Weibliche Orang-Utans bevorzugen Männchen mit Backenwülsten

Dominante Orang-Utan Männchen mit Backenwülsten zeugen die meisten Nachkommen –aber nur in Zeiten einer stabilen Rangordnung

1. September 2015

Anders als bei den meisten Säugetieren gibt es bei männlichen Orang-Utans zwei unterschiedliche morphologische Typen: Einige entwickeln in ihren Gesichtern „Backenwülste“, andere nicht. Ein Forscherteam unter der Leitung von Graham L. Banes und Linda Vigilant vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchte den Fortpflanzungserfolg von Kusasi, dem ehemaligen dominanten Männchen in Camp Leakey im Tanjung Puting Nationalpark in Indonesien, und verglich ihn mit dem Erfolg nicht dominanter Männchen ohne Backenwülste. Dazu sammelten die Forscher Kotproben und führten Vaterschaftstests durch. Sie stellten fest, dass Kusasi während seiner Zeit als „König“ des Dschungels wesentlich mehr Nachkommen gezeugt hat als alle andere Männchen. Nur wenn es zu Instabilitäten in der Rangordnung kam – zu Beginn und am Ende von Kusasis „Herrschaft“ – zeugten auch andere Männchen erfolgreich Nachwuchs.

Niederrangiges Orang-Utan Männchen ohne Backenwülste (links) und dominantes Männchen mit Backenwülsten (rechts), Tanjung Puting Nationalpark, Indonesien.

Normalerweise gibt es in jedem Gebiet nur ein Orang-Utan-Männchen mit Backenwülsten – das jeweils dominante. Neben der Körpergröße und dem großen herabhängenden Kehlsack zum Brüllen von langen, resonanten Lauten, sind diese Backenwülste für dominante Männchen charakteristisch. Weibchen finden sie vermutlich attraktiv, was zum höheren Fortpflanzungserfolg dominanter Männchen im Vergleich zu Rivalen ohne Backenwülste beitragen könnte. Aber auch Männchen ohne Backenwülste können Nachkommen zeugen.

„Dominante Männchen haben einen höheren Kalorienverbrauch, sind aufgrund ihrer Größe in ihrer Bewegung eingeschränkt und können bei Auseinandersetzungen mit dominanten Männchen benachbarter Gruppen sogar getötet werden“, sagt Graham L. Banes vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der sein Langzeitforschungsprojekt an der University of Aberdeen begann und später an der University of Cambridge fortführte. „Warum also sollte ein Männchen Backenwülste entwickeln, wenn es auch ohne sie Nachwuchs zeugen kann?“                                                                                               

Orang-Utan-Mutter mit Nachwuchs, Tanjung Puting Nationalpark, Indonesien.

Um diese Frage zu beantworten, erforschte Banes acht Jahre lang die im Tanjung Puting Nationalpark lebenden Orang-Utans, folgte ihnen mehrere Monate am Stück von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und sammelte Kotproben von allen Orang-Utans, die in dem 50 Quadratkilometer großen Studiengebiet gesichtet wurden. Anschließend untersuchten die Forscher das in den Proben enthaltene Erbgut und identifizierten so 39 bekannte Tiere, darunter 12 Männchen. „Um herauszufinden, welche dieser Männchen Nachwuchs gezeugt haben, führten wir Vaterschaftstests durch“, sagt Linda Vigilant vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Anschließend verglichen wir Kusasis Fortpflanzungserfolg mit dem von Männchen ohne Backenwülste und stellten fest: zehn von 14 Orang-Utans, die in einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren gezeugt wurden, waren Söhne und Töchter von Kusasi.“

Die Ergebnisse zeigen, dass Kusasi als dominantes Männchen sehr viel mehr Nachkommen gezeugt hat, als alle anderen Männchen. Dazu beigetragen haben möglicherweise seine Backenwülste, die auf weibliche Orang-Utans anziehend wirken. Wie erwartet hatten aber auch Männchen ohne Backenwülste einen gewissen Fortpflanzungserfolg. „Interessant ist hier aber das Timing“, sagt Banes. „Andere Männchen zeugten Nachkommen in der Zeit unmittelbar vor oder gegen Ende von Kusasis Dominanzperiode, als die hierarchischen Verhältnisse im Gebiet unklar waren.“ Daraus folgern die Autoren, dass die Herausbildung von Backenwülsten eine bewährte evolutionäre Strategie ist: Der Fortpflanzungserfolg von dominanten Männchen mit Backenwülsten ist wesentlich höher als der von anderen Männchen. Für jene heißt es abwarten, bis sie in Zeiten unsicherer Rangverhältnisse ebenfalls zum Zuge kommen können.

SJ/HR

Zur Redakteursansicht