Europa braucht starke Forschungstreiber

17. Dezember 2014

Zur Einrichtung des von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker geplanten Investitionsfonds sollen bis zu 2,7 Milliarden Euro aus dem EU-Forschungshaushalt abgezogen werden. Wissenschaftsmanager wie Max-Planck-Präsident Martin Stratmann sehen das kritisch. Die größte Sorge ist, dass der Europäische Forschungsrat (ERC) als „Flaggschiff der europäischen Spitzenforschung“ besonders getroffen wird. Was das für Konsequenzen hätte, zeigt der Blick auf die Aufgaben dieser Einrichtung.

Zielgenaue Förderung für die Forschung in Europa - Einrichtungen wie der ERC machen das möglich und neben den Wissenschaftlern profitiert das Innovationssystem insgesamt.

Der Covent Garden ist ein 100-Meter-Hochhaus mit 26 Etagen. Nicht der allerhöchste Bau in der EU-Metropole Brüssel, aber architektonisch sticht er hervor wegen der ovalen Form, die mit viel Glas verkleidet ist. Und: Für die Forschungsförderung in Europa ist das die wichtigste Adresse. Schließlich hat dort der Europäische Forschungsrat (ERC) seinen Sitz und damit jene Agentur, die im Auftrag der EU-Kommission ein Budget von rund 13 Milliarden Euro managt. Das Ziel: Dieses Geld soll, verteilt über sieben Jahre bis 2020, im Wettbewerb an die besten Forscher in Europa vergeben werden. Die Executive Agency des ERC organisiert, geleitet vom Scientific Council, alles rund um die dafür nötigen Ausschreibungen. Bis hin zu den finalen Interviews, bei denen externe Wissenschaftler als Jury über den Erfolg der einzelnen Bewerber entscheiden.

Wettbewerb als Grundprinzip

Der ERC existiert seit 2007 und ist die erste europaweit agierende Förderorganisation für Grundlagenforschung. Etwa 4.500 Projekte hat der ERC seit seiner Gründung finanziert, ausgewählt wurden diese aus mehr als 43.000 Anträgen. Die Max-Planck-Gesellschaft hat den Aufbau des ERC von Beginn an unterstützt und in Stellungnahmen immer wieder den Modellcharakter der Einrichtung betont, weil dessen Vergabeprinzipien aufzeigen „wie eine Evaluierung und Förderung von Grundlagenforschung erfolgreich ausgestaltet werden muss“. Dazu gehört das Bekenntnis, allein wissenschafts- und qualitätsgeleitet Fördermittel zu vergeben. Gerade für EU-Länder, die nicht über eine nationale Forschungsförderung verfügen, dient der ERC zudem als Vorbild und Impulsgeber beim Aufbau eigener Strukturen.

Grants für alle Karrierestufen

Die Förderung des ERC deckt die verschiedenen Karrierestufen ab. So richten sich die Starting-Grants an hochtalentierte Nachwuchswissenschaftler, die Consolidator-Grants an Postdoktoranden mit bereits mehrjähriger Erfahrung. Dazu kommen die Advanced-Grants, die für etablierte Top-Wissenschaftler vorgesehen sind. Während in der ersten Linie bis zwei Millionen Euro und in der zweiten bis zu 2,75 Millionen Euro als Förderung gewährt werden, erhält man bei einem Advanced-Grant bis zu 3,5 Millionen Euro zur Verwirklichung der Projekte. Über fünf Jahre wird dieses Geld jeweils gezahlt. In dieser Zeit können die Grant-Inhaber an ihrer Universität beziehungsweise ihrem Institut ihre Ziele verwirklichen.

Rücken die Projekte dabei aus der reinen Grundlagenforschung heraus hin zur Anwendung, hält der ERC eine weitere Förderlinie bereit. Über den Proof of Concept lassen sich bis zu 150.000 Euro beantragen, um Businesspläne zu erstellen oder Lizenzierungen anzuschieben.

Impulse für Innovation

Die Grants gelten, angesichts des harten Wettbewerbs, längst als echte Referenz in den Lebensläufen. Auch ist man beim ERC stolz, dass 2014 drei von ihr geförderte Wissenschaftler Nobelpreise erhalten haben – das sind Edvard und May-Britt Moser (Biologie) sowie Jean Tirole (Wirtschaft). Vom Renommee profitieren auch die jeweiligen Universitäten beziehungsweise Institute, die ERC-Grant-Inhaber in ihren Reihen haben. Dass freilich nicht nur das Prestige zählt, liegt auf der Hand. Die Grants sind wichtige Drittmittel, die dem Forscher neue Projekte an den Grenzen des Wissens ermöglichen. Und in der Summe stärken die Gelder der ERC-Grants die Leistungsfähigkeit des europäischen Forschungs- und Innovationssystems insgesamt.

Angesichts des Budgets, das mit den Beschlüssen zum EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation Horizon 2020 festgelegt wurde, beziffert der ERC diesen Impact wie folgt: In sieben Jahren, bis 2020, sollen etwa 7000 Wissenschaftler mit einem Grant gefördert und etwa 42.000 Teammitglieder unterstützt werden. Unter diesen Bedingungen würden, so heißt es weiter, beinahe 11.000 Doktoranden und etwa 16.000 Postdocs in die Spitzenforschung einbezogen werden.

Kritik an Kürzungsplänen

Angesichts der Ankündigung, für den Aufbau des neuen EU-Investitionsfonds in den nächsten drei Jahren bis zu 2,7 Milliarden Euro bei Horizon 2020 einzusparen, aber könnten diese positiven Effekte deutlich geringer ausfallen. Schließlich gehen Beobachter davon aus, dass innerhalb von Horizon 2020 – mit einem Gesamthaushalt von etwa 70 Milliarden Euro von 2014-2020 – vor allem das Budget des ERC von den Kürzungen betroffen sein könnte. Offizielle Statements dazu liegen vonseiten der EU noch nicht vor, doch Wissenschaftsmanager sind bereits alarmiert.

Neben anderen hat sich auch der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft zu Wort gemeldet. Zwar sei die Initiative des EU-Kommissionspräsidenten Juncker, weiteres Wachstum in Europa zu entfalten, richtig. Wenn dafür aber Mittel abgezogen werden, die bereits für die Stärkung des Innovationssystems eingeplant sind, sei das kontraproduktiv, schreibt Martin Stratmann in einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“ und benennt Alternativen. Erwartet wird, dass die EU-Kommission im Januar einen Plan zur Umsetzung des Investitionsfonds vorstellt, der auch Details zur Finanzierung enthält.

JE

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