Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen für Primaten meist völlig ungesichert

Studie macht deutlich: Primatenschutz muss besser wissenschaftlich untermauert werden

26. August 2020

Weniger als ein Prozent der wissenschaftlichen Literatur über Primaten bewerten die Wirksamkeit von Maßnahmen zu ihrem Schutz. Dies hat ein internationales Team unter Leitung von Forschern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Cambridge ermittelt. Trotz großer Schutzbemühungen sei dies einer der Hauptgründe für den anhaltenden dramatischen Rückgang von Primaten. Die Studie stellt mehrere Maßnahmen vor, um den Primatenschutz auf eine bessere wissenschaftliche Basis zu stellen.

Seilbrücken helfen Primaten nachweislich, Straßen und andere Transportwege sicher zu überqueren. Colobus-Affe (Colobus angolensis palliatus) in Kenia.

Primaten sind im Vergleich zu anderen Artengruppen aufgrund ihrer anthropologischen Bedeutung und ihres Charismas sehr beliebte Forschungsobjekte und Maßnahmen zu ihrem Schutz sind in der Regel verhältnismäßig gut finanziell ausgestattet. Dennoch greifen die Erhaltungsmaßnahmen nur unzureichend. Etwa 60 Prozent der Primatenarten sind heute vom Aussterben bedroht, und 75 Prozent haben rückläufige Populationen. 

Die Autoren der neuen Studie führen diesen Widerspruch auf weitgehend fehlende Nachweise für erfolgreiche Erhaltungsmaßnahmen für Primaten zurück. Das Team aus 59 Primatenforschern und -praktikern sowie Wissenschaftlern der Conservation Evidence Initiative in Cambridge wertete rund 13.000 Primatenstudien aus. Nur 80 davon untersuchten die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Erhaltung von Primaten, was im Vergleich zu anderen Artengruppen sehr wenig ist. Darüber hinaus wurden nur 12 Prozent der bedrohten Primaten und nur 14 Prozent aller heute bekannten Primatenarten von diesen Wirksamkeitsstudien erfasst. 

Wissenschaft hat verengten Blick auf wenige charismatische Arten und Regionen

Diese konzentrierten sich auch vorrangig auf große Primaten und Affen der Alten Welt, insbesondere Menschenaffen, ließen aber ganze Familien wie Koboldmakis und Nachtaffen aus. „Ob eine Art bedroht war oder nicht, spielte für die Wissenschaftler bei der Auswahl der untersuchten Arten offenbar keine Rolle“, sagt die Erstautorin Jessica Junker, die an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittberg, am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropolie und im iDiv arbeitet und die Forschung gemeinsam mit Silviu Petrovan vom Zoologischen Institut der Universität Cambridge leitete. „Uns fehlen daher für viele gefährdete Arten wissenschaftlich gesicherte Informationen um sie wirksam schützen und managen zu können“. 

Studien haben gezeigt, dass Langzeitforschungsprojekte einen wirksamen Schutz für Primatenpopulationen bieten. Schimpansen (Pan troglodytes verus) im Taï-Nationalpark, Elfenbeinküste.

Neben einer Bevorzugung bestimmter Arten stellten die Autoren auch klare Präferenzen in der Primatenforschung für bestimmte Untersuchungsregionen und Typen von Schutzmaßnahmen fest. So wurden von den 162 von Experten anerkannten Maßnahmen zur Erhaltung von Primaten weniger als die Hälfte (41 Prozent) quantitativ bewertet. 

Selbst jene Studien, in denen Tests zur Wirksamkeit von Maßnahmen angelegt waren, konnten in den meisten Fällen (79 Prozent) keine Nachweise für einen effektiven Schutz der Primaten liefern. Dies lag etwa an fehlenden quantitativen Daten, an der Schwierigkeit, Populationen oder Individuen nach der Umsetzung der Maßnahmen zu überwachen oder daran, dass oft mehrere Schutzmaßnahmen gleichzeitig durchgeführt wurden. 

„Dass so viele Maßnahmen durchgeführt werden, ohne zu wissen, ob sie überhaupt funktionieren, ist ein alarmierendes Ergebnis, wenn man bedenkt, wie schutzbedürftig diese Artengruppe ist“, sagt Petrovan. „Idealerweise sollten die Studien die wirksamsten Maßnahmen für alle Primatenschützer ermitteln.“

Systematische Auswertung von Schutzmaßnahmen für Primaten ist schwierig

Dass es so schwierig ist, die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen für Primaten zu belegen, liegt aber auch an den Tieren selbst, bzw. ihrer Überlebens- und Fortpflanzungsstrategien. „Primaten kommen in der Regel in geringen Dichten vor, werden relativ alt und bekommen wenig Nachwuchs, wodurch die Generationenwechsel entsprechend lange dauern. Außerdem sind sie aufgrund ihres bevorzugten Lebensraums in den Bäumen schwer zu zählen. Dies erfordert innovative Methoden und intensives Monitoring über lange Zeiträume, spezifisches Wissen und eine langfristige Finanzierung, die schwer zu bekommen ist“, sagt Hjalmar Kühl, Wissenschaftler von iDiv sowie vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropolie und Letztautor der Studie. 

Erschwerend hinzu kommt laut der Studie, dass eine wissenschaftliche Veröffentlichung solcher Auswertungen von Schutzmaßnahmen extrem zeit- und ressourcenintensiv sein kann und hochrangige wissenschaftliche Fachzeitschriften dafür nur selten empfänglich sind, insbesondere, wenn sie zeigen, dass eine Erhaltungsmaßnahme nicht wirksam war. 

Maßnahmen zur Verbesserung der Wissenslage vorgeschlagen

Um den Schutz von Primaten künftig auf eine gesichertere Wissensbasis zu stellen, schlagen die Autoren mehrere Maßnahmen vor, etwa eine bessere finanzielle Unterstützung von Wirksamkeitsprüfungen und deren Veröffentlichung in der Forschungsförderung, die Entwicklung von Richtlinien für Maßnahmen zur Erhaltung der Primaten, die Verlagerung des Forschungsschwerpunkts auf bedrohte Arten bzw. wenig untersuchte Regionen und die Suche nach langfristigen Kooperationen mit Interessenvertretern.

„Der Rückgang vieler Primatenarten verdeutlicht den dringenden Bedarf an Finanzierung und schnellem Handeln“, sagt Kühl. „Wenn wir das drohende Aussterben verhindern und das langfristige Überleben lebensfähiger Primatenpopulationen auf kosteneffiziente Weise sichern wollen, müssen wir einen evidenzbasierten Ansatz zur Erhaltung der Primaten verfolgen.“

ST

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