Jedes Zimmer eine Kultur für sich

Seit dem Jahr 2015 kamen etwa 1,2 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland. Sie möchten hierzulande Zuflucht oder eine neue Heimat finden. Wie gut der Start ins neue Leben klappt, hängt von vielen Bedingungen ab. Wissenschaftlerinnen vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen untersuchen genauer, welche Bedürfnisse und Ziele die Flüchtlinge haben – und ob sich diese erfüllen.

Text: Tim Schröder

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Schwierige Bedingungen: Flüchtlinge, die in Fabrikhallen am Stadtrand wohnen, sind in verschiedener Hinsicht benachteiligt. Es mangelt nicht nur an Ruhe und Privatsphäre, sondern oft auch an Einkaufsmöglichkeiten, Ärzten und ehrenamtlichen Helfern.

Das Jahr 2015 wird in Erinnerung bleiben. In Deutschland und vielen anderen Staaten Europas trafen in wenigen Monaten so viele Flüchtlinge ein wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Allein hierzulande waren es knapp 500 000 Menschen – aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan und anderen Ländern. 500 000-mal Hoffnung auf eine bessere Zukunft, 500 000 Männer, Frauen, Kinder mit ihrer ganz persönlichen Lebensgeschichte, mit ganz eigenen Vorstellungen von der Zukunft.

Die ersten Weichen für ihr künftiges Leben in Deutschland werden in der ersten Unterkunft gestellt. Manche Flüchtlinge wohnen in großen Hallen, in denen Schlafräume nur durch Stellwände voneinander getrennt sind. Hier müssen sich mitunter mehr als zehn Personen einen Raum teilen. Es ist permanent laut, weil die Abteile keine Zimmerdecken haben dürfen. Andere kommen in Wohnungen unter, in denen sie mehr Privatsphäre finden.

„Insgesamt hat es Deutschland sehr gut geschafft, in kurzer Zeit all diese Menschen unterzubringen – alle haben zu essen und ein Dach über dem Kopf“, sagt Shahd Wari vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen. „Die Ämter und die vielen Ehrenamtlichen, die vielen Initiativen haben Großes geleistet.“ Die Wissenschaftlerin und ihre Kolleginnen am Institut interessieren sich jedoch für die Details. Sie wollen vor allem verstehen, wie die Asylbewerber selbst ihre Situation wahrnehmen.

In einer von der Volkswagenstiftung finanzierten Studie haben die Forscherinnen untersucht, welche Bedürfnisse und Ziele die Flüchtlinge haben – und auch, wie ihre Startbedingungen in Deutschland sind. Forschungsort waren zunächst die Stadt und der Landkreis Göttingen, die in den vergangenen zwei Jahren ungefähr 1500 Flüchtlinge aufgenommen haben. Die Wissenschaftlerinnen haben Asylbewerber im Alltag begleitet und interviewt. Sie haben Gespräche mit den Betreibern von Flüchtlingsunterkünften, mit Fachleuten aus den Behörden und der Verwaltung geführt. Sie haben mit Sozialpädagogen und freiwilligen Helfern gesprochen.

Die Behörden teilen die Menschen nach fünf Kategorien ein

„Unser Ergebnis ist zugleich einfach und ungeheuer komplex: Anders als die Berichterstattung in den Medien suggeriert, ist klar geworden, dass es nicht den einen Flüchtling gibt“, sagt Shahd Wari. „Die persönlichen Hintergründe der Menschen sind sehr unterschiedlich. Das heißt, dass es keine ,one-size-fits-all-Lösung’ geben kann, wenn man Asylbewerbern dabei helfen will, in Deutschland Fuß zu fassen.“

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Grundlegende Kenntnisse: Nur wer Deutsch lernt, kann hier Fuß fassen. Solange sich Asylverfahren hinziehen, kriegen die Betroffenen jedoch keinen Sprachkurs – teils monatelang.

Diese Erkenntnis erscheint fast trivial, denn bekanntlich sind Menschen verschieden. Tatsächlich aber wird auf die Individualität der Asylbewerber im Alltag oft wenig Rücksicht genommen. Das fängt damit an, dass die Behörden Asylbewerber holzschnittartig nach fünf Kategorien einteilen: nach der Staatsangehörigkeit, ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrem Gesundheitszustand und ihrem rechtlichen Status. Oft werden Asylbewerber nach diesen Kategorien auch in den Flüchtlingsunterkünften zusammengelegt. Dieses Raster ist ausgesprochen grob, was zu Konflikten führen kann.

Konkretes Beispiel in Göttingen: In einer Sammelunterkunft wohnen vier Frauen in einem Zimmer. Zwei von ihnen teilen nach dem Standardraster alle fünf Kategorien. Dennoch ist etwa ihr Bedürfnis nach Privatsphäre ganz unterschiedlich. Eine der Frauen möchte ihr Kopftuch ablegen, wenn sie sich im Zimmer aufhält, fürchtet aber, von draußen durchs Fenster gesehen zu werden. Der Betreiber klebt das Fenster daraufhin mit Sichtschutzfolie ab, damit niemand hereinschauen kann. Ihre Mitbewohnerin hingegen empfindet die Schutzfolie nicht als Mehrwert für ihre Privatsphäre, sondern als einengend und fühlt sich wie im Gefängnis.

„Unsere Studie hatte erst einmal das Ziel, die Situation der Asylbewerber zu verstehen. Immerhin machen wir hier Grundlagenforschung“, sagt Shahd Wari. „Andererseits haben wir durch unseren tiefen Einblick manche Ideen entwickelt, wie man die Bedingungen verbessern könnte.“ So wäre es etwa sinnvoll, bei der Unterbringung mehr Faktoren zu berücksichtigen als nur die fünf genannten Kategorien.

Zu diesem Zweck könnte die Behörde zum Beispiel ihre Mitarbeiter in Workshops über die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe in den Herkunftsländern schulen – nicht nur in Bezug auf traditionelle oder moderne Lebensweisen. Wichtig sei es auch, verschiedene soziale Gruppen zu berücksichtigen, etwa solche, die im Herkunftsland verfeindet sind, wie es Kurden und Araber im Irak sein können. Damit ließen sich die Konfliktpotenziale in den Unterkünften mindern.

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Verwirrende Vielfalt: Asylbewerber treffen auf zahlreiche unterschiedliche Ansprechpartner. Im Forschungsprojekt wurde deutlich, wie schwierig es für sie ist, nachzuvollziehen, wer für was zuständig ist.

In vielen Fällen seien es zutiefst menschliche Aspekte, individuelle Wünsche, die im Alltag kaum berücksichtigt werden, sagt Shahd Wari. So müssen sich in manchen Unterkünften viele Menschen eine Küche und die Waschräume teilen – Menschen mit ganz unterschiedlichen Gewohnheiten und Bedürfnissen nach Ordnung und Sauberkeit. „Gerade in Sammelunterkünften gibt es viele solcher menschlich absolut nachvollziehbaren Konflikte“, sagt Shahd Wari. In einem Haus gab es Auseinandersetzungen wegen eines gespendeten Fernsehers. Auf dem Flur, in dem der Fernseher aufgebaut wurde, war ständig etwas los. Von den anderen Fluren kamen die Leute, zu jeder Tag- und Nachtzeit – so fanden jene Leute kaum Ruhe, die früh ins Bett gehen wollten.

Subjektive Eindrücke zählen für die Forschung ebenso wie Fakten

Das Besondere an der Studie der Göttinger Forscherinnen ist, dass diese als eine der ersten ihrer Art die Situation der Asylbewerber systematisch mit wissenschaftlichen Interview-Methoden durchleuchtet hat. „In der Hochphase der Flüchtlingskrise wurden viele Entscheidungen ad hoc getroffen, ohne die Situation der Asylbewerber genau zu analysieren. Das wäre vielleicht auch nicht anders gegangen“, sagt Wari. Mit der Studie haben die Expertinnen jetzt eine Art ausgeruhten Status-quo-Bericht vorgelegt.

In Experteninterviews mit Betreibern und Behördenvertretern wurden Fakten zur Finanzierung und Organisation der Unterkünfte abgefragt. In Interviews mit sogenannten Fokusgruppen wiederum lernten die Forscherinnen mehr über die Bedürfnisse der Asylbewerber: In solchen Interviews kommen mehrere Asylbewerber zusammen, um über die familiäre Situation, die Sorge um die Daheimgeblieben oder andere Themen wie den Alltag in Deutschland zu sprechen. Die Interviewenden halten sich dabei mit Fragen zurück und lassen die Unterhaltung laufen.

„Wir haben auch viel Zeit mit einzelnen Asylbewerbern verbracht, Ausflüge gemacht oder die Leute bei Arztbesuchen oder Behördengängen begleitet“, erzählt Shahd Wari. In der Fachsprache der Sozialwissenschaftler wird das als hanging-out-Methode bezeichnet – gemeinsam Zeit verbringen, um den anderen mit seinen Bedürfnissen und Ansichten besser kennenzulernen. „Wenn ich jetzt durch Göttingen gehe, treffe ich ständig Leute, die grüßen und mich fragen, ob ich hier und da helfen kann, beim Übersetzen eines Schreibens von der Behörde zum Beispiel.“

Ein gelungener Start hängt von vielen Zufällen ab

Ein ganzes Jahr haben die Forscherinnen mit der Studie verbracht und in der Zeit auch viele öffentliche Veranstaltungen zum Thema Asylbewerber besucht. Dabei haben sie etwa gelernt, dass die Wünsche vieler Asylbewerber –  eine Arbeit, ein Kindergartenplatz, eine Wohnung – natürlich dieselben sind, die viele Deutsche auch haben.

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Menschliche Bedürfnisse: Die Göttinger Forscher kategorisieren, was jeder einzelne als wichtig ansieht. Manche Wünsche sind eher individuell, viele sind grundlegend und nachvollziehbar.

Darüber hinaus haben die Asylbewerber Probleme, die die wenigsten Deutschen aus eigener Erfahrung kennen – das gilt vor allem für die enorme Ungewissheit, mit der sie leben müssen. Etwa die „Bleibeperspektive“: Je nach Herkunftsland haben die Asylbewerber unterschiedliche Chancen, in Deutschland anerkannt zu werden und zu bleiben. „Schwierig ist die Situation auch, weil die Geflüchteten teils mehrere Monate auf die Anhörung beim Bundesamt warten müssen“, sagt Shahd Wari. „In dieser Zeit dürfen sie keine Deutschkurse besuchen. Dabei ist es ohne ausreichende Sprachkenntnisse in einem fremden Land schwierig.“

Ein anderer Punkt, der vielen Asylbewerbern laut Studie zu schaffen macht, ist das Gefühl, dass ihr Leben von außen gesteuert und mehr oder weniger fremdbestimmt ist. „Es hängt von sehr vielen Zufällen ab, ob der Start in Deutschland gut gelingt“, sagt die Wissenschaftlerin.

Dafür gebe es gleich mehrere Gründe: Zum einen sind die Reglements von Bundesland zu Bundesland und mitunter von Stadt zu Stadt verschieden. In einigen Bundesländern etwa sind anerkannte Asylbewerber verpflichtet, in dem Ort zu bleiben, dem sie ursprünglich zugewiesen wurden. In Niedersachsen gibt es keine solche „Wohnsitzauflage“. Außerdem gab es seit 2015 viele neue Vorschriften, zum Teil aufgrund neuer Gesetze. So kommt es vor, dass Asylbewerber aufgrund verschiedener Regelungen unterschiedlich behandelt werden. „Das führt dann zu Frust und Verunsicherung, wenn ein Asylsuchender schlechter gestellt ist als der andere, obwohl beide in derselben Situation oder Unterkunft leben“, sagt Shahd Wari.

Beispielsweise bekämen Asylsuchende in manchen Fällen jeden Monat unterschiedliche Summen Geld zugewiesen: „Wir kennen Familien, für die es deshalb schwierig ist, das monatliche Budget für Lebensmittel oder Kleidung einzuteilen.“ Die Betroffenen störe vor allem, dass sie die Gründe kaum nachvollziehen können. Oftmals werde die Berechnungsgrundlage gar nicht erklärt. In anderen Fällen seien detaillierte Erklärungen nur auf Deutsch verfügbar.

Den Forschern gelang es, Vertrauen aufzubauen

Und auch bei den Unterkünften gibt es Unterschiede. Manche Asylbewerber haben das Glück, dass ihnen schnell ein eigenes Appartement zugewiesen wird – andere leben mehr als ein Jahr in einer Sammelunterkunft. „Dieses Gefühl der Willkür, der Machtlosigkeit ist für viele der von uns befragten Asylbewerber eines der größten Probleme“, so die Max-Planck-Forscherin.

Shahd Wari stammt selbst aus Palästina und spricht arabisch. „Ich konnte mich leicht mit Asylbewerbern aus Syrien oder dem Irak unterhalten. Das hat enorm geholfen, um Vertrauen aufzubauen.“ Viele Asylbewerber seien dennoch vorsichtig, sich anderen Menschen zu öffnen – weil sie auf ihrer Flucht Schreckliches erlebt haben, aber auch, weil so viele Institutionen involviert sind. Behörden, caritative Einrichtungen, Übersetzer von offizieller Stelle oder Privatleute. Wem kann man trauen? Wer hat etwas zu sagen? Wer ist nur guter Ratgeber? Viele hätten Angst, etwas Falsches zu sagen, etwas zu äußern, das den Erfolg ihres Asylantrags gefährden könne, sagt Shahd Wari. „So trauen manche den offiziellen Übersetzern in den Behörden nicht. Hier würde es schon helfen, wenn die Asylbewerber eine vertraute Person mitbringen können, die bei der Übersetzung hilft.“

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Unterschiedliche Blickwinkel: Shahd Wari (links) hat als Architektin und Stadtplanerin eher die räumlichen Gegebenheiten und Bedürfnisse im Fokus, während die Ethnologin Annett Fleischer (rechts) die Lebensbedingungen untersucht.

Shahd Wari ist als Architektin und Stadtplanerin zum Forschungsteam gestoßen und interessiert sich daher besonders für die räumlichen Bedürfnisse der Asylbewerber und für die architektonischen Aspekte in den Unterkünften. Im Team haben zudem die Soziologin Susanne Becker und die Ethnologin Annett Fleischer mitgearbeitet, die sich allgemein den Lebensbedingungen der Asylbewerber gewidmet haben. Derzeit geht die Studie in ihre zweite Phase.

Neu mit dabei ist die Kulturanthropologin Simona Pagano. „Eine Erkenntnis aus der ersten Studie ist, dass viele Asylbewerber, die in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften untergebracht werden, unterschiedlich gut oder schnell im Alltag Fuß fassen“, erzählt sie. „Wir wollen genauer herausfinden, welche Stellschrauben hier entscheidend sind.“ Pagano möchte in der zweiten Phase insbesondere auch untersuchen, ob es – selbst beim selben Betreiber – Unterschiede zwischen verschiedenen Unterkünften und Standorten gibt. Sie wird dabei nicht nur in Göttingen, sondern auch in Wolfsburg forschen, um noch besser vergleichen zu können.

Es gibt bereits erste Hinweise darauf, warum verschiedene Unterkünfte tatsächlich unterschiedliche Startbedingungen bieten. Eine Rolle kann die Lage spielen. Ein Quartier am Stadtrand hat etwa den Nachteil, dass die Anbindung schlechter ist. Busse fahren seltener, der Weg in die Stadt ist weiter, ebenso die Anreise zu Behörden und Ärzten – oder auch zu Infoveranstaltungen, auf denen die Asylbewerber wichtige Tipps für den Alltag bekommen oder sich mit anderen austauschen können. „Aber das ist nur ein Faktor“, sagt Simona Pagano. „Wir wollen genauer verstehen, warum die eine Flüchtlingsunterkunft erfolgreicher als die andere ist.“ Erfolgreicher darin, dass Asylbewerber schnell ihren Weg in den Alltag finden.

Migranten sollten am Alltag teilhaben können

Das Wort „integrieren“ vermeidet Simona Pagano. Sie spricht lieber von Teilhabe. „Aus Sicht der Sozialwissenschaftler und Migrationsforscher ist der Begriff Integration unscharf, weil er nur sehr schwammig erklärt, was es braucht, damit Menschen in einer Gesellschaft Fuß fassen können.“ Zudem werde er oftmals mit dem Begriff Assimilation vermischt –  der beschreibe, wie Menschen Gewohnheiten, Traditionen und Regeln einer anderen Gesellschaft übernehmen, um sich anzupassen.

Teilhabe treffe es besser. Wie diese Teilhabe aussehe, könne von Mensch zu Mensch verschieden sein, sagt Pagano. Für den einen seien Geld und Arbeit wichtig, für den anderen soziale Kontakte oder Privatheit. „Grundsätzlich geht es darum, in jeder Hinsicht so weit wie möglich am normalen Alltag teilhaben zu können.“

In Interviews für Radiosender und Zeitungen wurden die Göttinger Wissenschaftlerinnen schon des Öfteren gefragt, was es für eine „gelungene Integration“ braucht. „Wenn das so einfach wäre“, sagt Shahd Wari. „Für mich besteht der erste Schritt darin, dass man versteht, dass es nicht den einen Flüchtling gibt.“ Die Situation sei für jeden Flüchtling eine andere, sowohl, was seine Herkunft als auch die Lebensumstände in den Flüchtlingsunterkünften oder der Stadt angehe, in der er lebt.

Steven Vertovec, Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut, betont, dass Migranten sehr unterschiedliche soziale Fähigkeiten und Hintergründe haben, die es ihnen von vornherein leichter oder schwerer machten, sich in Deutschland zurechtzufinden: „Einige Asylbewerber schaffen es, herzliche Beziehungen zur hiesigen Bevölkerung aufzubauen, auch wenn sie nicht über gute Sprachkenntnisse verfügen. Andere lernen gut Deutsch, finden eine Arbeit, haben aber dennoch kaum soziale Kontakte.“

In den Unterkünften kumulieren all diese Unterschiede. „Ein Flüchtling hat die Situation mal sehr schön zusammengefasst“, erzählt Shahd Wari: „Er meinte, jedes Zimmer sei eine Kultur für sich. Das trifft es.“ Die Forscherinnen haben das auch daran gemerkt, dass es mitunter extrem schwierig ist, einen passenden Übersetzer zu finden. „Beim Arabisch können viele helfen, aber für einen Flüchtling aus Belutschistan, einer Bergregion im Iran, konnte man monatelang keinen Übersetzer finden, eine Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war damit gar nicht möglich.“ Und selbst wenn ein Übersetzer zur Verfügung stehe, sei es manchmal schwierig einen Draht zum Flüchtling aufzubauen, weil sehr schnell sehr private Dinge berührt würden.

Für viele Asylbewerber ist der Weg zu einem selbstbestimmten, sicheren Alltag in Deutschland lang. Vor allem der Anfang ist schwer. Simona Pagano, Shahd Wari und Susanne Becker wollen jetzt weitere Antworten darauf finden, wie er künftig weniger steinig sein kann. Mit vielen Asylbewerbern und Asylbewerberinnen sind die Forscherinnen inzwischen befreundet. „Wir verbringen viel Zeit zusammen, auch ganz unabhängig von unseren Arbeitszeiten“, sagt Wari.

Ein Treffpunkt hat ihr in dem Jahr der Studie besonders gut gefallen. Ein Café in Göttingen, in dem Einheimische und Asylbewerber locker ins Gespräch kommen können. Das Besondere: Hier muss nur eines von zwei Getränken bezahlt werden. Der Drink für die Asylbewerber geht aufs Haus oder wird von anderen Gästen übernommen. Überhaupt sind Shahd Wari Orte wichtig, an denen man sich begegnen kann – gemeinsame Hobbykurse, gemeinsame Frühstücke. „Es gibt sehr viel. Entscheidend ist am Ende, dass ein solidarisches Miteinander zwischen den Geflüchteten und den Einheimischen entsteht.“

Auf den Punkt gebracht

  • Wissenschaftler haben die Situation von Asylsuchenden in Göttinger Flüchtlingsunterkünften detailliert erfasst, um deren Bedürfnisse und Ziele sowie deren subjektive Sicht auf die Lage kennenzulernen.
  • Dabei wurde deutlich, wie vielfältig die Gruppe der Flüchtlinge zusammengesetzt ist.
  • Die Ergebnisse der Studie sollen dazu beitragen, dass Flüchtlinge in Deutschland von Anfang an besser Fuß fassen können.
  • So sollten ihnen ihre Rechte und Pflichten sowie das Verfahren für ihre Anerkennung von vornherein klar und transparent vermittelt werden.
  • Zudem sollten sich die Verantwortlichen mehr bemühen, auf grundlegende Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.

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