Masernviren für die Krebstherapie

Max Planck Innovation schließt Lizenzvereinbarung mit Themis Bioscience ab

Das Biotech-Unternehmen Themis Bioscience hat den Abschluss einer Lizenzvereinbarung mit Max-Planck-Innovation, der Technologietransfer-Organisation der Max-Planck-Gesellschaft, bekannt gegeben. Damit erhält das Unternehmen die weltweit exklusive Lizenz zur Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Therapien auf der Grundlage einer onkolytischen Masernvirus-Plattform, die von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und dem Max-Planck-Institut für Biochemie gemeinsam entwickelt wurde.

In der Krebstherapie können Viren zu ungeahnten Helfern werden, denn sie können Krebszellen besonders gut infizieren und zerstören. Themis Bioscience wird nun die Entwicklung, Herstellung und Vermarktung neuer Krebstherapien auf der Grundlage einer onkolytischen Masernvirus-Plattform vorantreiben.

Ob als Auslöser von Grippe, Herpes, Masern oder Pocken – Viren sind eigentlich unsere Feinde. Doch in der Krebstherapie können sie zu ungeahnten Helfern werden. Denn Viren sind in der Lage, Krebszellen besonders gut zu infizieren und diese dabei hocheffizient zu zerstören. Wissenschaftler sprechen hierbei von Onkolyse. Der Trick: Die Viren werden so verändert, dass sie unseren normalen Zellen nichts mehr anhaben können. In den Krebszellen vermehren sie sich allerdings nahezu ungebremst. Am Ende platzen die befallenen Tumorzellen und setzen massenhaft neu gebildete Viren frei, die dann auf andere, bis dahin noch nicht infizierte Tumorzellen überspringen, wie bei einem Schneeballsystem.

„Die Onkolyse funktioniert auch dann, wenn die Krebszellen auf keine der herkömmlichen Behandlungsarten wie Chemotherapie, Bestrahlung oder Antikörper mehr ansprechen“, erläutert Ulrich Lauer vom Universitätsklinikum Tübingen. Und das Wichtigste: Solche onkolytische Viren können ein bis dahin inaktives Immunsystem dauerhaft wieder gegen Krebszellen aktivieren, so dass es für die Krebszellen kein Verstecken mehr gibt und diese mit großer Wucht überall im Körper angegriffen und in Schach gehalten werden.

„Die Lizenzvereinbarung bedeutet für unser Unternehmen eine große Veränderung und ermöglicht die Ausweitung unserer Immunmodulationsplattform auf den Bereich der Onkologie. Unser bereits bestehendes Patentportfolio auf dem Gebiet der Masernvektortechnologie bei Infektionskrankheiten wird dadurch ebenfalls hervorragend ergänzt“, erläutert Erich Tauber, CEO und Gründer von Themis. „Unserer Meinung nach bildet die langjährige Expertise der Virotherapie-Forschungsgruppe von Ulrich Lauer an der Universität Tübingen in Bezug auf modernste onkolytische Ansätze in Kombination mit unserer Kompetenz hinsichtlich der Entwicklung von Masernvirusprodukten eine solide Grundlage für die rasche Entwicklung differenzierter immunonkologischer Medikamente.“

Masernviren gegen Krebszellen

Bei der lizensierten Technologie handelt es sich um ein modifiziertes Masernvirus auf der Basis der Virusgenomsequenz des etablierten Masernimpfstoffstammes, mit dem Milliarden Menschen weltweit geimpft werden. Das Masernvirus selbst weist von Natur aus krebsvorbeugende Eigenschaften auf; es ist beispielsweise an der Vermittlung der Tumorzelllyse, der T-Zellaktivierung und dem spezifischen Tumorzelltargeting beteiligt. Darüber hinaus kann es gentechnisch mit einer Tumor-zerstörenden Nutzlast hergestellt werden, wodurch es zu einem wichtigen Baustein für eine wirksame onkolytische Immuntherapie wird.

Das neuartige biologische Krebsmittel wurde von Ulrich Lauer und seinem Forscherteam am Universitätsklinikum Tübingen gemeinsam mit Wolfgang Neubert vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried entwickelt und über Max-Planck-Innovation an Themis Bioscience für die weitere Entwicklung, Herstellung und Vermarktung lizenziert. Die onkolytischen Masern-Impfviren sollen Krebszellen künftig effizienter zerstören, wodurch das bis dahin nicht ausreichend aktive Immunsystem „wachgerüttelt“ und zu neuer Stärke gebracht wird. Im Idealfall werden dabei sämtliche Tumorherde von Krebspatienten dauerhaft unter Kontrolle der Immunabwehr gebracht.

Erfahrung in der Entwicklung viraler Impfstoffe

„Nachdem unsere Forschergruppe die präklinische Wirkstoff-Entwicklung jüngst erfolgreich abgeschlossen hat, haben wir nach einem Partner-Unternehmen gesucht, das speziell in der klinischen Entwicklung viraler Wirkstoffe über Expertise verfügt“, erläutert Lauer, Leiter des Virotherapie-Zentrums und Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Abteilung Klinische Tumorbiologie am Universitätsklinikum Tübingen. Die Firma Themis Bioscience, mit Sitz in Wien, entwickelt seit Jahren sehr erfolgreich immunmodulierende Therapien und hat in diesem Zusammenhang einen besonderen Herstellungsprozess für Masern-Impfviren etabliert und optimiert. „Außerdem ist Themis in der Lage, innerhalb kurzer Zeit eine breite Palette an Varianten unseres Impfvirus-basierten Krebswirkstoffes zu erzeugen und klinisch zu testen, was eine ideale Voraussetzung für unsere Partnerschaft darstellt“, so Lauer.

Themis entwickelte neben einem soliden cGMP-Herstellungsprozess für seine Masernvektortechnologie auch eine weitreichende Pipeline mit im eigenen Unternehmen und von Partnerfirmen entwickelten Vakzinkandidaten für die Impfung gegen Infektionskrankheiten. Die Leitstudie zum Chikungunya-Fieber tritt voraussichtlich kurz- bis mittelfristig in die Phase III-Entwicklung ein. Der aktuelle Abschluss der Lizenzvereinbarung mit Max-Planck-Innovation bedeutet für Themis nach eigenen Angaben die weitere Ausweitung seiner innovativen Technologieplattform auf neuartige onkolytische, virusbasierte Immuntherapie-Anwendungsmöglichkeiten.

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