Unser böses Ich

Menschen haben den stark ausgeprägten Wunsch einander zu helfen, aber teilen wir Missgunst und Boshaftigkeit auch mit unseren nächsten Verwandten?

18. Januar 2006

Ob und wie stark altruistisches, also selbstloses Verhalten auch bei unseren nahen Verwandten, den Schimpansen, ausgeprägt ist, haben Keith Jensen und seine Kollegen vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie an Schimpansen im Leipziger Wolfgang-Köhler-Zentrum für Primatenforschung untersucht. Die Tiere wurden vor die Wahl gestellt, entweder anderen Schimpansen durch Ziehen an einem Seil zu Futter zu verhelfen oder das Futter stattdessen in einen leeren Raum zu befördern. In beiden Fällen ging der Schimpanse, der am Seil zog, selbst leer aus. Doch entgegen den Erwartungen verhielten sich die Schimpansen weder selbstlos noch missgünstig. Beide Eigenschaften scheinen daher aus Sicht der Forscher ausschließlich menschliche Eigenschaften zu sein (Proceedings of the Royal Academy, 17. Januar 2006).

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Eintracht oder Missgunst? - Die intensive Anteilnahme am anderen, im positiven wie auch negativen Sinne, scheint eine dem Menschen eigene Eigenschaft zu sein.

Ein selbstloser Schimpanse würde seinem Nachbarn das Futter zuschieben, auch wenn dies mit einem gewissen Aufwand verbunden ist. Ein boshafter Schimpanse hingegen, würde das Futter in den leeren Raum befördern, um zu verhindern, dass der Nachbar es bekommt.

"Meine Vermutung war, dass bei den Schimpansen die Missgunst siegt. Dass sie, wenn sie das Futter selbst nicht haben können, es auch keinem anderen gönnen.", so Jensen. Im Laufe der Studie zeigte sich, dass die Schimpansen in 50 Prozent der Fälle gar nichts taten, also das Futter weder zum Nachbarn hin, noch vom Nachbarn weg zogen. In 25 Prozent der Fälle wurde das Futter zum Nachbarn, in 25 Prozent zum leeren Raum hin gezogen. Dies demonstrierte, dass die Schimpansen weder selbstlos noch missgünstig handelten.

"Sie schienen einfach nicht auf den anderen Schimpansen zu achten. Ihr Interesse galt ausschließlich dem Futter, und sie konzentrierten sich auf nichts anderes. Sogar als sie herausgefunden hatten, dass sie selbst das Futter nicht bekommen können, verhalfen sie dem anderen Schimpansen nicht dazu, verhielten sich aber auch nicht boshaft.", so Jensen.

Menschen hingegen sind eindeutig altruistisch veranlagt. Sie spenden Blut, sie spenden Geld für wohltätige Zwecke und helfen Fremden. Diese Art von Altruismus wurde bisher bei keinem anderen Tier entdeckt und einige Forscher denken, dass die Selbstlosigkeit eine der Eigenschaften ist, die uns zum Menschen machen. Jensen behauptet, dass Boshaftigkeit eine ebenso wichtige und ausschließlich menschliche Eigenschaft sein könnte. Durch sie wird kooperatives Verhalten gefördert, indem beispielsweise Betrüger bestraft werden.

"Andere zu bestrafen ist für die bestrafende Partei meist mit einem gewissen Aufwand verbunden. Vom Steuerzahler bis zum Ausarbeiten von Gesetzen; eine Bestrafung bei Zuwiderhandlungen ist aus der modernen Gesellschaft nicht wegzudenken. Die Menschen bestrafen Diebstahl, Mord und zahlreiche andere Verbrechen, damit die Gesellschaft im Gleichgewicht bleibt. Vielleicht ist die menschliche Gesellschaft, was sie ist, weil es Boshaftigkeit gibt und den Mechanismus, Betrüger zu bestrafen.", so Jensen.

Wenn Selbstlosigkeit und Boshaftigkeit auf den Menschen beschränkt sind und beim Schimpansen nicht vorkommen, dann ist es wahrscheinlich, dass diese Eigenschaften sich im Laufe der letzten 6 Millionen Jahren herausgebildet haben, seit sich die stammesgeschichtlichen Wege von Mensch und Schimpanse getrennt hatten. Die intensive Anteilnahme, im positiven wie auch negativen Sinne, die Menschen aneinander nehmen, könnte einen wichtigen Beitrag geleistet haben zu unserer Fähigkeit, miteinander zu kooperieren, zu unserem Sinn für faires Handeln und zu den Moralvorstellungen, die unsere Gesellschaft heute definieren.

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