Wie Menschen und Schimpansen im Regenwald ihr Ziel erreichen

Je größer die Gruppe, umso geradliniger durchqueren Menschen den Wald in Richtung Ziel, während Schimpansen auf sich allein gestellt zielgerichteter reisen

1. August 2019

Wie beeinflussen beispielsweise ein großer Aktionsradius und ein Wegesystem wie Menschen zum Ziel gelangen? Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchten, wie sich die Mbendjele BaYaka in der Republik Kongo und freilebende Schimpansen in der Elfenbeinküste durch den Regenwald fortbewegen. Ähnlich wie die Jäger und Sammler bewegen sich auch die Schimpansen in einer geraden Linie auf ein Ziel zu, doch in Abhängigkeit von der Gruppengröße und Ortskenntnis unterscheiden sich Geradlinigkeit und Geschwindigkeit bei Menschen und Schimpansen deutlich.

Mbendjele BaYaka Frau, die auf Nahrungssuche zusammen mit anderen Frauen im tropischen Regenwald der Republik Kongo einen Baum inspiziert.

Wie Menschen von einem Ort zum anderen gelangen, ihre großräumigen Bewegungsmuster, sind unter Hominoiden einzigartig. Die Mbendjele BaYaka ziehen alle paar Monate von Camp zu Camp, ihr Aktionsradius im Laufe eines Lebens beträgt über 800 Quadratkilometer. Jäger und Sammler bringen Nahrung ins Camp, um sie dort weiter zu verarbeiten und unter den Bewohnern aufzuteilen. Darüber hinaus haben sie ein Wegesystem durch den Wald geschaffen, dem sie meist folgen. Im Vergleich dazu leben Schimpansen in einem Gebiet von etwa 25 Quadratkilometern, wo sie den größten Teil ihres Erwachsenenlebens verbringen. Sie verzehren ihre Nahrung so, wie sie sie auffinden, und bauen an verschiedenen Orten innerhalb ihres Heimatgebiets Schlafnester. Schimpansen nutzen nur selten dieselben Wege, wenn sie sich am Boden fortbewegen. Auf welche Weise Menschen und Schimpansen den Wald durchqueren und räumliche Erfahrungen sammeln, beeinflusst möglicherweise auch, wie sie in ihren natürlichen Lebensräumen bei der Nahrungssuche vorgehen.

Haneul Jang und Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersuchten die großräumigen Bewegungsmuster von Jägern und Sammlern und von Schimpansen und verglichen, wie sie in ähnlichen Regenwaldumgebungen zum Ziel gelangen. Dazu haben die Forscher gemessen, wie geradlinig und mit welcher Geschwindigkeit fünf Mbendjele BaYaka-Frauen aus der Republik Kongo und fünf Schimpansenweibchen aus dem Taï-Wald (Elfenbeinküste) auf ihrer täglichen Suche nach Nahrung den Regenwald durchqueren. Dies ist die erste Studie, in der Forscher die Bewegungsmuster von Menschen und Schimpansen über einen so langen Zeitraum (über 236 bzw. 274 Tage) hinweg protokolliert und analysiert haben. Bei der Datensammlung folgten sie jeweils demselben Protokoll.

Hohes Maß an Geradlinigkeit

Allein auf Nahrungssuche im tropischen Regenwald (Taï Nationalpark, Elfenbeinküste) inspiziert dieser Schimpanse einen Baum.

So fanden Jang und ihre Kollegen heraus, dass sich sowohl die Mbendjele BaYaka als auch die Taï-Schimpansen im Durchschnitt mit einer ähnlich hohen Geradlinigkeit auf Ziele zubewegen, die sich außerhalb ihrer Sichtweite befinden. Ein deutlicher Unterschied bestand jedoch darin, wie sich die Gruppengröße und die Vertrautheit mit der Umgebung auf Geradlinigkeit und Geschwindigkeit bei den Mbendjele BaYaka und den Schimpansen auswirken. Während die Mbendjele BaYaka sich in vertrauten Gebieten geradliniger auf ein Ziel zubewegten als in einer weniger bekannten Umgebung, verhielt es sich bei den Schimpansen genau umgedreht: Die Taï-Schimpansen bewegten sich schneller und geradliniger durch weniger bekannte als durch vertraute Gegenden.

"Eine mögliche Erklärung für diese Unterschiede könnte das unterschiedliche großräumige Bewegungsverhalten von Menschen und Schimpansen sein. Die Mbendjele BaYaka halten sich in verschiedenen saisonalen Camps auf und bewegen sich während der Nahrungssuche zu 90 Prozent auf den von ihnen angelegten Wegen durch den Wald. Daher sind sie weniger vertraut mit Gebieten, die sich abseits der Wege befinden. Wenn die Mbendjele BaYaka dann dort auf Nahrungssuche sind, bewegen sie sich weniger geradlinig fort, weil sie nach dem richtigen Weg suchen müssen", sagt Haneul Jang, Hauptautorin der Studie. Bei Schimpansen hingegen verringerten sich in vertrauten Gebieten Bewegungsgeradlinigkeit und -geschwindigkeit. "Wenn verschiedene Schimpansengruppen aufeinandertreffen, kommt es häufig zu feindseligen Auseinandersetzungen", sagt Jang. "Um Begegnungen mit anderen Schimpansengruppen auf unvertrautem Terrain zu vermeiden, bewegen sich die Tiere möglicherweise schneller und effizienter durch diese Gebiete."

Gruppengröße beeinflusst, wie zielgerichtet es vorangeht

Darüber hinaus fanden Jang und Kollegen heraus, dass sich die Mbendjele BaYaka geradliniger auf ein Ziel zubewegten, wenn sie in einer größeren Gruppe unterwegs waren. Bei den Taï-Schimpansen war das Gegenteil der Fall. "Als ich den Schimpansen folgte, sah ich sie oft aufeinander warten. Sie waren sich offenbar uneins, in welche Richtung die Gruppe gehen sollte", sagt Karline Janmaat, die die Studie betreute. "Haben sich dann weitere Schimpansen der Gruppe angeschlossen, schien dies die Meinungsverschiedenheiten noch zu verstärken. Daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich die Schimpansen bei zunehmender Gruppengröße weniger zielgerichtet durch den Wald bewegen." Janmaat ergänzt: "Bei den Mbendjele BaYaka verhielt es sich umgekehrt, was unter anderem daran liegen könnte, dass sie mit Hilfe von Sprache das weitere Vorgehen diskutieren, bewerten und sich schließlich darauf einigen können, wo sich die besten Nahrungsquellen befinden. Sprache könnte also eine effiziente Bewertung von differenzierten Informationen ermöglicht haben."

Den Autoren zufolge ist diese Studie der erste notwendige Schritt, um Bewegungsmuster von Menschen- und Schimpansenpopulationen in ihren natürlichen Lebensräumen miteinander zu vergleichen. "Unsere Studie gibt Aufschluss darüber, wie sich zwei eng verwandte Arten, die in einer ähnlichen Umgebung leben, in ihren räumlichen Bewegungsmustern unterscheiden. Diese Unterschiede ergeben sich möglicherweise aus verschiedenen Arten der Raumnutzung", sagt Jang. "Wir hoffen, dass unsere Studie dazu beitragen wird, die vergleichende Forschung zu großräumigen Bewegungsmustern auf weitere Primatenarten und -populationen in ihren natürlichen Lebensräumen auszuweiten."

SJ/RM

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