Fledermäuse im Aufwind

Fledermäuse lassen sich von Luftströmungen in fast 2000 Meter Höhe tragen

Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Manche Arten legen auf ihren nächtlichen Ausflügen mehr als hundert Kilometer auf der Suche nach Nahrung zurück. Forscher des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell haben nun entdeckt, dass europäische Bulldoggfledermäuse Aufwinde für ihre Steigflüge nutzen – ein Verhalten, das bisher nur von Vögeln bekannt war. Dafür haben sie die Fledermäuse mithilfe von Mini-GPS-Sendern verfolgt und die Flugdaten anschließend mit Wetterdaten verknüpft. Die Tiere können so ohne großen Energieaufwand weit über 1000 Meter Höhe gewinnen. Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Fledermäuse Fluggeschwindigkeiten von bis zu 135 Kilometern pro Stunde erreichen.

Die europäische Bulldoggfledermaus jagt nicht nur in Bodennähe nach Insekten, sondern steigt mitunter auch in große Höhen auf.

Dank der Entwicklung kleiner, leistungsstarker GPS-Sender können Forschende die Flugrouten von Fledermäusen genau verfolgen. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Portugal und den USA haben Forschende des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell europäische Bulldoggfledermäuse mit solchen Sendern bestückt. Die erstaunlichen Erkenntnisse zum Flugverhalten der kleinen Säugetiere hat erst die internationale Zusammenarbeit von Experten für Tierverhalten, Meteorologie, Biomechanik und Modellierung möglich gemacht.

Die Auswertung der GPS-Daten hat ergeben, dass die Fledermäuse oft dem natürlichen Verlauf der Landschaft folgen und dieselbe Höhe über dem Boden halten. Hin und wieder jedoch schießen sie förmlich in die Höhe, um dann wieder hinabzustürzen – ein Verhalten, das die Forscher als Achterbahnflug bezeichnen. Die Fledermäuse steigen dabei 300 bis 800 Meter. Eine Fledermaus erreichte sogar den Spitzenwert von 1680 Metern über dem Erdboden.

Die Wissenschaftler vermuten, dass sich die Fledermäuse so einen Überblick über die Landschaft verschaffen, oder nach Insektenschwärmen suchen. „Vielleicht haben sie auch einfach nur Spaß“, sagt der Hauptautor der Studie Teague O’Mara, der inzwischen in den USA forscht. Warum die Tiere sich nach dem Steigflug direkt wieder hinabstürzen, lässt sich einfach erklären: Fledermäuse können nicht lange gleiten. Ihre Flügel sind dazu nicht gemacht, sie sind zu flexibel und dehnbar. Darum können sie den Höhengewinn nicht für einen ausgedehnten Gleitflug nutzen, wie es etwa Störche tun.

Hindernisse erzeugen Aufwinde

Europäische Bulldoggfledermaus.

Die Steigflüge, bei denen die Fledermäuse pro Sekunde bis zu 4,5 Meter Höhe gewinnen, wären für die kleinen Tiere im aktiven Flug enorm kräftezehrend. Darum haben die Forschenden untersucht, ob die Tiere dabei von günstigen Winde profitieren. Dieses Verhalten ist von einigen Vogelarten wie etwa Geiern und Störchen bekannt, die sich mithilfe von thermischen Aufwinden in die Höhe schrauben. Thermik entsteht allerdings nur, wenn die Sonne den Erdboden und damit die unteren Luftschichten stark erwärmt. Nachts müssen die Fledermäuse daher andere Arten von Aufwind nutzen. Die genaue Analyse der Flugrouten zeigte, dass sie vermutlich die Aufwärtsbewegung nutzen, die entsteht, wenn Winde quer auf Hindernisse, wie etwa Gebirge und andere Erhebungen treffen.

Noch ist allerdings unklar, wie die Tiere diese Stellen ausfindig machen. Möglicherweise erkennen sie günstige Landschaftsmerkmale wie Steilhänge. Aus ihren positiven Erfahrungen an diesen Stellen könnten sie lernen und sie immer wieder ansteuern. „Unsere Ergebnisse sind zunächst nur ein kleiner Einblick, eröffnen aber ein spannendes neues Forschungsfeld“, erklärt Dina Dechmann, Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut in Radolfzell.

In einer früheren Studie hatten sie und ihre Kollegen bei der kleineren mexikanischen Bulldoggfledermaus Fluggeschwindigkeiten von über 150 Kilometern pro Stunde gemessen – ein Ergebnis, das in der Forschungsgemeinschaft zum Teil mit Skepsis aufgenommen wurde. Die neuen, mit noch besseren Methoden gemessenen Daten bestätigen diese früheren Ergebnisse jedoch und kommen auf einen ähnlichen Spitzenwert von 135 Kilometern pro Stunde für den Flug aus eigener Kraft, Geschwindigkeiten die zum bisherigen Wissensstand nur von Vögeln im Sturzflug übertroffen werden. „Wir wissen nicht, wie die kleinen Tiere diese irren Geschwindigkeiten erreichen“, sagt Teague O‘Mara. Beinahe die gesamte Kraft für den Flügelschlag stammt nämlich aus den nur etwa zwei Zentimeter langen Brustmuskeln der Tiere.

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