Nachruf auf den bedeutenden Chemiker Heinz A. Staab

Ein Nachruf von Prof. Dr. Thomas Carell, Ludwig-Maximilians-Universität München & Prof. Dr. François Diederich, ETH Zürich

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Heinz A. Staab

Prof. Dr. Heinz A. Staab ist am 29. Juli 2012 im Alter von 86 Jahren in Berlin verstorben. Er wurde in Darmstadt geboren, studierte Chemie und Medizin an den Universitäten Marburg, Tübingen und Heidelberg. Die Promotion erfolgte  an der Universität Heidelberg im Jahre 1953, die Habilitation beendete Staab in Heidelberg 1957 als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Nobelpreisträger Prof. Richard Kuhn am Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung. Im Jahre 1962 erhielt Staab einen Ruf an die Universität Heidelberg, wo er als Dekan (1966-68) und Prorektor der Universität (1968-70) in unruhigen Zeiten, auch von den Studierenden respektiert, als moderner junger Hochschullehrer Aufgaben in der akademischen Selbstverwaltung übernahm. Im Jahre 1974 wurde er zum Direktor der Abteilung Organische Chemie des Max-Planck-Institutes für Medizinische Forschung berufen, die  er bis zu seiner Emeritierung (1996) leitete. Von 1984-90 wirkte Staab als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Das Frühwerk von Heinz Staab Ende der fünfziger Jahre hat die Chemie bis heute maßgeblich geprägt. Mit dem Carbonyldiimidazol entdeckte er eine als „Staab Reagenz“ bekannte Verbindung, die bis heute die moderne Peptidchemie prägt. Sein 1959 erschienenes Buch „Einführung in die theoretische Organische Chemie“ avancierte früh zu einem Standardwerk der modernen Organischen Chemie, die die Entwicklung der Chemie maßgeblich prägte. Es gelang Staab, wie kaum einem anderen, die aufkommenden neuen spektroskopischen Methoden in der ihm eigenen klaren Sprache einer breiten Gemeinde organischer Chemiker verständlich zu machen.

Anfang der sechziger Jahre begann Heinz Staab sich der Frage benzenoider und annulenoider Aromatizität zu widmen. Die in dieser Zeit hergestellten Verbindungen, u. a. benzannelierte Annulene, einschließlich des heute in viele Lehrbücher aufgenommenen Kekulens – von Aufbau und Symmetrie her ein  „Superbenzol“ – haben wichtige Arbeitsgebiete initiiert und maßgeblich beeinflusst. Diese Verbindungen stellen die ersten Beispiele formversteifter Makrocyclen dar, wie sie heute, entsprechend funktionalisiert, für Anwendungen als fortschrittliche Materialien hergestellt und untersucht werden. Der Chemiker erkannte früh die große Bedeutung nicht kovalenter Wechselwirkungen. So begann er Anfang der siebziger Jahre die Synthese hoch präorganisierter, konformativ versteifter Cyclophane. Mit Hilfe dieser Verbindung untersuchte er beispielsweise  die Orientierungs- und Distanzabhängigkeit von Excimeren-Wechselwirkungen und Charge-Transfer-Wechselwirkungen, ebenso wie die Geometrie-Abhängigkeit des Elektronentransfers zwischen Kofaktor-Modellsystemen wie Nicotinamiden und Flavinen. Diese Arbeiten fielen in die Zeit seiner  Präsidentschaft der Max-Planck-Gesellschaft in der Herstellung von cyclophanartig verbrückten Porphyrin-Chinon-Konjugaten, die er als Modellsysteme für das photochemische Reaktionszentrum entwarf.

Er war einer der ersten organischen Chemiker, der die Möglichkeiten der aufkommenden Laserkurzpulsspektroskopie erkannte, mit deren Hilfe er systematisch die photochemisch induzierte photosynthese-ähnliche Elektronenübertragung erforschte. Das wissenschaftliche Werk umfasst mehr als 340 Publikationen. Seine zahlreichen, durch äußerste Präzision und Klarheit bestechenden Vorträge sind vielen Chemikern heute noch in guter Erinnerung. Wissenschaftlich war Staab in all seinen Arbeitsgebieten ein Pionier, der immer wieder die Möglichkeiten aufkommender neuer physikalischer Techniken erkannte und in Kombination mit modernster Synthese nutzte, um unseren Erkenntnishorizont zu verschieben.

Heinz Staab hat sich über seine ganze wissenschaftliche Laufbahn hinweg aktiv und erfolgreich auch für die Wissenschaft in Deutschland engagiert. Er war Mitglied des Wissenschaftsrates der Bundesrepublik Deutschland (1976-79), Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) (1984-1985) sowie Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (1994-96). Seit 1992 war er Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Es war ihm ein Leben lang ein besonderes Anliegen, die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zu vertiefen. Heinz A. Staab war in dieser so schwierigen Frage ein hochgeschätzter Botschafter der deutschen Wissenschaft in Israel, der als Max-Planck Präsident die Aufklärung der Verstrickung deutscher Wissenschaft in die nationalsozialistischen Gräueltaten in die Wege leitete. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten, ebenso wie für sein breites wissenschaftspolitisches Engagement, wurde Heinz Staab hoch geehrt. So erhielt er unter anderem den Doktor der Philosophie honoris causa des Weizmann-Institutes in Rehovot 1984, die Adolf-von-Baeyer-Denkmünze der GDCh 1988, das große Bundesverdienstkreuz mit Stern und die Adolf-von-Harnack-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft 1996.

Die Basis von der aus Heinz Staab wirkte, waren seine ihn stark unterstützende Frau Dr. Ruth Staab, seine beiden Kinder und die wissenschaftliche Arbeitsgruppe, die exzellente Chemiker aus aller Welt in großer Zahl anzog. Die Familie und die Arbeitsgruppe waren Staabs Diskussionsumgebung, in der neue wissenschaftliche Ideen in großer Offenheit und ohne formale Barrieren kritisch vordiskutiert und anschließend im Labor umgesetzt wurden. Mit Staab verliert die Wissenschaft einen ihrer stärksten Gestalter.

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