Charismatisch, egozentrisch und rastlos

Das aufregende Leben des Wissenschaftlers Sergej Tschachotin ist Mittelpunkt eines preisgekrönten Dokumentarfilms

22. Februar 2012

Er war Naturwissenschaftler, Pawlow-Schüler, Sozialist, Pazifist, Antifaschist und mehrfacher Emigrant, fünf Mal verheiratet und hatte acht Söhne: Sergej Tschachotin (1883-1973), zentrale Figur eines Dokumentarfilms, der jetzt bundesweit in die Programmkinos kommt, verkörpert ein Jahrhundert der Extreme, das den gebürtigen Russen durch zahlreiche europäische Länder und in viele wissenschaftliche Forschungseinrichtungen trieb – für knapp drei Jahre auch ins Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg.

Tschachotin versuchte Albert Einstein zu besonderen Aktivitäten gegen das NS-Regime aufzurufen. Mit Erfolg?

Buchcover aus dem Jahr 1933.

Tschachotin schrieb Einstein Ende 1933 – nachdem er Heidelberg bereits in Richtung Kopenhagen verlassen hatte – von der wachsenden Bedrohung durch die Nazis und schilderte ein Konzept, wie sie seiner Meinung nach eingedämmt werden könnte. Vielleicht war Einstein skeptisch, was die gegenpropagandistischen Maßnahmen anging, die Tschachotin in seinem Brief vorschlug. Aber das wissen wir nicht, es ist keine Antwort Einsteins auf das zwölfseitige Schreiben überliefert.

Wir wissen jedoch, dass Tschachotin die deutsche Sozialdemokratie unterstützte und von Heidelberg aus half, die „Eiserne Front“ als Gegengewicht zur NSDAP aufzubauen. Er hatte die NS-Propaganda analysiert und versuchte, eine sozialistische Gegenstrategie zu entwickeln; daraus resultierten auch die drei Pfeile, die das Bildsymbol der Eisernen Front wurden. Tschachotin hatte junge Sozialdemokraten gewonnen, mit diesen drei Pfeilen die Hakenkreuze an Heidelbergs Häuserwänden zu durchkreuzen. Das hatte im Frühjahr 1933 die Durchsuchung seiner Heidelberger Wohnung und seiner Laborräume im Institut sowie die kurzzeitige Verhaftung zur Folge. Als sowjetischer Staatsbürger musste er wieder freigelassen werden. Tschachotin war davon überzeugt, dass nur mit Hilfe von Wissenschaftlern die Welt noch zu retten sei, dafür hoffte er bei Einstein auf Rückhalt.

Sergej Tschachotin musste im Mai 1933 das Kaiser-Wilhelm-Institut verlassen. Wie gegenwärtig ist in der Max-Planck-Gesellschaft und im heutigen Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung das Schicksal Tschachotins?

Nach seiner Freilassung hatte Tschachotin an den KWG-Präsidenten Max Planck  geschrieben und Schutz vor Wiederholung solcher Vorkommnisse erbeten. Es erreichte ihn daraufhin ein Brief aus der Generalverwaltung, in dem ihm vorgehalten wurde, wegen politischer Betätigung als Ausländer sein Gastrecht in Deutschland verwirkt zu haben. Er solle sich darum künftig ruhig verhalten. Gekündigt wurde ihm im Institut dann doch.

Heute dürften die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Heidelberger Institut den Namen Tschachotin kennen: Er ist auf der 2006 angebrachten Gedenktafel vermerkt. Eine Ausstellung zur Institutsgeschichte hat ebenfalls auf die vertriebenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufmerksam gemacht. Und bekanntlich hat die Max-Planck-Gesellschaft im Zuge einer vom Präsidenten eingesetzten Kommission unter Vorsitz von zwei externen Historikern das Verhältnis der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zum NS-System in einem sechsjährigen Forschungsprogramm untersuchen lassen. Dabei ist neben zahlreichen Publikationen ein zentrales Gedenkbuch über Schicksale und Karrieren vertriebener Forscherinnen und Forschern entstanden, das auch an Sergej Tschachotin erinnert.

Dem hat nun Boris Hars-Tschachotin sicherlich eine spannende, weil sehr persönliche Variante von Geschichtsschreibung hinzugefügt…

Ja, das stimmt. Es lohnt sich, den Film anzuschauen. Das Heidelberger Max-Planck-Institut kommt im Film vor, aus Tschachotins autobiographischen Notizen wird die Passage vorgelesen, in der er von den guten Arbeitsbedingungen schwärmte. Und Herbert Zimmermann, als langjähriger Mitarbeiter des Instituts 2005 an dessen Jubiläumsausstellung zur Geschichte beteiligt, ist es gelungen, ein Exemplar von Tschachotins Schrift „Dreipfeil gegen Hakenkreuz“ aufzufinden. Ihm wird ausdrücklich im Abspann des Films gedankt.

Zur Redakteursansicht