Dunkle Materie wirkt nicht als Wachstumsfaktor

Vielmehr bestimmen Galaxien-Bulges die Masse zentraler schwarzer Löcher

Massereiche schwarze Löcher gibt es im Zentrum fast aller Galaxien. Dabei beherbergen die größten Galaxien die schwersten schwarzen Löcher, sie sind auch von den größten Halos aus Dunkler Materie umgeben. Wissenschaftler vermuteten deshalb, dass es eine direkte Verbindung zwischen Dunkler Materie und schwarzen Löchern geben und dass somit die Physik exotischer Materie das Wachstum eines schwarzen Lochs bestimmen könnte. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, der Universitätssternwarte München und der Texas-Universität in Austin konnten nun in einer umfangreichen Studie nachweisen, dass die Masse eines schwarzen Lochs nicht direkt mit der Masse des Halos aus Dunkler Materie zusammenhängt. Die Masse des schwarzen Lochs hängt vielmehr von der Entstehung des galaktischen Bulges ab. (Nature, 20. Januar 2011)

Die Sombrero-Galaxie (M104, NGC 4594) ist ein Beispiel für eine Galaxie, die von einem Bulge dominiert wird. Sie enthält ein schwarzes Loch mit etwa 1000 Millionen Sonnenmassen.

Galaxien wie unsere Milchstraße bestehen aus Milliarden Sternen sowie gewaltigen Mengen an Gas und Staub. Diese Komponenten können bei unterschiedlichen Wellenlängen beobachtet werden, vom Radio- und Infrarotbereich für kühlere Gebiete bis hin zu optischen und Röntgenwellenlängen für Teile, die auf hohe Temperaturen aufgeheizt wurden Darüber hinaus gibt es noch zwei weitere wichtige Komponenten, die dagegen keinerlei Licht aussenden und sich nur durch ihre gravitative Wirkung bemerkbar machen.

So sind alle Galaxien in einen Halo aus „Dunkler Materie“ eingebettet, der weit über die sichtbaren Ränder der Galaxie hinausreicht und den größten Teil ihrer Masse beiträgt. Auch wenn dieser Halo nicht direkt beobachtet werden kann, so kann er doch aufgrund seiner Wirkung auf die Bewegung der Sterne, Gas und Staub vermessen werden. Die Beschaffenheit der Dunklen Materie ist bislang unbekannt, allerdings vermuten Wissenschaftler, dass sie aus exotischen Teilchen bestehen, die sich grundlegend von der normalen (baryonischen) Materie unterscheiden.

Der zweite unsichtbare Bestandteil einer Galaxie ist das extrem massereiche schwarze Loch in ihrem Innern. In Spiralgalaxien befindet es sich im so genannten „Bulge“ (Ausbuchtung), dem dichten  Zentralbereich dieser Galaxien. Im Zentrum unserer Milchstraße befindet sich ein schwarzes Loch, das etwa vier Millionen Mal schwerer ist als unsere Sonne. Derartige oder noch massereichere Schwerkraftmonster konnten in allen leuchtkräftigen Galaxien mit zentralen Bulges nachgewiesen werden, bei denen eine direkte Suche möglich war. Die Astronomen nehmen an, dass die meisten oder sogar alle Galaxien mit einem Bulge ein schwarzes Loch in ihrem Zentrum beherbergen. Auch diese Komponente der Galaxie kann aber nicht direkt beobachtet werden. Die Masse des schwarzen Lochs ergibt sich vielmehr aus der Bewegung der Sterne in seiner Umgebung.

Seit 2002 gibt es Spekulationen, dass eine enge Korrelation zwischen der Masse des schwarzen Lochs und der äußeren Rotationsgeschwindigkeit in galaktischen Scheiben bestehen könnte, die vom Dunklen Materie-Halo bestimmt wird. Dies würde bedeuten, dass die unbekannte Physik der exotischen Dunklen Materie auf irgendeine Weise das Wachstum des schwarzen Lochs bestimmt. Andererseits wurde schon einige Jahre zuvor gezeigt, dass die Masse des schwarzen Lochs gut mit der Masse des Bulges oder der Leuchtkraft korreliert. Da größere Galaxien im Allgemeinen auch größere Bulges besitzen, war nicht klar, welche dieser Korrelationen nun tatsächlich das Wachstum der schwarzen Löcher bestimmt.

Um diese Frage zu beantworten, untersuchten John Kormendy und Ralf Bender Galaxien, die in massereichen Halos aus Dunkler Materie eingebettet sind und damit hohe Rotationsgeschwindigkeiten aufweisen, die aber nur kleine oder gar keine Bulges haben. Dabei fanden sie heraus, dass Galaxien ohne Bulge – selbst wenn sie von massereichen Dunklen Materie-Halos umgeben waren – im besten Fall schwarze Löcher sehr kleiner Masse enthielten. Die Forscher konnten damit zeigten, dass das Wachstum der schwarzen Löcher hauptsächlich mit der Entstehung eines Bulges und nicht mit der Dunklen Materie zusammenhängen.

„Man kann sich nur schwer vorstellen, wie eine über große Entfernungen dünn verteilte Dunkle Materie das Wachstum eines schwarzen Lochs in einem winzigen Raum tief im Innern einer Galaxie beeinflussen könnte“, sagt Ralf Bender vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und der Universitätssternwarte München. John Kormendy von der Texas-Universität fügt hinzu: „Es ist weitaus plausibler, dass die schwarzen Löcher durch Gas aus ihrer Umgebung wachsen, insbesondere während der Entstehungsphase der Galaxien.“

Im allgemein anerkannten Bild der Strukturbildung im Universum werden die Scheiben von Galaxien durch häufige Verschmelzungen mit anderen Galaxien durcheinandergewirbelt, wodurch Gas ins Zentrum fallen kann. Dies löst zum einen eine erhöhte Sternentstehungsaktivität aus und führt dem schwarzen Loch zum anderen Material zu. Kormendys und Benders Beobachtungen deuten darauf hin, dass dies in der Tat der dominierende Prozess ist, der zur Entstehung und zum Wachstum schwarzer Löcher führt.

(HAE / HR)

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