Die Max-Planck-Gesellschaft erforscht ihre eigene Geschichte

Das Forschungsprogramm ist auf sieben Jahre angelegt

6. Februar 2015

In einem auf sieben Jahre angelegten Forschungsprogramm wird die Max-Planck-Gesellschaft ihre Geschichte in allen Facetten untersuchen. Dabei wird ihre Dynamik ebenso beleuchtet wie ihre ethischen Fehltritte, ihre produktiven Irrwege und die Erfolge ihrer Forschung. Das am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte angesiedelte Forschungsprojekt kann nun mit der Arbeit beginnen, nachdem der wissenschaftliche Beirat - unter Einbindung unabhängiger externer Wissenschaftler - und führende operative Positionen des Projekts zum großen Teil besetzt wurden.

Im Frühjahr 2014 hatte der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Peter Gruss die historische Erforschung der Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft initiiert. Der amtierende Präsident Martin Stratmann hat im Juni 2014 ein Forschungsprogramm zur „Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft 1948–2002“ auf den Weg gebracht, das jetzt seine Arbeit aufgenommen hat. Darüber hinaus hat er dem Forschungsprogramm größtmögliche Unterstützung zugesagt. In den kommenden sieben Jahren soll die Entwicklung der MPG von ihrer Gründung im Jahre 1948 bis zum Ende der Präsidentschaft Hubert Markls im Jahre 2002 historisch untersucht werden.

Ziel des Forschungsprogramms ist es, die Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft umfassend zu rekonstruieren und in ihren zeit- und wissenschaftshistorischen Zusammenhängen darzustellen. Das Forschungsprogramm bezieht hierbei die personellen, institutionellen und wissenschaftshistorischen Kontinuitäten zu ihrer Vorgängerorganisation, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ihren Instituten mit ein. An die Studien des Forschungsprogramms der Präsidentenkommission „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“ anknüpfend, wird deshalb auch danach gefragt werden, welche Hypotheken der NS-Vergangenheit auch die Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft belastet haben und wie mit der Aufklärung der Verstrickungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in NS-Verbrechen umgegangen wurde.

Auch kritische Themen sollen vorbehaltlos untersucht werden

Bei dem neuen Projekt geht es sowohl um die Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft als Ganzer als auch um die ihrer Institute, ihrer wissenschaftlichen Programme und Arbeitsweisen, ihrer Strukturen und Ergebnisse. Dabei sollen gleichermaßen Erfolge und Misserfolge im Wandel der Jahrzehnte analysiert werden. Das Projekt bezieht eine Vielzahl von Perspektiven ein: Es geht nicht nur um Leitungspersonen und Leitungsmethoden, sondern auch um das wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Personal sowie um das Selbstverständnis der Max-Planck-Gesellschaft, ihre Kooperationen und ihr Verhältnis zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur.

Auch kritische Themen wie die ethischen Grenzen von Forschung, die Dual-Use-Problematik und externe Einflußnahmen sollen vorbehaltlos untersucht werden. Wissenschaftsgeschichte und Zeitgeschichte sollen dabei in neuartiger Weise verknüpft werden. "Das Projekt kann am Beispiel der Max-Planck-Gesellschaft die oft unterschätzte Bedeutung der Wissenschaften als Innovations- und Reflexionspotential moderner Gesellschaft  verdeutlichen, aber auch die Notwendigkeit, die Wissenschaft in die öffentlichen Diskussionen einer demokratischen Gesellschaft einzubeziehen," sagt Jürgen Renn, einer der Leiter des Forschungsprogramms.

Im Fokus steht der Wandel der Max-Planck-Gesellschaft

Konkret soll das Forschungsprogramm anhand institutsübergreifender Fragestellungen die dynamischen Wechselwirkungen von Forschungspraxis und Institutionengeschichte anhand mehrerer Themenschwerpunkte exemplarisch untersuchen. Im Fokus steht der Wandel der Max-Planck-Gesellschaft mit Blick auf ihre Einbettung in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Betrachtet werden hierbei auch ihre Konkurrenzverhältnisse und Lernprozesse, sowie der Umgang mit internationalen und globalen Herausforderungen. Eine zentrale Fragestellung ist die nach der Entstehung von wissenschaftlichem Wissen und seinen Wechselwirkungen mit institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten.

Das Forschungsprogramm mit Sitz am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin steht unter Leitung von Prof. Dr. Jürgen Renn (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte), Prof. Dr. Carsten Reinhardt (President of the Chemical Heritage Foundation, Philadelphia/Universität Bielefeld) und Prof. Dr. Jürgen Kocka (Wissenschaftszentrum Berlin). Die operative Projektleitung wurde Dr. Florian Schmaltz (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte) übertragen. Das Forschungsteam besteht aus ausgewiesenen Wissenschaftshistorikern und -historikerinnen sowie Historikern und Historikerinnen der Zeit- und Sozialgeschichte. Begleitet wird das Forschungsprogramm von einem internationalen Fachbeirat.