Forschungsbericht 2019 - Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen

Stress und Wettbewerb – eine ungünstige Kombination für Frauen

Autoren
Cahlíková, Jana; Cingl, Lubomír; Levely, Ian
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, München
Zusammenfassung
Für Frauen wie Männer gilt: Wettbewerb spornt zu besseren Leistungen an. Sind Frauen jedoch zusätzlich erhöhtem Stress ausgesetzt, haben Wettbewerbssituationen auf sie den gegenteiligen Effekt: Ihre Leistung nimmt ab. Folglich vermeiden gestresste Frauen verstärkt den Wettbewerb. Diese Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten ökonomischen Studie könnten erklären, warum Frauen in gut bezahlten Berufen sowie in Führungspositionen immer noch unterrepräsentiert sind, und stellen manche Managementmethode infrage.

Die wichtigsten Karriereereignisse – etwa Vorstellungsgespräche, Aufnahmeprüfungen oder Gehaltsverhandlungen – ereignen sich unter Stress und in Wettbewerbssituationen. Sowohl um Einstellungspraktiken zu verfeinern, damit tatsächlich die am besten geeignete Person einen Posten bekommt, als auch um Anreizsysteme für Mitarbeiter zu optimieren, ist es wichtig zu verstehen, wie sich Stress auf das Wettbewerbsverhalten von Menschen auswirkt. Und ob es dabei systematische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt.

Die Ökonomen Jana Cahlíková vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, Lubomir Cingl von der Wirtschaftsuniversität Prag und Ian Levely vom King’s College London haben Laborexperimente mit 190 Studierenden (95 Männer und 95 Frauen) in der Tschechischen Republik durchgeführt, um herauszufinden, wie Frauen und Männer auf Stress und Wettbewerb reagieren. Sie manipulierten den Stresspegel ihrer Probandinnen und Probanden und untersuchten die Auswirkungen auf das Wettbewerbsverhalten.

Im Experiment wird psychosozialer Druck aufgebaut

Die Hälfte der Teilnehmenden an ihrer Laborstudie wurde einem hocheffizienten Verfahren zur Induktion von psychosozialem Stress ausgesetzt, dem „Trier Social Stress Test“. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer musste zunächst über seine oder ihre Stärken und Schwächen sprechen und anschließend eine ziemlich anspruchsvolle kognitive Aufgabe lösen. Das Ganze passierte unter den Augen einer Kommission, die keine Emotionen zeigte, um den Stress weiter zu erhöhen, und wurde zudem von einer Kamera aufgezeichnet. Die zweite Hälfte der Teilnehmenden, die Kontrollgruppe, musste einen kurzen Artikel laut vorlesen und eine einfache Aufgabe lösen. Anschließend ermittelte das Forscherteam Herzfrequenz und Cortisolspiegel der Teilnehmenden und stellte fest, dass Männer wie Frauen hohe Stresswerte aufwiesen, wenn sie dem Stressverfahren ausgesetzt worden waren.

Nun mussten alle Probandinnen und Probanden einfache Additionsaufgaben lösen – binnen zwei Minuten so viele wie möglich. Sie wurden unterschiedlich dafür entlohnt: In den sogenannten Stücklohnrunden erhielten sie einen Lohn pro korrekt gelöster Aufgabe. In den sogenannten Wettbewerbsrunden mussten sie paarweise gegeneinander antreten. Hatten sie mehr Aufgaben gelöst als die Gegenspielerin oder der Gegenspieler, erhielten sie einen doppelt so hohen Lohn wie in den Stücklohnrunden. Schnitten sie schlechter ab, gingen sie leer aus.

Die Leistung gestresster Frauen lässt im Wettbewerb nach

Es zeigte sich, dass Männer und Frauen auf die Kombination aus Stress und Konkurrenzdruck unterschiedlich reagieren. Wettbewerb spornt Männer grundsätzlich an: Unabhängig davon, ob sie unter erhöhtem Stress standen oder in der Kontrollgruppe waren, schnitten die männlichen Probanden in den Wettbewerbsrunden besser ab als in den Stücklohnrunden.

Die Probandinnen reagierten unterschiedlich auf die Wettbewerbssituation, abhängig von ihrem Stress-Level: Frauen aus der Kontrollgruppe schnitten in den Wettbewerbsrunden deutlich besser ab als in den Stücklohnrunden. Stark gestresste weibliche Probandinnen hingegen zeigten mit Wettbewerb eine schwächere Leistung als ohne. Interessanterweise erzielten sowohl stark als auch wenig gestresste Probandinnen die gleiche Leistung, solange sie nicht im Wettbewerb standen.

Wettbewerb spornt wenig gestresste Frauen an

Erst die Kombination von starkem Stress und Wettbewerb wirkt sich also negativ auf die Leistung von Frauen aus: Stress an sich mindert die Leistungsfähigkeit nicht, und Wettbewerb an sich spornt die wenig gestressten Frauen an.

In den nun folgenden Runden durften die Probandinnen und Probanden selbst zwischen Stücklohn und Wettbewerbslohn wählen. Dabei stellte sich heraus, dass im Durchschnitt sowohl männliche als auch weibliche Probanden der Stressgruppe trotz Aussicht auf höhere Entlohnung den Wettbewerb stärker mieden als Probandinnen und Probanden aus der Kontrollgruppe.

Bei Frauen lässt sich dieses Verhalten mit der vorhergehenden Erfahrung der schlechteren Leistung im Wettbewerb erklären. Frauen, die ohnehin eher vor Wettbewerbssituationen zurückschrecken als Männer, sind unter starkem Stress noch weniger bereit zu konkurrieren. Bei Männern waren zwar keine negativen Auswirkungen von Stress auf die Leistung festzustellen, auch nicht in Wettbewerbssituationen. Dennoch vermieden Männer wie auch Frauen den Wettbewerb eher, wenn sie unter psychosozialem Stress standen.

Managementpraktiken und Anreizsysteme überdenken

„Unsere Ergebnisse können dazu beitragen, geschlechtsspezifische Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt zu erklären“, sagt Jana Cahlíková. „So entfalten zum Beispiel Frauen in Einstellungsverfahren, die gleichzeitig Stress und Wettbewerbssituationen enthalten, nicht ihr volles Potenzial. Vor allem, wenn in Vorstellungsgespräch oder Assessment Center ein höheres Ausmaß an Stress und Wettbewerb erzeugt wird, als die eigentliche Arbeit oder Position später erfordert, ermittelt ein solcher Auswahlprozess nicht die geeignetste Kandidatin oder den geeignetsten Kandidaten.“

Darüber hinaus legen die Ergebnisse von Cahlíková, Cingl und Levely nahe, dass es kontraproduktiv sein kann, wenn Unternehmen Anreize für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaffen, miteinander zu konkurrieren und damit zusätzlichen sozialen Druck aufbauen. Einstellungs- und Managementpraktiken, die die Forschungsergebnisse der Ökonomen berücksichtigen, zahlen sich aus und tragen gleichzeitig dazu bei, geschlechtsspezifische Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt zu nivellieren.

Literaturhinweis

1.
Cahlíková, J.; Cingl, L.; Levely, I.
How Stress Affects Performance and Competitiveness across Gender
Management Science, published online 16 Jul 2019

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