Ab dem 36. Monat setzt sich dieser Trend zwar fort, allerdings viel langsamer.

Stärkster Effekt in den ärmsten Ländern

"Dies steht ein stückweit im Widerspruch zu der Empfehlung der WHO, die ja eine Pause von drei bis fünf Jahren zwischen zwei Geburten empfiehlt. Unseren Erkenntnissen zufolge reichen drei Jahre vollkommen aus, um die Sterblichkeit massiv zu senken", sagt Barclay. „Nach dieser Zeitspanne sind die Vorteile eines längeren Abstandes nicht mehr so groß, aber das Risiko der Kindersterblichkeit nimmt bis zu Intervallen von fünf Jahren und länger weiter ab.“

Am stärksten macht sich der beobachtete positive Effekt in den ärmsten Ländern bemerkbar, in denen die Säuglingssterblichkeit sehr hoch ist. In manchen Regionen erreichen zehn Prozent der lebend geborenen Kinder das erste Lebensjahr nicht. Dort halbiert eine Verlängerung des Geburtsintervalls von 12 auf 24 Monate die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind in seinem ersten Lebensjahr stirbt, stellten die Forscher fest.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es in den ärmsten Ländern der Welt ein großes Potenzial gibt, die Kindersterblichkeit zu senken“, sagt Joseph Molitoris , Mitautor der Studie von der Universität Lund. „Weltweit werden mehr als 30 Prozent der Kinder innerhalb von zwei Jahren nach ihrem älteren Geschwister geboren.“ Sein Rostocker Kollege Kieron Barclay ergänzt: „Unsere Ergebnisse machen deutlich, wie wichtig das Geburtsintervall für die Überlebenschancen der älteren Geschwister ist. Wir hoffen, dass wir mit diesen Ergebnissen lokale Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen darin unterstützen können, Maßnahmen gegen die Kindersterblichkeit zu erarbeiten.“

Langes Stillen hilft doppelt

Aus den Ergebnissen lasse sich, so Barclay, darüber hinaus die Empfehlung für Mütter ableiten, lange zu stillen: „Wenn man Mütter zum Stillen ermutigt, kann das durch eine optimale Ernährung der Säuglinge die Kindersterblichkeit direkt senken. Und wenn eine Frau sechs Monate lang ausschließlich stillt, reduziert sich zudem die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwanger wird. So kann das Stillen dazu beitragen, dass die Geburtsintervalle verlängert werden, was die Kindersterblichkeit ebenfalls senkt.“

In reichen Länder mit geringer Säuglingssterblichkeit haben kürzere Geburtsintervalle übrigens keinen Einfluss auf die Überlebenschancen der Kinder.

Für die Studie nutzten die Forscher Daten des so genannten "Demographic and Health Surveys"-Programm. Im Rahmen dieses Programmes werden seit 35 Jahren genaue, national repräsentative Daten zu Gesundheit und Bevölkerung in Entwicklungsländern gesammelt. Das Projekt wird von der US-amerikanischen Agentur für internationale Entwicklung finanziert (US Agency for International Development, USAID) und von verschiedenen Programmen der Vereinten Nationen finanziell unterstützt. Die Wissenschaftler untersuchten die Daten von insgesamt 77 Ländern. Damit enthielt ihr Datensatz circa 1,15 Millionen Frauen, die 4,56 Millionen Kinder auf die Welt gebracht hatten. Von diesen 4,56 Millionen Kinder sind etwa 370.000 im ersten Lebensjahr gestorben.

AE/mez

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