Schimpansen angeln mit Stöcken nach Algen

Max-Planck-Forscher beobachten wie Schimpansen während der Trockenzeit in Bakoun, Guinea, regelmäßig mit langen Stöcken nach Algen fischen

4. November 2016

Schimpansen nutzen häufig Werkzeuge, um damit an Nahrung zu kommen oder um Nahrung aufzunehmen. Je nach Region nutzen die Tiere jedoch unterschiedliche Hilfsmittel. Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben deshalb im Jahre 2010 das „Pan African Programme: The Cultured Chimpanzee“ ins Leben gerufen. So können sie auch unterschiedliche Verhaltensweisen von Schimpansen, die bisher kaum erforschten Populationen angehören, näher charakterisieren und besser verstehen. Dabei fiel ihnen ein bisher selten beobachtetes Verhalten auf: Schimpansen in Bakoun, Guinea, die mit langen, robusten Werkzeugen regelmäßig und in großen Mengen Algen sammeln.

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Schimpanse beim Angeln von Algen.
Schimpanse beim Angeln von Algen.

Seit fast 60 Jahren erforschen Wissenschaftler im Rahmen von Feldforschungsprojekten das natürliche Verhalten frei lebender Schimpansen und die Unterschiede zwischen den Verhaltensweisen verschiedener Populationen. Um die ökologischen und evolutionären Ursachen der Verhaltensdiversität bei Schimpansen besser zu verstehen, haben Forscher der Abteilung Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie das Pan African Programme (PanAf) ins Leben gerufen und seit 2010 in ganz Afrika standardisiert Daten zum Verhalten von Schimpansen, zur Demografie und Ressourcenverfügbarkeit gesammelt. „Das PanAf-Projekt verfolgt einen ganz neuen Ansatz und wird viele interessante Einblicke in die Demografie und Sozialstruktur von Schimpansen, ihre Genetik, ihr Verhalten und ihre Kultur geben“, sagt Hjalmar Kühl vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und vom Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung. „Das PanAf-Projekt wird durch zahlreiche Kooperationen mit Schimpansenforschern, Feldforschern und den nationalen Wildtierbehörden aus 15 afrikanischen Ländern ermöglicht.“ Im Februar dieses Jahres hatten die Forscher bereits über eine neu entdeckte Verhaltensweise bei Schimpansen berichtet, das Werfen von Steinen gegen Bäume.

Da Schimpansen an den PanAf-Standorten in der Regel nicht an den Menschen gewöhnt sind, nutzen die Forscher eine Reihe nicht-invasiver Methoden, darunter auch Kamerafallen. Nachdem der PanAf-Standortleiter Anthony Agbor einige auffällige Stöcke an den Ufern von Flüssen und Teichen entdeckt hatte, stellte er in Ufernähe Kamerafallen auf. „Der Werkzeuggebrauch in Bakoun unterscheidet sich recht stark vom Werkzeuggebrauch im nahegelegenen Bossou, Guinea, und auch von Berichten über das Algen-Schöpfen im Kongo“, sagt Ammie Kalan vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Ungeachtet ihres Alters und Geschlechts angelten die Bakoun-Schimpansen aus Flüssen, Bächen und Teichen erfolgreich nach Algen. Dazu benutzten sie Zweige oder Äste als Angeln. Die Werkzeuge waren durchschnittlich länger und robuster als die Algenangeln, die wir aus Bossou kennen. Einige der Werkzeuge aus Bakoun waren mehr als vier Meter lang!“

Die Forscher bemerkten, dass die geangelten Frischwasseralgen derselben Gattung (Spirogyra) angehören wie die in Bossou. Doch in Bakoun wachsen die Algen auf dem Grund des Baches oder Flusses und sammeln sich nicht an der Wasseroberfläche, wie das in Bossou der Fall ist. „Das an die verschiedenen Orte angepasste Algenwachstum beeinflusst, welche Werkzeugart für die Ernte am besten geeignet ist“, sagt Christophe Boesch, Direktor der Abteilung Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Wir nehmen an, dass die Algen eine wichtige Nahrungsergänzung für die Schimpansen in Bakoun sind. Besonders während der Trockenzeit haben wir die Schimpansen dabei beobachtet, wie sie bis zu einer Stunde lang am selben Fleck nach Algen fischten.“

Weitere Analysen von Video- und anderen Daten, die im Rahmen des PanAf-Projekts gesammelt wurden, sind derzeit in Arbeit. Die Öffentlichkeit kann über das Portal www.chimpandsee.org an der Forschung teilhaben, sich PanAf-Videos ansehen und diese kommentieren. Über eine Million Videoclips hat PanAf von Schimpansen, Gorillas, Elefanten, Büffeln, Leoparden und vielen anderen Tierarten in ganz Afrika aufgenommen und bei Chimp&See eingestellt. Besuchen Sie das Portal, um zu erfahren, wie Sie als Bürgerwissenschaftler oder -wissenschaftlerin aktiv werden können.

SJ, HK/HR

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