Umweg zur Annäherung

9. Februar 2015

Die Wissenschaftsbeziehungen zwischen Israel und Deutschland sind heute offener denn je, sogar für einstige Tabuthemen, sagt der Wissenschaftshistoriker und Max-Planck-Direktor Jürgen Renn im Interview. Der Weg dahin war auch für die Max-Planck-Gesellschaft weit. Er begann mit der Annäherung beider Staaten nach dem Holocaust, ermöglicht durch verschwiegene Diplomatie und engagierte Forscher. Zudem bedurfte es angesichts internationaler Krisen wie dem Sechs-Tage-Krieg eines besonderen Wechselspiels von Politik und Wissenschaft – und der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Jürgen Renn ist Direktor am Berliner Max-Planck-Instititut für Wissenschaftsgeschichte.

Herr Jürgen Renn, im Jahr 2015 feiern Deutschland und Israel 50 Jahre diplomatische Beziehungen. Die Wissenschaft gilt als Wegbereiter zu dieser Annäherung, die 1965 unter Kanzler Ludwig Erhard zum Austausch von Botschaftern geführt hat. Was sagen Sie dazu?

Tatsächlich ist bereits im Jahr 1959 die erste offizielle Delegation von Wissenschaftlern der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) auf Einladung des Weizmann Institute of Science (WIS) nach Israel gereist – und zwar unter Leitung von Otto Hahn, dem damaligen Präsidenten der MPG. Das war der Beginn offizieller Kooperation, nicht in der Politik, aber zwischen den zwei noch sehr jungen Staaten. Im Gegensatz zu dem, was man bisher generell gedacht hat, war die MPG, war die Wissenschaft trotz dieser Reise nicht der Brückenbauer, dem dann die Politik gefolgt ist. Sondern es war eher umgekehrt, dass in einem für beide Länder äußerst schwierigen politischen Umfeld am Anfang politische Kontakte standen. Diese politischen Kontakte und Wünsche zur Kooperation waren am leichtesten im Medium der Wissenschaften voranzubringen.

Wer hat diese erste Reise dann initiiert?

Auf israelischer Seite wurde die Initiative vonseiten des WIS angestoßen, das einen Vertreter in Europa hatte: Joseph Cohn suchte nach finanzieller und wissenschaftlicher Unterstützung für das noch junge WIS, um den Ausbau der Forschung zu ermöglichen. Über einen gemeinsamen Freund aus der Industrie hatte Cohn Verbindungen zu Bundeskanzler Konrad Adenauer. Und der hat die Initiative aufgenommen und im Endeffekt aus politischen Motiven die Mittel zur Verfügung gestellt für die Kooperation mit dem WIS.

Warum fiel die Wahl auf die Max-Planck-Gesellschaft?

Einmal ist die MPG wegen des gemeinsamen Fokus auf die Grundlagenforschung der natürliche Partner des Weizmann-Instituts, wichtiger scheinen aber die persönlichen Kontakte gewesen zu sein: mit Otto Hahn als Präsident, vor allem auch mit Max-Planck-Direktor Wolfgang Gentner, der gute Kontakte hatte zu Amos de-Shalit, einem israelischen Atomphysiker, und zu Joseph Cohn. Aus deutscher Sicht war das WIS der ideale Partner. Es traf das Selbstbild der MPG, da dies der wissenschaftliche Brennpunkt in Israel war. Auf engstem Raum war in Rehovot die israelische Spitzenforschung mehr oder weniger gebündelt, sodass man mit einem Kontakt viele besonders lohnende Forschungsprojekte realisieren konnte.

Also hatte die Wissenschaft selbst auch Interesse an der Kontaktaufnahme …

Nicht „die Wissenschaft“, schließlich gab es auf beiden Seiten auch Wissenschaftler, die der Kooperation skeptisch bis ablehnend gegenüber standen, aber einzelne Wissenschaftler waren sehr interessiert. Und nach der Reise hielt Hahn auch fest, dass das WIS in einzelnen Bereichen besser ausgestattet war als vergleichbare Institute der MPG. Neben dem hohen Stand der Ausstattung war Hahn von dem wissenschaftlichen Niveau beeindruckt. Zudem hat man natürlich über Israel auch die Vernetzung mit den USA gesucht, die bereits eng mit Israel kooperierten. Es ging also von Beginn an tatsächlich um wissenschaftlichen Mehrwert, nicht um Entwicklungshilfe, beziehungsweise allein um moralische Wiedergutmachung. Letzteres spielte beim Politiker Adenauer eine wichtige Rolle. Darüber hinaus war die wissenschaftliche Kooperation für ihn eine Kompensation für die Schwierigkeit, diplomatische Beziehungen mit Israel zu etablieren. Diese Schwierigkeit hing mit dem Interesse an guten Beziehungen zu den arabischen Staaten zusammen. Die Bundesrepublik Deutschland hatte damals eine sehr ambivalente Haltung zu Israel. Adenauer hatte Otto Hahn übrigens gebeten, ihm ein Memorandum zur Ausgestaltung der Kooperation mit dem WIS zu schicken, die in der MPG nicht unumstritten war. Der letztliche Erfolg der Kooperation ist das Ergebnis einer politischen Konstellation, in der auch Chancen lagen, und der geradezu heroischen Initiative einzelner mutiger Wissenschaftler.

Sie halten bei einem Festakt zur 50-Jahrfeier der diplomatischen Beziehungen mit ihrem Kollegen Hanoch Gutfreund einen Vortrag zum Thema „A Special Relationship: Turning Points in the History of German-Israeli Scientific Cooperation“.

Exakt, und deshalb habe ich mit Thomas Steinhauser – Historiker hier am MPI für Wissenschaftsgeschichte, der an unserem neuen Projekt zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft arbeitet und sich auch sehr intensiv mit der Beziehung zu Israel beschäftigt – diese Wendepunkte ausführlich diskutiert. Was uns dabei besonders beeindruckt hat, ist das Wechselspiel zwischen Politik und Wissenschaft, die jeweils ganz unabhängige, aber doch eng verflochtene Dimensionen darstellen.

Wie wirkte sich diese Verflechtung aus?

Am Anfang war die Politik der Taktgeber, aber in den 1970er Jahren übernahm die Wissenschaft diese Rolle. Interessanterweise geschieht dies genau in einer Zeit, in der man politisch mit hohen Spannungen zu kämpfen hatte. In Israel, in der Bundesrepublik Deutschland und zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Weil man in der Wissenschaft nun im gegenseitigen Verständnis weiter war als in der Politik – Max-Planck-Forscher hatten z.B. gefordert, dass man sich im Sechs-Tage-Krieg auf die Seite Israels stellen sollte und nicht neutral bleiben kann –, entstand in Israel der Wunsch, die institutionalisierte Wissenschaftskooperation auszuweiten – auch auf die Universtäten, insbesondere unter Einbeziehung der Hebräischen Universität in Jerusalem. Es kamen auch in Westdeutschland weitere Institutionen als Partner hinzu. Zudem richtete die Minerva-Gesellschaft, eine Tochter der Max-Planck-Gesellschaft und bis heute wichtiger Förderer der Kooperationen, als neue Kooperationsform die Minerva-Forschungszentren an israelischen Universitäten und dem WIS ein. Also: Wir sprechen von einer Geschichte der zunehmenden Vernetzungen, aber auch der Ungleichzeitigkeiten zwischen Politik und Wissenschaft.

Dennoch haben Wissenschaft und Politik gegenseitig Impulse gegeben?

Ja, das kann man so sagen, aber sie waren über weite Strecken auch relativ unabhängig. Und insgesamt hat die Wissenschaft auf lange Sicht ein Fundament für Kooperation geschaffen, das stabiler war als das wechselhafte politische Geschehen. Bezog sich die Kooperation in den 1960ern nur auf bestimmte Naturwissenschaften, hat sich das entsprechend der wissenschaftlichen Interessen immer weiter aufgefächert. In den 1970er Jahren kam die historische Forschung dazu. Seither sind schwierige Themen wie der Holocaust und die Verantwortung für unmenschliche Verbrechen auch der deutschen Wissenschaft im NS-Regime, die in der ersten, von der Politik unter äußerster diplomatischer Zurückhaltung eingeleiteten Annäherung bewusst ausgeblendet waren, Gegenstand gemeinsamer Forschung. Weil sich eine immer breitere wissenschaftliche Beteiligung und Nähe entwickelte, hat sich ein starkes Geflecht ergeben, das weitgehend unabhängig ist von den Wechseln der Tagespolitik. Die Pointe ist dabei: Die Wissenschaft, die als Wegbereiter für die diplomatischen Beziehungen gilt, hatte diese Rolle am Anfang nicht, da die Politik im Hintergrund als Triebkraft wirkte. Nach diesem Beginn aber übernahm die Wissenschaft in den 1970ern mit ihrer teilweisen Emanzipation von der Politik die Führungsrolle.

Sie sprachen eben von bewusster Ausblendung und Tabuthemen. In der Rückschau: War das der nötige Umweg, um sich zu späterem Zeitpunkt der früheren Geschichte zu stellen?

Ich weiß nicht, wie das ausgegangen wäre, wenn man sich der ganzen Wahrheit, der ganzen Komplexität des Verhältnisses von vornherein gestellt hätte. Das hätte wahrscheinlich alle Beteiligten überfordert. Wir alle wissen, dies ist keine normale Geschichte. Sie ist tief geprägt durch die Vergangenheit, also durch den Holocaust und die deutsche Verantwortung – auch wenn dies nicht immer angesprochen wird. Dazu kommen noch die gegenwärtigen Herausforderungen, also der Konflikt Israels mit den Palästinensern, der Nahost-Konflikt insgesamt. Auch weil am Anfang der Pragmatismus im Vordergrund stand und man dadurch vorangeschritten ist, dass man Teile der ganzen Komplexität des Verhältnisses ausgeblendet hat, haben wir heute ein enges Geflecht in den wissenschaftlich-kulturellen Beziehungen erreicht. Andererseits hat die mangelnde Anerkennung und Aufarbeitung der NS-Verbrechen auf deutscher Seite zu Vorbehalten und unnötigen Verzögerungen geführt. Auch die MPG hätte sich ihrer Vergangenheit etwa durch eine Rückberufungspolitik vertriebener Wissenschaftler und eine kritische historische Aufarbeitung der Geschichte ihrer Vorläuferorganisation, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, im Nationalsozialismus viel früher stellen können. Deshalb war es ein wichtiger Moment, als diese Aufarbeitung zwar sehr spät, aber doch sehr umfassend erfolgte. Es wird auch auf israelischer Seite wahrgenommen, dass hier nicht mehr die Vergangenheit und die Beteiligung der deutschen Wissenschaft an den Verbrechen der NS-Zeit verdrängt werden, sondern dass man sich dieser Schuld bewusst ist und bleibt. Also: Die Geschichte und gegenwärtige Probleme zu verdrängen, das können wir uns nicht leisten und das brauchen wir auch nicht mehr, denn das Vertrauen ist groß genug.

Bundespräsident Gauck drückte es jüngst wie folgt aus: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“.

Ja. Und ich glaube man muss sich dies immer wieder bewusst machen. Die Probleme, die am Anfang standen, sind ja nicht einfach verschwunden. Wie hat es Bertolt Brecht formuliert: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch.“ Also, nicht dass der Holocaust heute wieder zu befürchten sei. Aber man muss doch allen Tendenzen von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus heute wie immer entgegenwirken. Die zweite Seite betrifft den Friedensprozess im Nahen Osten. Die Situation ist heute wieder sehr Besorgnis erregend. Und das sind Probleme, die man in Israel natürlich auch spürt und die auch in der deutsch-israelischen Forschungszusammenarbeit eine Rolle spielen. Heikle Themen wie Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, die Probleme israelischer Siedlungspolitik oder die Gefahren des Islamismus werden heute gemeinsam von israelischen, palästinensischen und deutschen Wissenschaftlern diskutiert und sogar interdisziplinär erforscht. Früher hätte man da vielleicht einen Bogen herum gemacht. Aber heute gibt es keine derartigen Tabus mehr bei der Kooperation. Was natürlich keine Normalität bedeutet. Israel ist als Partner unvergleichbar. Es ist als führende Forschungs- und Technologienation in der Welt hochattraktiv für Kooperationen, übrigens auch in den Geisteswissenschaften. Gleichzeitig bleibt diese besondere Geschichte, diese Schicksalsverbindung und die deutsche Verantwortung dafür. Und ich glaube, das darf heute weniger denn je verdrängt werden.

Das Gespräch führte Jens Eschert

Zur Redakteursansicht