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Originalpublikation

V. Bochkarev, V. Solovyev, S. Wichmann
Universal versus historical contingencies in lexical evolution

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Wie häufig wir bestimmte Wörter verwenden, ändert sich ständig. Neue Wörter erscheinen, andere verschwinden. Doch wie sich die Dynamik dieser Veränderungen in verschiedenen Sprachen gestaltet, ist nur wenig erforscht. Wissenschaftler der Kazan Federal University in Russland und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben jetzt mithilfe des Google Books Ngram Korpus die Evolution des englischen Wortschatzes im Vergleich zum russischen, deutschen, französischen, spanischen und italienischen untersucht. Sie stellten fest, dass Kriege und andere gesellschaftliche Veränderungen die Evolution des Wortschatzes beschleunigen können, während sich in Zeiten der Stabilität das Vokabular einer Sprache weniger schnell verändert. Weitere Analysen ergaben, dass sich das britische und das amerikanische Englisch auseinander entwickelten, seit Mitte des 20. Jahrhunderts aber wieder einander annähern, vermutlich aufgrund der Massenmedien. Abgesehen von diesen Besonderheiten konnten die Forscher aber auch universelle Trends bei der Wortschatzentwicklung feststellen, denn über längere Zeiträume hinweg betrachtet ändert sich das Vokabular verschiedener Sprachen in einem ähnlichen Maße.

Im Wortschatz einer Sprache spiegelt sich die Welt ihrer Sprecher wider. Veränderungen im Wortschatz reflektieren dementsprechend veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen. In ihrer aktuellen Studie haben Søren Wichmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropology und seine Kooperationspartner von der Kazan Federal University untersucht, wie sich der Wortschatz von Sprachen im Laufe der Zeit verändert. Mithilfe des Google Books N-Gram Korpus konnten die Forscher den Gebrauch von Wörtern über fünf Jahrhunderte hinweg verfolgen. Der Google Ngram Viewer untersucht mittels Data Mining, wie häufig in gedruckten Publikationen ausgesuchte Wortfolgen, sogenannte n-grams, gebraucht werden. Wichmann und seine Kollegen konzentrierten sich bei der Analyse auf einzelne Wörter, so genannte 1-grams, aus sechs verschiedenen Sprachen und darauf, wie oft diese von Jahr zu Jahr verwendet wurden.

Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass gravierende Veränderungen in der Verwendungshäufigkeit von Wörtern möglicherweise durch historische Ereignisse, wie zum Beispiel den Ersten und Zweiten Weltkrieg oder die Oktoberrevolution in Russland, ausgelöst wurden. „Jede gesellschaftliche Umwälzung zieht auch eine veränderte Wortschatzverwendung nach sich”, sagt Wichmann. „Wenn ein Krieg ausbricht oder eine Revolution stattfindet, werden der Sprache neue Wörter hinzugefügt, die die Veränderungen widerspiegeln, denen die Menschen in ihrem Lebensraum ausgesetzt sind.“ In Zeiten der Stabilität, wie etwa im Viktorianischen Zeitalter in Großbritannien, blieb auch der Wortschatz relativ konstant.

Weiterhin untersuchten die Forscher die Unterschiede im Wortgebrauch zwischen dem amerikanischen und dem britischen Englisch. Diese beiden Dialekte des Englischen hatten sich seit den 1850er Jahren mehr und mehr auseinander entwickelt, nähern sich aber seit den 1950er Jahren einander wieder an. „Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts begannen die beiden Sprachvarianten sich wieder auf einander zuzubewegen, möglicherweise bedingt durch den Einfluss der Massenmedien wie Radio und Fernsehen“, sagt Wichmann. „Interessanterweise hinkt das britische dem amerikanischen Englisch um etwa 20 Jahre hinterher.”

Generell stellten die Wissenschaftler fest, dass die am häufigsten gebrauchten Wörter einer Sprache, wie Artikel, Präpositionen und Konjunktionen, sich über längere Zeit hinweg kaum verändern. Auch der „Kernwortschatz“, der 75 Prozent der geschriebenen Sprache ausmacht, verändert sich weniger häufig. Selten verwendete Wörter verändern sich hingegen häufiger. „Wenn wir einmal herauszoomen und uns einen größeren Zeitraum betrachten, sehen wir, dass sich historisch begründete Veränderungen im Wortschatz der Einzelsprachen aufheben und  die Sprachen sich im Prinzip sehr ähnlich verhalten“, sagt Wichmann.

SJ/HR

 
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