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Dr. Christina Beck
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Leserbrief zum Artikel "Hirnschnitte aus der NS-Zeit" in der Süddeutschen Zeitung

3. Mai 2017

Die Auslassung einer Vielzahl von Informationen in dem Artikel in der Süddeutschen Zeitung hinterlässt ein falsches Bild, schreibt Max-Planck-Präsident Martin Stratmann. Hier wird nicht nur manch "alter Wein in neuen Schläuchen" präsentiert, es werden auch umfassende Aktivitäten der Max-Planck-Gesellschaft negiert.

Bisherige Presseinformationen

Archivfunde werfen neue Fragen auf

9. April 2015

Im Zuge neuerlicher Recherchen wurden im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin menschliche Hirnschnitte wieder entdeckt, die bisher nur teilweise wissenschafts- und medizinhistorisch untersucht worden sind. Die Hirnschnitte gehören zum Nachlass des Arztes und Hirnforschers Julius Hallervorden und gelangten erst mit einer Abgabe 2001 in das Archiv. Die Brisanz des Materials wurde damals aber offensichtlich nicht erkannt.

Max-Planck-Gesellschaft führt Gesamtrevision ihrer Präparatesammlungen durch

14. März 2016

Die Untersuchungen zu den im Frühjahr 2015 wiederentdeckten menschlichen Hirnschnitten aus dem Nachlass des Arztes und Hirnforschers Julius Hallervorden im Archiv in Berlin haben den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft jetzt veranlasst, eine Gesamtrevision an allen Max-Planck-Instituten zu verfügen, die Sammlungen von Humanpräparaten besitzen.

Forschung und Aufarbeitung

Max-Planck-Gesellschaft schließt Gesamtrevision ab - Opferforschungsprojekt startet im Juni 2017

2. Mai 2017

Im vergangenen Jahr wurde eine Gesamtrevision zu Humanpräparaten in der Max-Planck-Gesellschaft durchgeführt und ohne weitere kritische Funde abgeschlossen. Die vom Präsidenten eingesetzte Kommission „Euthanasie-Opfer“ unter der Leitung von Prof. Heinz Wässle hat mit Patricia Heberer-Rice (US Holocaust Memorial Museum), Gerrit Hohendorf (Technische Universität München), Paul Weindling (Oxford Brookes University) und Herwig Czech (Medizinische Universität Wien) vier internationale Experten gewinnen können, die einen Förderantrag für ein unabhängiges Opferforschungsprojekt eingereicht haben. Es startet im Juni 2017 und wird über eine Laufzeit von drei Jahren von der Max-Planck-Gesellschaft mit 1,5 Millionen Euro gefördert.

Im Jahr 1989 beschloss die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), all jene Humanpräparate aus der Zeit des Nationalsozialismus zu bestatten, die mutmaßlich von Opfern der sogenannten „Euthanasie“-Aktion, sowie anderen NS-Opfergruppen wie Zwangsarbeitern, Insassen von Konzentrationslagern, Kriegsgefangenen oder Opfern der NS-Justiz stammten. Die Präparate wurden 1990 auf dem Münchener Waldfriedhof bestattet. Max-Planck-Präsident Heinz Staab mahnte anlässlich einer Gedenkfeier am 25. Mai 1990 eine „verantwortliche Selbstbegrenzung bei der Forschung“ an.

Während das Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt beschlossen hatte, sich von sämtlichen zwischen 1933 und 1945 entstandenen Präparaten zu trennen, entnahm man am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München nur die auf Grund der Aktenlage eindeutigen beziehungsweise prekären Fälle aus der Sammlung, etwa 30 Prozent des Gesamtbestandes. 2015 fand ein neuer Mitarbeiter im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin in einem Holzkarteikasten in Schuhkartongröße Objektträger mit menschlichen Hirnschnitten (PM vom 9. April 2015). Die etwa 100 Präparate zu 35 Fällen aus den Jahren 1938 bis 1967 aus dem Nachlass des ehemaligen Leiters der histopathologischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm- und späteren Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Julius Hallervorden, waren erst 2001 mit einer Abgabe des Neurologischen Instituts am Universitätsklinikum Frankfurt am Main (Edinger Institut) in das Archiv der MPG gelangt.

Übersicht über die in der Max-Planck-Gesellschaft vorhandenen Präparate

Eine fachkundige Begehung des Historischen Archivs im Max-Planck-Institut für Psychiatrie Anfang 2016 (sie folgte auf eine erste, auf die Initiative des Archivs der Max-Planck-Gesellschaft zurückgehende Stichprobendurchsicht in 2015) förderte sowohl weitere Hirnschnitte als auch Nasspräparate zutage, die möglicherweise von „Euthanasie“-Opfern stammen. Sie waren schon in den 90er-Jahren als Verdachtsfälle identifiziert worden und hätten daher eigentlich bereits bestattet sein sollen.

<p>Schnittpräparat eines menschlichen Gehirns aus der Präparatesammlung des MPI für Psychiatrie, 20er-Jahre (ca. 90 x 40 mm, aus Datenschutzgründen wurde der Name anonymisiert).</p>

Schnittpräparat eines menschlichen Gehirns aus der Präparatesammlung des MPI für Psychiatrie, 20er-Jahre (ca. 90 x 40 mm, aus Datenschutzgründen wurde der Name anonymisiert).

Vor diesem Hintergrund setzte Max-Planck-Präsident Martin Stratmann im Dezember 2015 eine Präsidentenkommission ein unter der Leitung von Prof. Heinz Wässle, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Sie sollte eine Gesamtrevision vorbereiten und Experten für ein unabhängiges Forschungsprojekt auswählen (PM vom 14. März 2016). Eine schriftliche Abfrage an allen Max-Planck-Institute, wobei insbesondere die MPI für Hirnforschung, für Neurobiologie, für Herz- und Lungenforschung sowie für Stoffwechselforschung (früher: für neurologische Forschung) einer genaueren Betrachtung unterzogen wurden, ergab jedoch keine weiteren Hinweise auf Präparate von NS-Opfern.

Die Funde aus der jüngsten Zeit sowie die Tatsache, dass 1990 offenbar nicht alle zur Beisetzung vorgesehenen Präparate wirklich bestattet wurden und die genaue Herkunft der beigesetzten Präparate sowie die Identität der Opfer damals ungeklärt blieb, werfen verschiedene Fragen auf:

  • Lässt sich die Identität der Opfer rekonstruieren, von denen die aktuell aufgefundenen und die bereits bestatteten Präparate stammen?
  • Lässt sich der Weg der Präparate seit dem Tod der Opfer, insbesondere ihre Verwendung innerhalb der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) und der Max-Planck-Gesellschaft während des 2. Weltkriegs sowie in der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre rekonstruieren?
  • Inwieweit wurden die Präparate für Publikationen und Forschungszwecke genutzt?
  • Und vor allem: Wer waren die Opfer der Hirnforschung im Kontext der nationalsozialistischen Krankentötungen und anderer NS-Verbrechen, die in Kooperation mit Wissenschaftlern und Instituten der KWG und der MPG stattfanden?

Organisation und Begleitung eines Opferforschungsprojekts

Für die Durchführung eines entsprechenden Forschungsprojektes hat die vom Präsidenten eingesetzte Kommission internationale externe Forscher identifiziert: Mit Dr. Patricia Heberer-Rice vom US Holocaust Memorial in Washington D.C., Prof. Dr. Gerrit Hohendorf vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München, Prof. Dr. Paul J. Weindling vom Department of History, Philosophy, and Religion an der Oxford Brookes University und Mag. Dr. Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien konnten ausgewiesene Experten gefunden werden.

So hat Patricia Heberer-Rice die Tötung von Patienten in der psychiatrischen Anstalt Kaufbeuren und die Verbindung zum Kaiser-Wilhelm-Institut für Psychiatrie in München untersucht. Gerrit Hohendorf hat als Leiter des DFG-Projektes zur wissenschaftlichen Erschließung und Auswertung des Krankenaktenbestandes der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktion T4 weitreichende Erfahrungen in der quantitativen Auswertung von Krankenakten. Paul Weindling hat zusammen mit seiner Arbeitsgruppe in Oxford eine Datenbank zur Zusammenführung von Informationen aus unterschiedlichsten Quellenbeständen für über 28.000 Opfer von erzwungener medizinischer Forschung im Nationalsozialismus entwickelt. Und Herwig Czech hat NS-Medizinverbrechen in Wien und deren Nachkriegsgeschichte untersucht.

Beratend steht dem Projekt „Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten: Hirnpräparate in Instituten der Max-Planck-Gesellschaft und die Identifizierung der Opfer“ zudem Prof. Dr. Volker Roelcke vom Institut für Geschichte der Medizin an der Universität Gießen zur Seite. Die Max-Planck-Gesellschaft wird das Projekt mit 1,5 Millionen Euro über eine Laufzeit von drei Jahren finanzieren. Das Projekt soll im Juni 2017 beginnen.

Das MPI für Psychiatrie hatte in Vorbereitung des Forschungsprojekts bereits einen externen, auf Archiverschließung spezialisierten Dienstleister mit der groben Inventarisierung der historischen Bestände (Aktenmaterial und Hirnschnitte) am Institut beauftragt. Bisher gab es am Institut keinen systematisierten Überblick über den Gesamtbestand; es liegen nur jene Teile des Bestands systematisch erfasst vor, zu denen wissenschaftliche Publikationen erstellt worden sind. Die Inventarisierung von 24.500 Präparaten von den 20er- bis zu den 80er-Jahren wurde im Februar 2017 abgeschlossen.

Ziele und Vorgehen im Forschungsprojekt

Im Rahmen des Forschungsprojekts soll eine Datenbank mit allen Opfernamen entstehen. Sie soll biographische Basisdaten zu den Opfern, zur Anstaltsbehandlung und zu den Selektionskriterien enthalten, die zur Auswahl der Opfer geführt haben. Es soll die Todesart dokumentiert werden ebenso wie Daten zur Gehirnentnahme, zum weiteren Weg der Präparate und zu den an ihnen vorgenommenen Forschungen. „Eine darüber hinaus gehende Rekonstruktion aller Opferbiographien ist angesichts der großen Opferzahl (sie beträgt unter Umständen mehrere Tausend) im Rahmen dieses Projekts nicht zu leisten und erscheint daher allenfalls für einzelne wenige exemplarische Lebensgeschichten als eine realistische Aufgabe“, so die beteiligten Forscher.

Um die Identitäten der Opfer klären und das Netzwerk neuropathologischer Forschung rekonstruieren zu können, soll in zwei verschiedene Richtungen recherchiert werden: Ausgehend von den an Max-Planck-Instituten vorhandenen Präparaten, Präparatelisten und Eingangsbüchern soll eine Recherche in Richtung der Herkunftsanstalten und den dort vorhandenen Patienten-bezogenen Quellen (insbesondere Krankenakten, daneben Abgabelisten für Gehirne und Hirnschnitte etc.) erfolgen. In umgekehrter Richtung soll ausgehend von den „Heil- und Pflegeanstalten“ und der T4-Zentrale recherchiert werden, welche Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (und in der Nachkriegszeit der Max-Planck-Gesellschaft) mit den Anstalten kooperierten und an welche Institute Gehirne und Hirnpräparate abgegeben wurden.

 
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