Bildungschancen stärker von sozialer als von ethnischer Herkunft abhängig

Sammelband gibt Überblick über ethnische Ungleichheiten in Schule und Ausbildung

13. November 2015

Werden Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in unserem Bildungssystem benachteiligt? Welche Hürden haben sie tatsächlich? Und gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsgruppen? Einen aktuellen Überblick über den Forschungsstand in diesem Bereich gibt ein neuer Sammelband, mitherausgegeben von Christian Hunkler vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Danach wirkt sich die soziale Zugehörigkeit der Schüler stärker auf die Bildungschancen aus als eine ausländische Herkunft.

Diskriminierung durch Lehrkräfte spielt keine große Rolle bei der Erklärung ethnischer Bildungsungleichheiten. Auch hier hat die soziale Herkunft größere Bedeutung.

Leistungsunterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind bereits früh im Bildungsverlauf erkennbar. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Bildungslaufbahn. Hierfür sind vor allem die sozialen Voraussetzungen verantwortlich. Zwar lassen sich auch migrationsbezogene Einflüsse ausmachen wie im Bereich der Sprache; insgesamt sind diese aber weniger bedeutsam als die mit der sozialen Herkunft verknüpften. Zu diesen Ergebnissen kommen die Autoren des neu erschienenen Sammelbandes „Ethnische Ungleichheiten im Bildungsverlauf“.

In ihrer Zusammenstellung der zentralen Befunde weisen die Autoren auf deutliche Unterschiede im Abschneiden verschiedener Herkunftsgruppen hin: Türkischstämmige Kinder und Jugendliche erzielen zumeist deutlich schlechtere Ergebnisse als andere Migrantengruppen – etwa als Schülerinnen und Schüler, die selbst oder deren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Das zeige sich beispielsweise beim Übergang in eine betriebliche Ausbildung: Viele Studien finden für junge türkische Männer deutlich niedrigere Übergangsraten. In großen Unternehmen haben sie allerdings tendenziell bessere Chancen, was darauf hindeutet, dass die dort eingesetzten standardisierten Auswahlverfahren ethnischer Diskriminierung vorbeugen können.

Mangel an Daten und Studien

Individuelle Diskriminierungen in Form von Beurteilungen der Lehrkräfte spielen im Bildungssystem hingegen keine große Rolle bei der Erklärung ethnischer Bildungsungleichheiten. Vielmehr ist es auch hier die soziale Herkunft, die die Entscheidungen von Lehrern eher zum Nachteil von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern beeinflusst. Davon sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund allerdings überproportional häufig betroffen.

Neben diesen empirisch gefestigten Ergebnissen weisen die Autoren auf den eklatanten Mangel an geeigneten Daten und Studien hin. Deshalb brauche es vor allem kreative Forschungsdesigns, wie beispielweise breit angelegte Feldexperimente, fordert Christian Hunkler vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik: „Nur so können wir verlässliche und umfassendere Aussagen über die Rolle institutioneller und struktureller Rahmenbedingungen treffen und herausfinden, ob und wie sich Änderungen oder bestimmte Maßnahmen auf ethnische Bildungsungleichheiten auswirken.“ Es spreche nämlich einiges dafür, dass sich das deutsche Bildungssystem im Umgang mit einer sozial, ethnisch und sprachlich zunehmend heterogenen Schülerschaft schwer tut.

VC/MEZ

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