Kurztherapie allein bringt bei Alkoholabhängigkeit wenig

Klinische Studie des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin belegt: Chronischer Alkoholmissbrauch führt zu nachhaltiger Störung des Elektrolyt- und Wasserhaushaltes im Körper, die auch nach dem Entzug noch lange andauert

15. Mai 2003

Obwohl seit langem bekannt ist, dass chronischer Alkoholkonsum schwere gesundheitliche Probleme verursacht, wusste man bisher nicht, in welchem Ausmaß sich Alkoholgeschädigte bei langfristiger Abstinenz von den Alkoholfolgeschäden erholen können. Eine neue Studie der Arbeitsgruppe Klinische Neurowissenschaften des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin und der Georg-August-Universität Göttingen zeigt jetzt, dass tiefgreifende Veränderungen der Schlüsselhormone für die Steuerung des Wasser- und Elektrolytgleichgewichts (Vasopressin und Atriales Natriuretisches Peptid) im menschlichen Organismus für wesentliche Entzugssymptome mitverantwortlich sind und zu zahlreichen körperlichen und psychischen Störungen alkoholabhängiger Menschen führen, die auch während der Abstinenz noch lange bestehen bleiben. Zu den Störungen gehören exzessiver Durst und extreme Flüssigkeitsaufnahme, Craving (starkes Verlangen nach Alkohol) sowie Beeinträchtigungen der Nierenfunktion. Insgesamt bestätigt die Studie, dass Alkohol nicht nur Leber- und Hirnschäden verursacht, sondern alle Organe des menschlichen Körpers beeinträchtigt. Entgiftungstherapien sind daher ein zwar notwendiger, aber nicht ausreichender Schritt, um die schweren organischen und psychischen Störungen bei Alkoholpatienten zu beseitigen und einem erneuten Rückfall vorzubeugen. Die Ergebnisse werden in der aktuellen Ausgabe der internationalen Fachzeitschrift Alcoholism: Clinical & Experimental Research (ACER), Vol. 27, No. 5, Mai 2003 veröffentlicht.

Die Arbeitsgruppe "Klinische Neurowissenschaften" des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin, Göttingen, hat in den vergangenen zehn Jahren umfangreiche Studien durchgeführt, um den Langzeitverlauf körperlicher und psychiatrischer Störungen bei abstinenten alkoholkranken Patienten zu untersuchen. Die Forscher stellten dabei fest, dass die meisten der durch Alkoholmissbrauch hervorgerufenen Beeinträchtigungen sehr lange fortdauern und die Regenerationsprozesse viele Monate andauern. Diese Forschungsarbeiten sind weltweit einzigartig, weil sie im Rahmen eines ambulanten Therapieprogramms durchgeführt wurden, das es ermöglicht, schwerstabhängige alkoholkranke Patienten über einen langen Zeitraum einer kontrollierten Abstinenz zu begleiten und zu beobachten. Das in Göttingen entwickelte Therapiekonzept ALITA (Ambulante Langzeit-Intensivtherapie für Alkoholkranke) ist ein umfassendes, langfristiges Behandlungsprogramm: Seine Kennzeichen sind radikale Abstinenz, streng geplanter Verlauf, konkrete Hilfe im Alltag (Behördengänge, Arztbesuche, Umzug, u.a.) sowie eine an den persönlichen Ursachen des Alkoholmissbrauchs ansetzende Verhaltenstherapie.

Die jetzt veröffentlichte Studie erfasst detailliert, wie sich der Spiegel der wesentlichen Hormone für die Wasser- und Elektrolytregulation - Vasopressin (AVP), Atriales Natriuretisches Peptid (ANP), Aldosteron und Angiotensin II - verändern. Der Beobachtungszeitraum begann am ersten Tag des Entzugs und erstreckte sich über 280 Tage kontrollierte Abstinenz. Die Ergebnisse der Studie zeigen erstmals, dass chronischer Alkoholmissbrauch schwere und anhaltende Schäden an den hormonellen Systemen, die den Elektrolyt- und Wasserhaushalt steuern, verursacht. "Ein Großteil der vorhandenen Literatur über Regenerationsprozesse bei Alkoholkranken beschränkt sich lediglich auf die ersten Tage bis maximal drei Wochen der Abstinenz", sagt Hannelore Ehrenreich, Leiterin der Arbeitsgruppe Klinische Neurowissenschaften am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin. "Bisher beschäftigen sich nur sehr wenige Untersuchungen mit anhaltenden Veränderungen oder Regenerationsprozessen während langfristiger Abstinenz. Von den meisten Störungen wird vielmehr vermutet, dass sie sich rasch normalisieren, doch dies wurde nie empirisch überprüft."

Die Forscher hatten bereits in früheren Untersuchungen herausgefunden, dass bei Alkoholabhängigen verschiedene Komponenten des körperlichen und psychologischen Stress-Regulations-Systems trotz mehrmonatiger Alkoholabstinenz über längere Zeiträume beeinträchtigt sind. So konnten sie zeigen, dass die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse bei abstinenten Alkoholabhängigen noch über Monate hinweg in vielfältiger Weise gestört ist. Beispielsweise ist sowohl die basale als auch die stimulierte Sekretion von Adrenocorticotropem-Hormon (ACTH) und Cortisol und somit die normale Stressantwort des Organismus beeinträchtigt. Zudem hatte die Arbeitsgruppe in früheren Arbeiten herausgefunden, dass im Blut zirkulierendes Adrenalin und Noradrenalin bei abstinenten alkoholabhängigen Patienten tiefgreifend verändert ist und erst nach drei bis sechs Monaten Abstinenz auf normale Spiegelwerte zurückgeht.

"Das Hormon Vasopressin, abgekürzt auch AVP genannt, ist ein Bestandteil des Stress-Regulations-Systems des Organismus. Es wirkt stimulierend auf das Adrenocorticotrope Hormon und steht in enger Interaktion zu CRF, dem Corticotropin releasing factor", sagt Ehrenreich. "In unseren früheren Arbeiten haben wir gezeigt, dass der Spiegel von im Blut zirkulierendem AVP bei alkoholabhängigen Patienten während vieler Wochen kontinuierlicher Abstinenz sehr niedrig ist. Deshalb wollten wir untersuchen, ob sich die Vasopressin-Spiegel während langfristiger Abstinenz erholen. Im komplexen System der Wasser-Elektrolyt-Homöostase wirken Atriales Natriuretisches Peptid, abgekürzt ANP, sowie Aldosteron und Angiotensin II dem Hormon AVP entgegen. Deshalb war es folgerichtig, gleichzeitig auch die Veränderung dieser Hormone zu untersuchen."

An der Studie nahmen nur männliche Probanden teil, die in zwei Gruppen eingeteilt wurden: 35 alkoholabhängige Patienten zwischen 30 und 61 Jahren sowie 20 gesunde Kontrollprobanden im Alter von 25 bis 50 Jahren. Auch die Rauchergewohnheiten der Probanden wurden berücksichtigt. "Wir wissen heute, dass akute Nikotinaufnahme die Ausschüttung von Vasopressin steigert" erklärt Ehrenreich. "Also mussten wir davon ausgehen, dass auch chronischer Nikotinkonsum die Ausschüttung oder Verarbeitung von AVP im Stoffwechsel verändern könnte. Um den Einfluss von Nikotin als zusätzlicher Variablen auszuschließen, haben wir nur Kontrollprobanden einbezogen, deren Zigarettenkonsum genauso hoch war wie derjenige der alkoholkranken Probanden." Nach einer stationären Entgiftung, die zwei bis drei Wochen dauerte, konnten 21 der 35 alkoholabhängigen Patienten erfolgreich während der gesamten Untersuchungszeit von 280 Tagen beobachtet werden. Die Wissenschaftler sammelten von allen Probanden Daten über die Blutspiegel von AVP, ANP, Aldosteron, Angiotensin II sowie Werte der Nieren- und Leberfunktion. Sie stellten dabei fest, dass die basalen AVP-Spiegel während des gesamten Studienzeitraumes niedriger als normal waren. Im Gegensatz dazu waren die ANP-Spiegel erhöht. Bei Aldosteron und Angiotensin II wurden hingegen keine dauerhaften Veränderungen gefunden.

"Unsere Studie zeigt, dass die alkoholabhängigen Patienten unter tiefgreifenden, lang andauernden Veränderungen der Schlüsselhormone ihres Wasser- und Salz-Haushalts leiden, die selbst nach neun Monaten kontrollierter Alkoholabstinenz noch andauern," sagt Ehrenreich. "Unsere Beobachtungen lassen sich in ein multifaktorielles Bedingungsmodell integrieren und tragen dazu bei, den starken Durst der abstinenten Patienten und ihre gesteigerte Flüssigkeitsaufnahme, die wir mit einem leichten Diabetes insipidus vergleichen, zu erklären. Sie helfen zu verstehen, wie sich alkoholassoziierte Kardiomyopathie entwickelt und zeigen, dass die Nierenfunktion bei diesen Patienten beeinträchtigt ist. Insgesamt bestätigen unsere Ergebnisse, dass Alkohol nicht nur Leber- und Hirnschäden verursacht, sondern alle Organe des menschlichen Körpers beeinträchtigt."

Ehrenreich geht davon aus, dass auf Grundlage dieser Studie neue Therapiemöglichkeiten für die Rückfallprophylaxe bei alkoholabhängigen Patienten entwickelt werden können. "Eine Möglichkeit bestünde darin, das Hormon Vasopressin von außen zuzuführen", sagt Ehrenreich. "Dies könnte nicht nur zu einer Erholung des Wasser- und Salz-Gleichgewichts beitragen, sondern auch kognitive Funktionen wie das Gedächtnis verbessern. Die Ergebnisse unserer Studie legen nahe, dass zumindest einige Aspekte des Alkoholverlangens, wie das Trinkverhalten und der Durst, durch biologische Veränderungen in der Regulation der Salz- und Wasser-Homöostase erklärt werden können. Deshalb könnte man versuchen, Vasopressin zu substituieren oder die Vasopressin-Regulation zu normalisieren. Dies sollte zu einer Reduktion von Rückfällen führen, die durch das Craving ausgelöst werden."

Eines der wichtigsten Ergebnisse ist für Ehrenreich, dass chronischer Alkoholismus mit lang andauernden Veränderungen verschiedener Organe und Körpersysteme einhergeht, die selbst während kontrollierter Abstinenz monatelang bestehen bleiben. "Wir können deshalb im Entzug keine sofortige Genesung erwarten," betont sie. "Aus medizinischen wie psychologischen Gründen sollten wir berücksichtigen, dass wir kranke Menschen behandeln, die noch während vieler Monate der Abstinenz schwer beeinträchtigt sind. Akute Entgiftungsbehandlungen sind wichtig und nötig, um lebensbedrohliche Entzugssymptome zu überwinden. Aber wenn man die langfristigen körperlichen und psychologischen Veränderungen dieser Patientengruppe betrachtet, erreichen wir damit eben nur die Spitze des Eisberges."

Alcoholism: Clinical & Experimental Research (ACER) ist die offizielle Zeitschrift der Research Society on Alcoholism and the International Society for Biomedical Research on Alcoholism. Mitautoren der Studie sind: Wolf K.H. Döring, Marie-Nlle Herzenstiel, Henning Krampe, Henriette Jahn und Sonja Sieg von den Abteilungen für Psychiatrie und Neurologie der Georg-August-Universität Göttingen und des Max-Planck-Institutes für experimentelle Medizin Göttingen; Lars Pralle von der Abteilung für Medizinische Statistik der Georg-August-Universität; Elisabeth Wegerle von der Abteilung für Klinische Pharmakologie der Georg-August-Universität; und Wolfgang Poser von der Abteilung für Psychiatrie, Neurologie und Klinische Pharmakologie der Georg-August-Universität.

Die Studie wurde mit Mitteln der Max-Planck-Gesellschaft unterstützt.