Schimpansen arrangieren sich mit dem Verlust von Wäldern

Genanalysen von Kotproben weisen auf unerwartet viele Schimpansen in fragmentiertem Waldgebiet hin

25. August 2015

Das Sammeln von Kotproben und die Analyse des darin enthaltenen Erbguts brachte ein Forscherteam auf die Spur einer unerwartet großen Schimpansenpopulation: Etwa dreimal so viele Tiere wie erwartet leben in zerstückelten Waldgebieten in der Nähe menschlicher Siedlungen in Uganda. Schimpansen scheinen also, zumindest auf kurze Sicht, besser mit einer Verschlechterung ihres Lebensraums umgehen zu können als bisher angenommen. Die Forscher betonen jedoch, dass auch in Gebieten jenseits der Nationalparks und Waldschutzgebiete Maßnahmen zum Schutz der Menschenaffen ergriffen werden sollten.

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Original 1508157869
Drei männliche Schimpansen aufgeregt rufend auf einer Lichtung, Hoima-Distrikt, Uganda.
Drei männliche Schimpansen aufgeregt rufend auf einer Lichtung, Hoima-Distrikt, Uganda.

Die Waldschutzgebiete Budongo und Bugoma erstrecken sich über jeweils 400 Quadratkilometer und beherbergen etwa ein Viertel der 5.000 noch in Uganda lebenden Schimpansen. Zwischen diesen beiden Schutzgebieten befindet sich ein ungeschütztes Gebiet, das etwa doppelt so groß ist wie Budongo und Bugoma zusammen. Dieses Habitat besteht aus Wäldern, Dörfern, Agrarflächen und naturbelassenen Graslandschaften und wird auch von Schimpansen bewohnt. Diese zu zählen, ist eine Herausforderung: Direktes Monitoring ist zeitaufwendig, das Zählen von Schlafnestern oft ungenau und moderne Methoden, wie die Nutzung von Kamerafallen und das akustische Monitoring, stecken noch in den Kinderschuhen.

Ein Forscherteam unter der Leitung von Maureen McCarthy von der University of Southern California in Los Angeles, USA, und Linda Vigilant vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig führte 15 Monate lang einen „genetischen Zensus“ durch, um die Anzahl der in der Korridorregion lebenden Schimpansen zu schätzen. Dazu liefen die Forscher eine Fläche von 633 Quadratkilometern ab, sammelten 865 Schimpansen-Kotproben, analysierten das darin enthaltene Erbgut und konnten so 182 verschiedene Schimpansen identifizieren. Sie prüften anschließend, ob einzelne Tiere durch mehrere Proben vertreten waren. Je nach Berechnungsmethode schätzen die Forscher die Populationsgröße auf entweder 256 oder 319 Tiere, die sich auf wenigstens neun Gemeinschaften mit jeweils acht bis 33 Tieren aufteilen. „Diese Zahlen sind mehr als dreimal so hoch wie vorherige Schätzungen, die von etwa 70 Tieren im Korridorgebiet ausgingen und auf einer Zählung der Schlafnester basierten“, sagt Vigilant.

Den Autoren zufolge ist es sehr unwahrscheinlich, dass die höheren Schätzwerte auf ein Populationswachstum seit der letzten Schlafnesterzählung hindeuten. Die langen Intervalle zwischen Schimpansengeburten und der rasch fortschreitende Lebensraumverlust in der Region sprechen dagegen. Vielmehr scheinen die neuen Schätzwerte die höhere Genauigkeit des genetischen Zensus im Vergleich zum Schlafnesterzählen widerzuspiegeln.

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In dem aus einem Mosaik von Farmland und Wald bestehenden Gebiet leben Schimpansen, Hoima-Distrikt, Uganda.
In dem aus einem Mosaik von Farmland und Wald bestehenden Gebiet leben Schimpansen, Hoima-Distrikt, Uganda.

„Die Ergebnisse sind erstaunlich", sagt Erstautorin McCarthy und verweist auf die Fragmentierung der Wälder und die hohe Bevölkerungsdichte in dieser Region. "Ugandas Waldbestände sind in 20 Jahren um 37 Prozent zurückgegangen. Dass mehrere Schimpansengemeinschaften dort beheimatet sind, zeigt, wie überraschend widerstandsfähig die Tiere sind. Sofern sie nicht gejagt werden, können sie sogar in solch beeinträchtigten Habitaten überleben.“ Dabei hilft den Schimpansen ihr flexibles Verhalten: Sie integrieren neue – auch vom Menschen angebaute – Nahrungsmittel in ihren Speiseplan oder mildern die Bedrohung durch den Menschen ab, indem sie ein aggressiveres Verhalten annehmen. „Trotzdem bleibt ihre Zukunft ungewiss, wenn sie nicht ausreichend geschützt werden und der Lebensraumverlust unvermindert fortschreitet“, betont McCarthy.

Die Studie zeigt, dass ungeschützte und beeinträchtigte Habitate einen hohen Stellenwert für den Artenschutz haben können. „Obwohl Nationalparks und andere Schutzgebiete bei den Planungen oft bevorzugt behandelt werden, sollten auch ungeschützte Gebiete berücksichtigt werden", findet McCarthy, "vor allem, wenn es sich um Wildtierkorridore handelt, die bedrohten Arten Unterschlupf gewähren und den Genfluss zwischen größeren Populationen aufrechterhalten.“ Den Autoren zufolge würde sich eine Aufwertung der Korridorregion positiv auf etwa 30 Prozent der gesamten Schimpansenpopulation Ugandas auswirken, die Tiere aus Budongo, Bugoma und den fragmentierten Waldgebieten eingeschlossen.

SJ/HR