Die Landwirtschaft in Anatolien war von den Nachbarn übernommen

Die anatolischen Bauern, die die Landwirtschaft nach Europa brachten, stammen von Jägern und Sammlern ab

Ein internationales Team unter der Leitung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte hat bis zu 15.000 Jahre alte Skelette von Einwohnern Anatoliens untersucht. Demnach waren die ersten anatolischen Bauern direkte Nachkommen lokaler Jäger und Sammler. Diese Ergebnisse stützen archäologische Thesen, nach denen Jäger und Sammler in Anatolien die bäuerliche Lebensweise annahmen, indem sie das Know-how aus anderen Gebieten übernahmen und weiterentwickelten - im Gegensatz zu Europa, wo die Landwirtschaft durch eingewanderte anatolische Bauern eingeführt wurde.

Das Skelett eines 15.000 Jahre alten anatolischen Jägers und Sammlers. Die daraus gewonnene DNA zeigt im Vergleich mit späteren Genomen, dass der Genpool in der Region über mehr als 5.000 Jahre stabil blieb. Die anatolischen Bauern, die die Landwirtschaft nach Europa brachten, hatten ihrerseits die Lebensweise von Nachbarpopulationen übernommen.

Die Landwirtschaft wurde vor rund 11.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond entwickelt, einer Region, die den heutigen Irak, Syrien, Israel, den Libanon, Ägypten und Jordanien sowie die Randgebiete von Südanatolien und dem westlichen Iran umfasst. Um etwa 8.300 vor Christus breitete sie sich in Zentralanatolien, in der heutigen Türkei, aus. Die frühen anatolischen Bauern wanderten anschließend durch ganz Europa und brachten ihre neue Ernährungsstrategie und ihre Gene mit. Heute stammen die Europäer genetisch zum größten Teil von diesen anatolischen Bauern ab. Es wird jedoch seit langem diskutiert, ob die Landwirtschaft in Anatolien auf ähnliche Weise von einer Gruppe wandernder Bauern aus dem fruchtbaren Halbmond eingebracht wurde. Oder ob die lokalen Jäger und Sammler Anatoliens landwirtschaftliche Praktiken von ihren Nachbarn übernommen haben.

Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte bestätigt nun letztereThese. Demnach übernahmen anatolische Jäger und Sammler die Landwirtschaft tatsächlich selbst. Die späteren anatolischen Bauern waren direkte Nachkommen dieser Gruppe, deren Genpool über 7.000 Jahre relativ stabil blieb.

Lokale Jäger und Sammler nahmen landwirtschaftlichen Lebensstil an

Für die Studie analysierten die Wissenschaftlerinnen und WIssenschaftler aus Deutschland, Großbritannien, der Türkei und Israel die historische DNA von acht prähistorischen Skeletten. Dabei gelang es ihnen erstmals, 15.000 Jahre alte Genomdaten von einem frühen anatolischen Jäger und Sammler zu gewinnen. Die Daten ermöglichten dem Team, die DNA dieser Person mit späteren anatolischen Bauern sowie mit Menschen aus benachbarten Regionen zu vergleichen, um festzustellen, wie sie miteinander verbunden waren. Sie verglichen auch die neu analysierten Genome, mit bestehenden Daten von 587 prähistorischen Individuen und 254 Vertretern heutiger Populationen.

Dabei entdeckten die Forscher unter anderem, dass rund 90 Prozent der frühen anatolischen Bauern von Vorfahren abstammen, die mit dem frühen anatolischen Jäger-und-Sammler verwandt war. "Dies deutet trotz veränderter Klima- und Ernährungsstrategien auf eine über fünf Jahrtausende währende genetische Stabilität in Zentralanatolien hin", erklärt Michal Feldman vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

"Unsere Ergebnisse untermauern zusätzlich frühere archäologische Hinweise, wonach Anatolien nicht nur ein Sprungbrett für die frühen Bauern aus dem fruchtbaren Halbmond nach Europa war", sagt Choongwon Jeong vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Mitautor der Studie. "Es war vielmehr ein Ort, an dem lokale Jäger und Sammler Ideen, Pflanzen und Technologien übernahmen, die zu einer landwirtschaftlichen Lebensweise führten."

Genetische Interaktionen mit Nachbarn 

Neben der langfristigen Stabilität der anatolischen Bevölkerung fanden die Forscher aber auch Wechselwirkungen mit Nachbarpopulationen. Als die Landwirtschaft in Anatolien zwischen 8.300 und 7.800 vor Christus Einzug hielt, stammten etwa 10 Prozent der Gene in der lokalen Bevölkerung von einer Population, die aus dem heutigen Iran und dem benachbarten Kaukasus stammte, die übrigen 90 Prozent ausnahmslos von anatolischen Jägern und Sammlern. Ab etwa 7000 bis 6000 vor Christus kam jedoch eine genetische Komponente aus der Levante hinzu, einer Region, die heute in Israel, in den palästinensischen Autonomiegebieten, im Libanon und in Jordanien liegt.

"Es gibt allerdings einige große zeitliche und geografische Lücken in den Genomen, die uns derzeit zur Verfügung stehen", erklärt Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Senior-Autor der Studie. "Das macht es schwierig zu sagen, wie diese subtileren genetischen Interaktionen stattgefunden haben - sei es durch kurzfristige große Bewegungen von Menschen oder durch häufigere, aber kleinere Interaktionen." Die Forscher hoffen, dass weitere Daten aus dieser und den angrenzenden Regionen dazu beitragen können, Fragen zur genetischen Geschichte der Region zu beantworten.

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