Sterblichkeit verbesserte sich schon in der DDR

Wiedervereinigung nicht der einzige Grund für Anstieg der Lebenserwartung in Ostdeutschland

26. April 2018

Die deutsche Wiedervereinigung gilt als Auslöser für die historisch außergewöhnlich schnelle Steigerung der ostdeutschen Lebenserwartung. Weil die Menschen von besserer medizinischer Versorgung profitierten und ihren Wohlstand steigerten, verlängerte sich ihr Leben - so die gängige Interpretation. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock deutet nun darauf hin, dass der Prozess schon zehn Jahre vor der Wende noch während des DDR-Regimes begann.

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Die Wende wirkte lebensverlängernd: Nach dem Fall der Mauer ist die Lebenserwartung in Ostdeutschland deutlich angestiegen - ein Trend der schon zu DDR-Zeiten begann.

Während Frauen in der DDR direkt vor der Wende 1990 im Durchschnitt noch drei Jahre kürzer lebten als in der damaligen Bundesrepublik, haben sie inzwischen längst in beiden Landesteilen dieselbe Lebensspanne. Als Grund dafür wird vor allem die Einführung des westdeutschen Gesundheitssystems im Gebiet der ehemaligen DDR gesehen. Nun legt eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung nahe, dass die Übernahme des westdeutschen Gesundheitssystems im Osten nicht der eigentliche Startpunkt für die Annäherung der Lebenserwartung war.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gingen schon seit 1980 in der DDR zurück

„Die deutsche Wiedervereinigung hat eher Trends verstärkt und beschleunigt, die schon in der DDR da waren“, sagt Pavel Grigoriev vom Rostocker Max-Planck-Institut, der die Studie zusammen mit Markéta Pechholdová von der Wirtschaftsuniversität Prag veröffentlicht hat. In ihrer Untersuchung splitteten die Wissenschaftler die Sterblichkeit so in einzelne Todesursachen auf, dass sie jede einzelne bis 1960 zurückverfolgen konnten – und damit erstmals bis lange vor die Wiedervereinigung von 1990. So entdeckten sie, dass die häufigste Todesursache, nämlich Herz-Kreislauf-Krankheiten, schon zehn Jahre vor dem Ende der DDR-Zeit stark rückläufig war.

Die Daten der neuen Studie zeigen, dass das Risiko, in Ostdeutschland an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, schon zwischen 1980 und 1990 um 16 Prozent fiel. In den Jahren zuvor war der Wert fast konstant geblieben. „Wir sehen dies als erstes Anzeichen der so genannten ‚kardiovaskulären Revolution’, und damit als Startpunkt für den beschleunigten Anstieg der Lebenserwartung“, sagt Pavel Grigoriev.

Unter der „kardiovaskulären Revolution“ verstehen Experten den massiven Rückgang von Todesfällen durch Herz-Kreislauf-bedingte Ursachen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Das Phänomen wurde in quasi allen entwickelten Ländern beobachtet und gilt als Startpunkt für anhaltende Verbesserungen der Lebensbedingungen, in deren Verlauf die Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern weltweit beachtlich anstieg. Nach dem Fall der Mauer nahm die Verringerung des Herz-Kreislauf-Sterberisikos noch an Tempo zu und die Sterblichkeit fiel um weitere fast 40 Prozent während der ersten zehn Jahre im vereinigten Deutschland.

Verhaltensänderung plausibler Grund für fallende Sterblichkeit in DDR

Mittelfristig beeinflussen vor allem zwei Dinge die Sterblichkeit: Das individuelle Verhalten durch Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung oder Sport, und das Gesundheitssystem. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Verbesserungen der Sterblichkeit im Osten vor der Wiedervereinigung auf das Gesundheitssystem zurückgehen“, sagt Pavel Grigoriev. Die Gesundheitsversorgung in der DDR sei bekannt gewesen für ihre Ineffizienz, insbesondere bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Der plausibelste Grund dafür, dass sich das Sterberisiko schon in der DDR verbesserte, glaubt der Max-Planck-Wissenschaftler, liegt in einem gesünderen Lebensstil, dem sich die DDR-Bürgerinnen und -Bürger seit den 1980er-Jahren zuwandten. Seine Studie enthält allerdings keine Daten, die dies direkt belegen könnten. „Der noch schnellere Rückgang der kardiovaskulären Sterblichkeit seit 1990 kann zudem nicht ohne den Einfluss der neuen westlichen Medizinversorgung erklärt werden." Verhaltensänderungen allein könnten einen so starken und gleichzeitig langanhaltenden Rückgang wie seit der Wende nicht verursachen.

„Trotz ausgiebiger Forschung sind die Mechanismen, die zur Angleichung der Lebenserwartung im Osten und im Westen Deutschlands führten, noch nicht ausreichend verstanden“, sagt Demograf Grigoriev. Der frühe Beginn der kardiovaskulären Revolution, und damit der Prozesse, die zum starken Anstieg der ostdeutschen Lebensspanne führten, war bisher nicht bemerkt worden, da der Blick zu sehr auf die Lebenserwartung an sich gerichtet war, nicht aber auf die sie bestimmenden Sterblichkeiten, aufgeschlüsselt nach den relevanten Todesursachen.

Todesursachen vergleichbar gemacht

Die Sterblichkeitsdaten, die die Forscher für ihre Studie zusammenstellten, könnten kausale Analysen in Zukunft vereinfachen. Um die Sterberisiken über viele Jahrzehnte für beide deutschen Landesteile vergleichbar zu machen, führten die Wissenschaftler die Vielfalt von Todesursachen zu einer einheitlichen Liste von 186 Gründen zusammen, deren Häufigkeit für jedes Jahr seit 1960 beziffert werden kann. Normalerweise unterscheiden sich die Definitionen von Todesursachen von Land zu Land und ändern sich im Laufe der Zeit.

BS

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