Forschungsbericht 2019 - Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb

Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte im Internet durch deutsche Verbraucher

Autoren
Stürz, Roland A.; Suyer, Alexander; Harhoff, Dietmar; Hilty, Reto M.
Abteilungen
Innovation and Entrepreneurship Research; Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht
Zusammenfassung
Wie urheberrechtlich geschützte Inhalte im Internet genutzt werden und vor allem, welche Schlüsse aus dem Verhalten der Nutzer zu ziehen sind, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. In welchem Maße laden Internetnutzer Inhalte aus dem Internet herunter, streamen sie oder geben sie öffentlich weiter? Welchen Anteil haben bezahlte, welchen kostenlose Angebote? Halten Nutzer ihr Verhalten für legal und warum handeln sie möglicherweise illegal? Das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb beantwortet diese Fragen objektiv mithilfe eigens erhobener Daten.

Repräsentative Daten zu deutschen Verbrauchern ab 12 Jahren

Um das Verhalten und die Einstellungen von deutschen Internetnutzern zu erfassen, hat das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb ein umfassendes wissenschaftliches Forschungsprojekt durchgeführt, das sich durch seinen ergebnisoffenen, explorativen Charakter auszeichnet. Ziel ist es, aussagekräftige Statistiken für Entscheidungsträger zur Verfügung zu stellen. Die Arbeiten lehnen sich eng an vergleichbare Studien im Vereinigten Königreich und in Australien an. Wichtige Fragestellungen können dadurch auch im internationalen Vergleich beantwortet werden.

Zwischen 6. Mai 2017 und 3. Juli 2017 wurden insgesamt 5.532 deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher ab 12 Jahren zu ihrem Online-Nutzungsverhalten dieser urheberechtlich geschützten kreativen Inhaltsarten befragt: Musik, Filme, TV-Programme und Serien, Computersoftware, E-Books, Videospiele sowie E-Paper-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften. Die Gewichtung der Beobachtungen erlaubt eine repräsentative Projektion auf deutsche Verbraucher.

Nutzung von kreativen Inhalten im Internet

Es zeigt sich, dass deutsche Internetnutzer ab 12 Jahren vor allem Musik, Filme sowie TV-Programme und Serien über das Internet konsumieren. Bei Musik spielen Streaming und Herunterladen eine vergleichbar große Rolle, wohingegen Bewegtbildinhalte vorwiegend gestreamt werden. Die öffentliche Weitergabe von kreativen Inhalten – hauptsächlich durch „File-Sharing“ – erfolgt in erster Linie bei Musik. In Deutschland ist im Vergleich zum Vereinigten Königreich sowohl der Konsum von online verfügbaren Inhalten als auch die öffentliche Weitergabe der Inhalte weniger ausgeprägt. Jeweils mehr als die Hälfte der deutschen Online-Konsumenten von Musik oder Bewegtbildinhalten gibt nichts für die Nutzung dieser Inhalte aus, etwa ein Viertel bezahlt für alle genutzten entsprechenden Inhalte. Die übrigen Online-Konsumenten nutzen einen Teil der Inhalte kostenfrei, während sie für einen anderen Teil bezahlen.

Rund 32 Prozent der deutschen Internetnutzer ab 12 Jahren nutzen mindestens eine der abgefragten Inhaltsarten und halten diese Nutzung für komplett legal. Rund 10 Prozent nutzen diese Inhalte ihrer eigenen Einschätzung nach teilweise auch illegal, während 5 Prozent der Internutzer ihren gesamten Inhaltskonsum für illegal halten. Die restlichen 53 Prozent der Internetnutzer hingegen haben in den drei Monaten vor der Befragung keine der abgefragten Inhalte konsumiert.

Gründe für mögliche Urheberrechtsverletzungen

Deutsche Konsumenten von Online-Inhalten, die ihr Nutzungsverhalten zumindest teilweise für illegal halten, sind jünger und zu einem höheren Anteil männlich als Konsumenten, die ausschließlich auf ihrer Ansicht nach legale Nutzungsformen zurückgreifen. Als problematisch erscheint die offenbar in Deutschland weit verbreitete und im Vergleich zum Vereinigten Königreich deutlich größere Unsicherheit bei der Unterscheidung von legalen und illegalen Online-Nutzungsformen. Während die Ergebnisse eine Vereinfachung des deutschen Rechtsrahmens mit klaren Regeln als sinnvoll erscheinen lassen, soll der Vergleich mit den Daten aus dem Vereinigten Königreich jedoch nicht nahelegen, dass das dortige Urheberrecht als Vorbild für eine solche Vereinfachung dienen könnte.

Die drei von Nutzern mit Abstand am häufigsten genannten Gründe für illegales Verhalten sind Kostenfreiheit, Einfachheit beziehungsweise Bequemlichkeit sowie Schnelligkeit. Wenn legale Dienste billiger, flexibler und besser wären, würde ein Teil der Konsumenten der eigenen Einschätzung nach von ihrem illegalen Verhalten Abstand nehmen. Ein weiterer Faktor ist, dass gewisse gewünschte Inhalte überhaupt nicht legal bereitgestellt werden. In Deutschland zeigen sich damit noch stärker als im Vereinigten Königreich gewisse wahrgenommene Defizite bei derzeit legal verfügbaren Angeboten. Die Problematik bei der Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Nutzungsformen taucht auch hier als bedeutender Faktor auf: 21 Prozent der Befragten mit zumindest teilweise illegalem Nutzungsverhalten geben an, auf illegales Online-Verhalten dann zu verzichten, wenn dieses besser von legalem Online-Verhalten abzugrenzen wäre. Mögliche rechtliche Sanktionen oder angedrohte Einschränkungen des Internetzugangs im Falle von Urheberrechtsverletzungen spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle.

Der Umstand, dass Online-Konsumenten von Musik und Bewegtbildinhalten in der Regel insgesamt mehr als deutsche Durchschnittskonsumenten für diese Bereiche (einschließlich physischer Käufe und Leihen, Fanartikel sowie Konzert- oder Kinobesuche) ausgeben, deutet auf eine gewisse Zahlungsbereitschaft bei dieser Gruppe hin. Dass Konsumenten mit nach eigener Einschätzung nach gemischt legalem und illegalem Online-Nutzungsverhalten sogar die höchsten Gesamtausgaben tätigen, läuft der gängigen Vermutung entgegen, dass illegales Nutzungsverhalten hauptsächlich auf Kostensenkungsmotive zurückzuführen sei.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass auch der Gesetzgeber durch die Schaffung eindeutiger, insbesondere verständlicher Regeln für legales Nutzungsverhalten im Internet und durch entsprechende Informationen für Verbraucher einen Teil der Urheberrechtsverletzungen verhindern kann.

Literaturhinweise

1.

Harhoff, D.; Hilty, R. M.; Stuerz, R.; Suyer, A.

Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte im Internet durch deutsche Verbraucher – Ergebnisübersicht einer repräsentativen quantitativen Erhebung

Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, München (2018)


2.

Stuerz, R.; Suyer, A.; Harhoff, D.; Hilty, R. M.

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Medien und Recht International 15 (2), 51–52 (2018)

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