Grenzenlos

19. März 2020

Tobias Herrmann ist Millennial – und kennt innerhalb der Europäischen Union keine Grenzen. 25 Jahre nach dem Inkrafttreten des Schengen-Abkommens machen die europäischen Staaten nun die Grenzen aufgrund der Corona-Pandemie und der Flüchtlingskrise wieder dicht. Ein Anlass, sich über das hohe Gut der Reisefreiheit und über „Vereinigte Staaten von Europa“ Gedanken zu machen.

Von Tobias Herrmann

Selfie in Budapest: Reisefreiheit war für unseren Autor Tobias Herrmann bislang ein selbstverständliches Gut.

Als Vertreter einer Generation, die in den 1990er-Jahren geboren wurde, war und ist die Reisefreiheit innerhalb Europas für mich etwas vollkommen Selbstverständliches. Und wie so oft im Leben misst man Selbstverständlichkeiten keine große Bedeutung zu, sondern nimmt sie emotionslos hin, man kennt es ja nicht anders. Wirklich zu schätzen lernt man diese Privilegien erst, wenn sie nicht mehr da sind.

Gegenwärtig bekommen Millennials wie ich einen Eindruck davon, was eingeschränkte Reisefreiheit bedeutet. Viele europäische Staaten schließen gerade ihre Grenzen, schränken den Grenzverkehr ein und begeben sich in vollständige Isolation. Grund dafür ist Covid-19, die grassierende Corona-Pandemie. Die effektivste Methode, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen, lautet: Schotten dicht!

Tatsächlich aber musste ich bereits im Juni vergangenen Jahres unfreiwillig erfahren, wie viel schwieriger es vor Grenzabkommen wie dem Schengener gewesen sein muss, andere Länder zu besuchen – und welch hohes Gut die Reisefreiheit doch eigentlich ist.

Über das Wochenende an Fronleichnam wollte ich mit zwei Freunden für ein paar Tage nach Montenegro fahren. Aus ökologischen Gründen entschieden wir uns gegen einen Flug und buchten stattdessen einen Reisebus nach Sarajevo, Bosnien. Dort würden wir ein Auto mieten und anschließend weiter nach Montenegro fahren, so der Plan.

Meine beiden Freunde setzten dieses Vorhaben auch in die Tat um, für mich allerdings endete die Reise frühzeitig. An der Grenze von Kroatien nach Bosnien musste ich fatalerweise feststellen, dass mein Personalausweis vor wenigen Wochen abgelaufen war. Nun wäre das nicht weiter schlimm, innerhalb der EU darf der Ausweis sogar ein halbes Jahr über dem Ablaufdatum sein. Dummerweise gehört Bosnien nicht zur EU. Und da ich auch keinen Reisepass dabeihatte – wozu auch, wir sind doch in Europa! – wurde mir die Einreise verwehrt.

Nun ist die EU natürlich nicht gleich Schengen – die Schweiz beispielsweise gehört zum Schengenraum, nicht aber zur EU, während für Irland und das Vereinigte Königreich das genaue Gegenteil gilt –, das Prinzip bleibt jedoch das gleiche. Sobald ein Land nicht Teil des jeweiligen Staatenbundes ist, kommt es zu Schwierigkeiten. Handels- oder Reiseabkommen wie beispielsweise das Schengener sind daher in vieler Hinsicht Gold wert, besonders für einen vergleichsweise kleinen Kontinent, der dennoch aus knapp 50 eigenständigen Nationen besteht.

Manch einer vergleicht die Vielstaaterei Europas daher auch mit den 50 Bundesstaaten der USA – und in gewissen Aspekten bin ich geneigt, hier zuzustimmen. Was kulturelle, landschaftliche oder kulinarische Vielfalt angeht, muss die USA den Vergleich mit Europa jedenfalls nicht scheuen. Oder ist ein Texaner einem New Yorker weniger fremd als ein Franzose einem Finnen? Ist der Unterschied zwischen Death Valley und Rocky Mountains geringer als zwischen Adria und Lappland?

Zugegeben, die Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“, die seit fast 100 Jahren existiert und zuletzt 2017 vom damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz formuliert wurde, halte ich für wenig realistisch, wenngleich sie einige Vorteile böte: Eine flächendeckende Einführung des Euros könnte für finanzielle Stabilität sorgen, ein gemeinsames Militär verliehe Europa mehr internationales Gewicht und machte es unabhängiger von den USA. Ein Vereinigtes Europa setzte jedoch auch voraus, dass die einzelnen Länder einiges an Mitspracherecht und Autonomie aufgeben müssten. Und das erscheint mir eher unwahrscheinlich, oder glaubt hier jemand, Deutschland und Frankreich würden auf ihre Stellung als „Klassenprimus“ in Europa verzichten?

Zudem müssten sich alle Staaten für eine gemeinsame Regierungsform entscheiden – angesichts der ungemeinen Vielfalt an politischen Systemen in Europa befinden wir uns spätestens jetzt in Utopia. Schließlich sprechen wir in Europa – anders als in den USA – ja nicht alle die gleiche Sprache. Auch dafür müsste also eine Lösung gefunden werden (die Erfindung der Sprache „Europäisch“?), die ich so nicht kommen sehe. An diesen Punkten enden also die Parallelen zu den USA. Was jedoch die Reisefreiheit innerhalb der 50 Bundesstaaten betrifft, dürfen die Vereinigten Staaten gerne als Vorbild für Europa dienen.

In diesen Tagen jährt sich der Abbau der Grenzkontrollen gemäß dem Schengener Abkommen zum 25. Mal. Welch Ironie, dass die Grundidee von Schengen gerade in diesen Tagen ad absurdum geführt wird. Zum einen wird die Reisefreiheit, wie erwähnt, wegen des Coronavirus massiv beschränkt, zum anderen aber werden bereits seit einigen Jahren potentielle Reisehürden innerhalb Europas nicht abgebaut, sondern vielmehr erhöht. 2015 etwa schlossen viele Länder ihre Grenzen im Zuge der Flüchtlingskrise, Regionen wie beispielsweise Katalonien streben nach Autonomie, und natürlich darf in dieser Aufzählung auch der Brexit nicht fehlen. Gerade im Hinblick auf diesen besorgniserregenden Trend, weg von einem gemeinsamen Europa und hin zu mehr Nationalismus, Protektionismus und Kleinstaaterei, wäre eine europaweite Ausdehnung des Schengenraums doch ein starkes Zeichen.

Ich persönlich habe auf meine Abweisung an der kroatisch-bosnischen Grenze jedenfalls angemessen reagiert: Ich fuhr nach Zagreb, verbrachte einen Tag in Budapest, nahm einen Nachtzug nach Bratislava und schlenderte noch einen Tag durch Maribor. Insgesamt habe ich so vier Länder in vier Tagen besucht, nette Menschen kennengelernt, spannende Kulturen entdeckt und kulinarische Spezialitäten probiert. Ein Hoch auf die Reisefreiheit!

 

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