Jubiläum 100 Jahre Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

Verantwortung der Forschung im 21. Jahrhundert

Die Rede von Helmut Schmidt zum Festakt am 11. Januar 2011 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

Helmut Schmidt fordert ein intereuropäisches und -disziplinäres Forschungsvorhaben. Bild vergrößern
Helmut Schmidt fordert ein intereuropäisches und -disziplinäres Forschungsvorhaben.

Daß die Max-Planck-Gesellschaft mich als sehr alten Mann zum dritten Mal zu einem Vortrag eingeladen hat, finde ich durchaus rührend. Allerdings zweifle ich, ob ich Ihnen tatsächlich etwas zu bieten habe. Wenn meine verstorbene Ehefrau Loki heute an meiner Stelle stünde, so würde sie aus ihren vielerlei Berührungen mit Wissenschaftlern aus Max-Planck-Instituten und aus gemeinsamen Expeditionen heute ein großes Lob auf diese Gesellschaft singen und ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ich will aber hinzufügen: Als Bürger unseres Staates empfinde ich desgleichen Dankbarkeit für die große Gesamtleistung der Wissenschaftler und Forscher in der Max-Planck-Gesellschaft. Dabei möchte ich gern die Herren Reimar Lüst und Hubert Markl hervorheben, von denen ich persönlich vieles gelernt habe.

Es ist keine Prahlerei, wenn ich sagen darf: Die forscherische Leistung der Max-Planck-Institute, die ich seit etwa den 1950er Jahren, wenn auch nur aus der Ferne, so doch bewußt, miterlebt habe, genießt draußen in der Welt ein sehr hohes Ansehen.

Wenn der 100. Geburtstag der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft der heutige Anlaß ist, dann darf man daran erinnern, daß man in Berlin im Jahre 1911 begriffen hatte, daß das Konzept Wilhelm von Humboldts von der Einheit von Lehre und Forschung allein nicht mehr ausreichte. Da ich erst 1918 geboren bin, habe ich keinerlei eigenes Urteil über die Leistungen und auch die Fehlentwicklungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft; ich meine das Dutzend Jahre der Weimarer Republik und die nochmals 12 Jahre der Nazizeit. Immerhin habe ich es nachträglich, aus der Rückschau, der Vereinigung der deutschen Spitzenforscher übelgenommen, daß sie in ihrem damaligen reaktionären Nationalismus an der Symbolfigur des gewesenen Kaisers festgehalten hat. Schließlich war doch längst schon erkennbar, daß Wilhelm II. als Regierender und ebenso als Mitmensch alles andere gewesen ist als ein Vorbild.

Ich will aber ansonsten mich nicht mit der Geschichte der KWG befassen. Vielmehr möchte ich das mir von Herrn Gruß vorgegebene Thema etwas variieren und ausweiten. Dabei wende ich mich nicht speziell an die Max-Planck-Gesellschaft, sondern ganz allgemein an die Wissenschaftler und Forscher.

Ich möchte sprechen über die Verantwortung der Wissenschaft – zunächst unter dem Aspekt der im Beginn des 21. Jahrhunderts erkennbaren neuartigen Menschheitsprobleme. Sodann möchte ich mich etwas kürzer den spezifischen Fragen zuwenden, die sich für uns Europäer ergeben können. Schließlich dann ein persönliches Wort zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik.

Menschheitsprobleme

1. Bisher hat die tatsächliche Entwicklung der Menschheit die These von Thomas Robert Malthus falsifiziert, in der er vor mehr als 200 Jahren vorhergesagt hat, daß bei anhaltendem Wachstum der Weltbevölkerung deren ausreichende Ernährung nicht mehr gewährleistet werden könnte. Tatsächlich hat die Weltbevölkerung im ganzen 19. Jahrhundert stetig zugenommen, im 20. Jahrhundert hat sie sich sogar um den Faktor 4 bis auf 6 Milliarden vermehrt. Gegen die Mitte des 21. Jahrhunderts werden wir 9 Milliarden erreichen. Zwar gibt es bisweilen Hungersnöte, insgesamt jedoch werden sehr viel mehr Menschen ernährt, als Malthus sich das als möglich vorgestellt hat.

Gleichwohl hat Malthus mindestens in einem Sinne Recht gehabt: Die Übervölkerung des Erdballs wirft gewaltige Probleme auf. Milliarden Menschen leben nicht mehr in Hütten nebeneinander, sondern sie leben in Etagen übereinander. Nicht nur in den Industriestaaten, sondern auch in den Schwellenländern und in den Entwicklungsländern findet eine Verstädterung der Gesellschaften statt. Die Verstädterung führt zu neuen Seuchen, zur Vermassung, zu größerer Verführbarkeit, seit einigen Jahrzehnten insbesondere auch mittels neuer elektronischer Medien. Und dort, wo Bevölkerungsexplosion zusammentrifft mit Unterversorgung, mit politischen, ökonomischen oder ökologischen Mißständen aller Art, dort kann sie Wanderungsströme auslösen. Und wenn Wanderungsströme die eigenen Staatsgrenzen überschreiten, lösen sie transnationale Konflikte aus.

Von allen Staaten der Welt hat bisher allein China eine wirksame Dämpfung zustande gebracht. Das chinesische Beispiel wirft vielfältige Probleme auf – einschließlich ethischer und philosophischer Fragestellungen.

Vor allem aber wirft das höchst problematische Nicht-Handeln der übrigen Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas schwerwiegende Fragen pro futuro auf. Man kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, hier handle es sich um fremde Erdteile, deshalb bräuchten wir Europäer oder wir Amerikaner uns darum nicht zu kümmern. Bisher haben die chinesischen wissenschaftlichen Beiträge zur Lösung nur begrenztes Gewicht. Es ist hohe Zeit, daß eine der mehreren Spitzenorganisationen der deutschen, besser der europäischen Wissenschaft die komplexe Thematik der Bevölkerungsexplosion erforscht – und sodann alternative Lösungsvorschläge auf den Tisch legt. Eine Zusammenarbeit mit den chinesischen Wissenschaftlern sollte dabei selbstverständlich sein.

 

 
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