Gedächtnis für bedrohte Sprachen

Max-Planck-Sprachenarchiv im "Memory of the World"-Register der UNESCO aufgenommen

12. Oktober 2015

Es ist eine schöne Anerkennung für die Forscher am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik. Große Teile von"The Language Archive" des Instituts in Nijmegen sind jetzt von der Unesco ins Weltdokumentenerbe aufgenommen worden. Gefördert wurde das Projekt von einer Stiftungsinitiative der Volkswagenstiftung.

Zwei Drittel der Sprachen weltweit sind bedroht. Forscher können sie durch Sprachaufzeichnungen bewahren. Hier betrachtet eine Gruppe von Menschen die eine Klicksprache mit dem Namen "ǂAkhoe Haiǁom" sprechen, Aufnahmen, die von ihnen gemacht wurden.

Rund zwei Drittel der weltweit noch gesprochenen 6500 Sprachen – so die Schätzung – laufen Gefahr, in den nächsten ein bis zwei Generationen zu verschwinden. Wenn aber eine Sprache stirbt, dann stirbt letztlich ein Stück kultureller Vielfalt unserer Welt. Die Initiative kann diese Entwicklung nicht aufhalten, wohl aber dafür sorgen, die Zeugnisse dieser meist nur mündlich vermittelten Sprachkulturen vor ihrem spurlosen Verschwinden in einem elektronischen Archiv für bedrohte Sprachen aufzuzeichnen: mit Tonband, Videokamera, Fotoapparat und Notizblock.

Die 64 jetzt in das bedeutende Register aufgenommenen Sammlungen des "The Language Archive" (TLA) dokumentieren 102 unterschiedliche Sprachen, die nur noch von kleinen Sprechergemeinschaften genutzt werden. Sie sind deshalb vielfach dem Untergang geweiht. Durch die Analyse und Beschreibung ihres Wortschatzes und der Grammatik, vor allem auch durch die Aufzeichnung der Sprachpraxis in umfassenden audio-visuellen Materialen, bleiben die Sprachen dem Gedächtnis der Welt erhalten und sind auch in Zukunft zum Beispiel für die Wissenschaft nutzbar.

Die VolkswagenStiftung hatte die Initiative Dokumentation bedrohter Sprachen (DobeS) im Jahr 1999 eingerichtet und ermöglichte in rund 15 Jahren mit knapp 30 Millionen Euro Sprachdokumentationsprojekte auf allen fünf Kontinenten. Das digitale Herzstück des DobeS-Archivs wurde am Max-Planck-Institut in Nijmegen entwickelt und bildet heute auch den Kern des TLA. Dass das Sprachen-Archiv nun zum Welt-Dokumentenerbe gehört, empfinden alle Beteiligten als eine große Auszeichnung: die dokumentierenden Wissenschaftler in aller Welt, die Softwareexperten in Nijmegen und natürlich auch die Förderer in Hannover.

Das Weltdokumentenerbe der Unesco ist ein weltumspannendes digitales Netzwerk mit ausgewählten herausragenden Dokumenten: wertvollen Buchbeständen, Handschriften, Partituren, Unikaten, Bild-, Ton- und Filmdokumenten. Das Register umfasst 348 Dokumente aus aller Welt, darunter die 21 Thesen der Solidarnosc, die Kolonialarchive Benins, Senegals und Tansanias, die Sammlung indigener Sprachen in Mexiko, die Archive des Warschauer Ghettos, das älteste noch erhaltene Manuskript des Korans "Mushaf von Othman" aus Usbekistan sowie als erste Zeugnisse des Buchdrucks die Göttinger Gutenberg-Bibel und der koreanische Frühdruck Jikji, eine Anthologie der Zen-Lehre.

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