Forschungsbericht 2021 - Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Haaranalysen zeigen: Meditationstraining verringert Langzeitstress

Autoren
Engert, Veronika
Abteilungen
Forschungsgruppe Sozialer Stress und Familien­gesundheit
Zusammenfassung
Mentales Training zur Förderung von Fähigkeiten wie Achtsamkeit, Dankbarkeit oder Mitgefühl wird oft als Mittel zur Verringerung von Stress eingesetzt. Positive Trainingseffekte wurden bisher jedoch nur in akuten Stresssituationen und an einzelnen Tagen gezeigt oder sie basierten auf Selbstauskünften der Praktizierenden. Unsere Forschungsgruppe konnte erstmals einen objektiven Beleg dafür erbringen, dass mentales Training körperliche Anzeichen andauernder Stressbelastung bei gesunden Menschen verringert.

Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse leiden 23 Prozent der Menschen in Deutschland häufig unter Stress. Dieser Zustand belastet nicht nur das Wohlbefinden der Betroffenen. Er hängt auch mit einer Reihe physiologischer Erkrankungen zusammen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen und psychische Störungen wie Depression, eine der weltweit häufigsten Ursachen von Krankheitslast (gemessen in mit Krankheitslast verlebten Jahren, Quelle: Global Burden of Disease Study 2017).

Daher sucht man nach wirksamen Methoden, die den Alltagsstress auf Dauer reduzieren. Als vielversprechende Option gilt dabei das Achtsamkeitstraining. In diesem schulen Praktizierende durch verschiedene Meditations- und Verhaltensübungen ihre kognitiven und sozialen Fähigkeiten, darunter Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Mehrere Studien haben gezeigt, dass sich sowohl gesunde als auch erkrankte Menschen bereits nach einem achtwöchigen Training weniger gestresst fühlen. Bislang blieben jedoch vor allem zwei Aspekte ungeklärt. Zum einen wurde nur bedingt untersucht, inwieweit Trainingsinterventionen tatsächlich physiologische Stressaspekte, vor allem unter andauernder Stressbelastung, beeinflussen. Grund hierfür ist, dass in der Mehrzahl der Studien Stresslevel anhand von Selbstauskunft in Fragebögen erhoben wurden. Weil Befragte allerdings dazu neigen, sozial erwünscht zu antworten und auch Placebo-Effekte zu berichten, sind Selbstauskünfte im Rahmen von Trainingsstudien nur eingeschränkt interpretierbar. Zum anderen wurde nicht gezielt untersucht, welche der vielfältigen Aspekte eines mentalen achtsamkeitsbasierten Trainings eigentlich für die Stressreduktion ausschlaggebend waren.

Im Rahmen einer multizentrischen Verlaufsuntersuchung, dem von Tania Singer geleiteten ReSource Project [1, 2], welche sowohl am MPI in Leipzig als auch in einem Satellitenlabor in Berlin durchgeführt wurde, haben gesunde Probanden in drei dreimonatigen Einheiten verschiedene fernöstliche mentale Praktiken trainiert. Der Trainingsfokus lag dabei entweder auf den Faktoren Aufmerksamkeit und Achtsamkeit (Präsenz-Modul), auf sozio-affektiven Fähigkeiten wie Mitgefühl und Dankbarkeit (Affekt-Modul) oder auf sozio-kognitiven Fertigkeiten, insbesondere der Fähigkeit die eigenen und fremde Gedanken aus einer Meta-Perspektive zu betrachten (Perspektiv-Modul). Drei Gruppen von jeweils rund 80 Teilnehmenden absolvierten die Trainingsmodule in unterschiedlicher Reihenfolge. Trainiert wurde für bis zu neun Monaten, 30 Minuten täglich an sechs Tagen in der Woche. Zusätzlich wurde eine Kontrollgruppe über den gesamten Zeitraum begleitet, die nicht am Training beteiligt war.

Als Marker für die langzeitliche körperliche Stressbelastung wurde der Cortisolspiegel im Haar gemessen. Cortisol ist das Endhormon der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und unser wichtigstes Stresshormon. Es wird ausgeschüttet, wenn Menschen mit unkontrollierbaren, unvorhersehbaren und bedrohlichen Situationen konfrontiert sind. In der jeweiligen Situation ist die Ausschüttung notwendig, um den Organismus mit der notwendigen Energie zu versorgen, um angemessen auf den Stressor reagieren zu können. Ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel wird jedoch zu einer Belastung für den Körper. In diesen Fällen begünstigen die erhöhten Cortisolspiegel die Entwicklung einer Vielzahl von Erkrankungen, die mit Stress einhergehen. Da sich das zirkulierende Cortisol im Haar ansammelt und dieses im Schnitt einen Zentimeter im Monat wächst, konnten wir anhand von drei Zentimeter langen Haarsträhnen die systemische Stressbelastung während eines jeweiligen Trainingsmoduls erfassen.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass nach sechs Monaten Training die Cortisolmenge in den Haaren der Teilnehmerinnen und Teilnehmer deutlich gesunken war, im Schnitt um 25 Prozent. In den ersten drei Monaten waren zunächst nur leichte Effekte erkennbar, die sich in den darauffolgenden drei Monaten jedoch verstärkten. Im letzten Drittel des Trainings blieb die Cortisolkonzentration auf niedrigem Niveau (siehe Abbildung 1). Wir gehen davon aus, dass erst ein ausreichend langes Training zu den gewünschten stressreduzierenden Wirkungen führt. Dabei war der Effekt nicht von den spezifischen Inhalten der Trainingsmodule abhängig. Möglicherweise sind also mehrere der untersuchten mentalen Ansätze ähnlich effektiv, um den Umgang mit Alltagsstress zu verbessern.

In einer früheren Studie aus dem ReSource Project mit der gleichen Stichprobe hatten wir bereits die Auswirkungen des Trainings auf den Umgang mit akuten Stresssituationen untersucht [3]. Darin wurden die Teilnehmenden einem standardisierten psychosozialen Laborstressor ausgesetzt und es wurde die kurzfristige Cortisolausschüttung im Speichel gemessen. Hier zeigte sich, dass Personen, die ein sozio-affektives oder -kognitives Training absolviert hatten, unter Stress bis zu 51 Prozent weniger Cortisol ausschütteten als die untrainierten oder diejenigen, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit trainiert hatten.

Wir folgern aus diesen Ergebnissen, dass das Training sowohl den Umgang mit besonders stressigen Situationen als auch mit Alltagsstress verbessern kann. Jedoch sind für diese verschiedenen Formen von Stress unterschiedliche Trainingsaspekte besonders hilfreich. Weltweit gibt es viele Erkrankungen, darunter Depressionen, die direkt oder indirekt mit Langzeitstress zusammenhängen. Wir müssen daran arbeiten, den Auswirkungen von chronischem Stress schon präventiv entgegenzuwirken. Unsere Studie belegt dabei anhand physiologischer Messwerte, dass Meditations-basierte Trainingsinterventionen auch bei gesunden Personen die allgemeine Stressbelastung mildern können.

Literaturhinweise

1.
Puhlmann, L. M.; Vrticka, P.; Linz, R.; Stalder, T.; Kirschbaum, C.; Engert, V.; Singer, T.
Contemplative mental training reduces hair glucocorticoid levels in a randomized clinical trial
Psychosomatic Medicine 83 (8), 894–905 (2021)
2.
Singer, T. ; Kok, B. E. ; Bornemann, B. ; Zurborg, S. ; Bolz, M. ; Bochow, C.
The Resource Protocol
In: The ReSource Project. Background, Design, Samples, and Measurements (2nd ed.), 25–30. Max Planck Institute for Human Cognitive and Brain Sciences, Leipzig (2016)
3.
Engert, V.; Kok, B. E.; Papassotiriou, I.; Chrousos, G. P.; Singer, T.
Specific reduction in stress reactivity after social but not attention-based mental training
Science Advances 3 (10), e1700495 (2017)

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