Die Sprachensammler

Das DoBeS-Archiv bewahrt bedrohtes Kulturgut indigener Völker

9. August 2012

Viele kleine Stämme verlieren immer häufiger nach und nach Teile ihrer Kultur und damit auch ihre eigene Sprache. Im Archiv zur Dokumentation bedrohter Sprachen (DoBeS) des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmwegen soll das wichtige Kulturmerkmal Sprache für kommende Generationen erhalten bleiben.

Mit einer eigens entwickelten Software können Sprachforscher am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik Video- und Sprachaufnahmen analysieren. Hier sind Aufnahmen der Kuikuro-Sprache aus dem Amazonas-Gebiet zu sehen.

Schätzungsweise 6000 bis 7000 Sprachen werden zurzeit auf dem gesamten Erdball gesprochen. Die UNESCO erwartet, dass die Hälfte dieser Sprachen, etwa das afrikanische Tima oder das Bakola, das nächste Jahrhundert nicht überleben werden. Ethnologen haben herausgefunden, dass jeder zweite Mensch eine der 19 Mehrheitssprachen – Englisch, Chinesisch, Spanisch oder auch Deutsch – spricht. Das bedeutet, dass sich fast alle Sprachen auf die restliche Hälfte der Weltbevölkerung verteilen. Allein in Papua-Neuguinea gibt es ungefähr 850 Sprachen – bei lediglich 3,6 Millionen Einwohnern.

Aber wann ist eine Sprache vom Aussterben bedroht? „Gibt es nur noch 50 Sprecher, ist die Sprache nicht automatisch gefährdet. Gefährdet ist sie erst dann, wenn sie nachfolgenden Generationen nicht mehr als Muttersprache lernen, sondern stattdessen eine Mehrheitssprache“, sagt Paul Trilsbeek, Archivmanager am Max-Planck-Institut  für Psycholinguistik. Dadurch wird sie nicht mehr weitergegeben und stirbt mit dem letzten Muttersprachler aus. Die Sprache gilt auch dann als tot, wenn sie noch als Fremdsprache „weiterlebt“ – oder Sprachen existieren, die sich aus ihr entwickelt haben. Ein Beispiel dafür ist das Latein, der Vorläufer der romanischen Sprachen und Fremdsprache an vielen Schulen in Deutschland.

Das Aussterben von Sprachen hat in der Menschheitsgeschichte schon immer stattgefunden. Aufgrund der Globalisierung läuft dieser Prozess heute noch schneller ab: „Kleine indigene Völker kommen stärker in Kontakt mit moderneren Kulturen und legen dabei eigene Merkmale ab. Die Jugend erlernt nicht mehr die Muttersprache der Eltern, weil sie einen schlechteren sozialen Status besitzt. Sie befürchten deshalb Nachteile auf dem Arbeitsmarkt und in der Ausbildung“, sagt Trilsbeek. Aber auch politische Strukturen führen zu einem Sprachtod, wenn die Regierung eines Landes die Verwendung der Mehrheitssprache durch verschiedene Maßnahmen erzwingt.

Da mit einer Sprache auch wesentliche Merkmale von Kultur und Identität indigener Völker verloren gehen, wollen Linguisten möglichst viele vom Aussterben bedrohte Sprachen archivieren. Das im Jahr 2000 gestartete und von der Volkswagenstiftung finanzierte Projekt zur Dokumentation bedrohter Sprachen (DoBeS) wird 2016 rund 100 Sprachen archiviert haben. An diesem Projekt wirken 73 kleinere Arbeitsgruppen mit, bei denen internationale Feldforscher für ein paar Monate im Jahr bei den Sprachgemeinschaften leben und Audio- und Videomaterial mitbringen.

„Wenn das Material gesammelt wurde, fängt die Arbeit für die Linguisten erst richtig an. Mithilfe der Muttersprachler werden Übersetzungen und Analysen erstellt“, erklärt Trilsbeek. Das Rohmaterial und die Übersetzungen, Wörterbücher und Analysen zu Grammatik, Syntax, Aufbau und Ähnlichem dokumentieren die Forscher dann im DoBeS-Archiv.

„Das Rohmaterial sollte möglichst umfangreich sein, um zu sehen, wie die Sprache in verschiedenen Kontexten benutzt wird. Deswegen muss es bestimmte Vorgaben erfüllen, damit eine Analyse überhaupt möglich ist“, so Trilsbeek. Eine weitere wichtige Eigenschaft: „Die elektronischen Formate der Aufzeichnungen müssen sich auch in Zukunft noch abspielen lassen.“ So wird Audiomaterial im wave-Format gespeichert, einer im Gegensatz zum mp3-Format nicht komprimierten Form. Die Arbeitsgruppe am Nimweger Max-Planck-Institut überprüft, ob die erforderlichen Richtlinien eingehalten wurden.

Trotz aller Bemühungen reichen die finanziellen Mittel laut Paul Trilsbeek nicht aus, um alle bedrohten Sprachen zu dokumentieren und damit für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. In jedem Fall wäre es besser, wenn nicht so viele Sprachen aussterben würden. Ein Mittel dagegen ist die Förderung der Mehrsprachigkeit. Diese hat noch einen weiteren positiven Effekt: Das mehrsprachige Aufwachsen fördert Intelligenz und Kreativität, weil es den Umgang mit verschiedenen Denksystemen erfordert.

SB/HOR/HR

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