„Das Tierschutzgesetz setzt einen ethisch gut begründeten Standard“

Fragen zur Tierethik an Peter Kunzmann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover

23. April 2018

Anlässlich des Internationalen Tags des Versuchstiers spricht Prof. Dr. Peter Kunzmann über einen ethisch verantwortlichen Umgang mit Versuchstieren und den Schwierigkeiten, international verbindliche Schutzstandards einzuführen. Der Internationale Tag des Versuchstiers findet am 24. April 2018 statt, um auf Versuchstiere in der Wissenschaft aufmerksam zu machen. Der Gedenktag wurde 1962 von der britischen Tierschützerin Lady Muriel Dowding eingeführt, um gegen die Verwendung von Versuchstieren in der Kosmetikindustrie zu demonstrieren. Tierversuche für den Test von Kosmetika sind in der EU seit 1998 verboten.

Peter Kunzmann leitet die Arbeitgsgemeinschaft Angewandte Ethik in der Tiermedizin am Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie in Hannover.

In den letzten Jahren hat es große Fortschritte im Umgang mit Versuchstieren gegeben. Insbesondere in den angelsächsischen Ländern wurde die Forschung neu ausgerichtet und Schwerpunkte auf einen besseren Tierschutz bei Experimenten gelegt. Wie steht Deutschland beim Thema Tierschutz in der Wissenschaft da?

Prof. Kunzmann: Global gesehen ist das Thema des Umgangs mit Versuchstieren sehr schwer zu vergleichen. Innerhalb der Europäischen Union können wir den Vergleich gut anstellen, hier hat man sich auf einen rechtlichen Rahmen geeinigt. Es ist ein großer Fortschritt, dass man sich hier auf gemeinsame Richtlinien einigen konnte, die sich für den Tierschutz stark machen. Auch in Deutschland gilt ja EU-Recht, außerdem bezieht sich das deutsche Tierschutzgesetz darauf.

Das gesellschaftliche Spannungsfeld im Hinblick auf Tierversuche hat sich in den letzten Jahren verschärft. Die medizinische Versorgung soll immer besser werden, gleichzeitig werden Tierversuche, die für Fortschritte in der Medizin unabdingbar sind, abgelehnt. Sehen Sie eine Lösung für diesen Widerspruch?

Ich glaube nicht, dass sich dieser Widerspruch als solcher verschärft hat. Neu ist vielmehr, dass es inzwischen eine Bewegung zu Tierrechten gibt, die die Nutzung von Tieren generell ablehnt. Das gab es früher so nicht. Dazu kommt, dass in der Diskussion um den Tierversuch in den Vordergrund tritt, ob man überhaupt noch Tierversuche braucht. Dabei wird allerdings häufig die Frage ausgeblendet „Welche Art von Tierversuch brauchen wir?“. Wenn wir von der Alles-oder-Nichts-Diskussion wegkommen hin zu der Frage „Welchen Tierversuch können wir dulden?“ mit Blick auf den Nutzen, aber auch auf die Belastung der Tiere, kommen wir zu einer fruchtbaren Diskussion.

In Europa und Deutschland hat der Tierschutz in der Wissenschaft hohe Priorität. Forschung findet aber immer mehr auch in Kooperationen zwischen Ländern mit unterschiedlichem Schutzstatus statt. Lässt sich ein international gültiger ethischer Standard für Tierexperimente entwickeln und auch durchsetzen?

Ein ethischer Standard für Tierversuche lässt sich vermutlich entwickeln. Denn es gehört ja zum Charakter ethischer Übereinkommen, dass sie universell sind, und das lässt sich dann auch wissenschaftlich lehren und verbreiten. Wenn Sie aber nach der Durchsetzung fragen, betrifft das die rechtliche Situation. Ethisch sind die Argumente universell, moralisch – und daher auch rechtlich – sind die Unterschiede zwischen den Kulturen und Ländern jedoch groß. Deshalb habe ich große Bedenken, ob wir zu rechtlich gleichmäßigen, international gültigen Standards in den jeweiligen Rechtsgemeinschaften kommen. Die Standards für Tierversuche bestehen innerhalb von Rechts- und Kulturgrenzen, die unseren Einfluss begrenzen. Das sehen Sie ja auch bei der Diskussion über landwirtschaftliche Nutztiere. Hier können Sie nur etwas durchsetzen, soweit der Rechtsraum reicht.

Reichen unsere bisherigen Gesetze und Tierschutzverordnungen aus bzw. werden sie richtig angewendet?

Im rechtlichen Sinne setzen die Tierschutzgesetze und Verordnungen einen guten Standard. Das lässt sich moralisch und ethisch gut begründen. Die Voraussetzungen für den Tierversuch, die darin gefordert werden, lassen sich ethisch rechtfertigen. Insofern ist die Regelung ausreichend, zweckdienlich und vernünftig.

Eine andere Frage betrifft die Rechtspraxis. Viele von den wirklich wichtigen Entscheidungen, die man alltäglich treffen muss, sind tatsächlich Einzelfallentscheidungen. Diese werden nicht willkürlich oder unbegründet getroffen, aber sie enthalten Wertungsunsicherheiten. Dann kann es durchaus sein, dass der einzelne Fall aus den unterschiedlichen Blickwinkeln völlig unterschiedlich beurteilt wird. Und diese Unsicherheit kann man auch nicht durch ein dichteres Netz von Normierungen aufheben. Man muss also dabei hinnehmen, dass die Anwendung im einzelnen Fall zwar rechtskonform ist, aber nicht unbedingt dem jeweiligen Geschmack entspricht.

Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern von Tierversuchen verlaufen ja oft hoch emotional. Was sollte man beachten, damit solche Gespräche nicht in gegenseitigen Beschimpfungen enden?

Zunächst einmal sollte man daran denken, was zur Kultur des Gesprächs gehört: die Unterstellung, dass der Gesprächspartner ehrliche Absichten hat und ehrlich sagt, was er denkt. Philosophen nennen dies das „Prinzip der wohlwollenden Interpretation“. Man unterstellt dabei auch, dass bei dem, was der andere sagt oder tut und dies in meinen Augen nicht richtig oder sogar unmoralisch wäre, gute Gründe gelten mögen, die man aber vielleicht erst kennenlernen muss. Einem vernünftigen Menschen unterstelle ich gute Gründe für seine Handlungen. Bei einer Diskussion ist das die Achtung vor der Weltsicht des Anderen. Dies ist eine gute Grundlage für Diskussionen über kontroverse Themen.

Das zweite ist, womit man eine schwierige Diskussion entschärfen kann, nämlich sich relativ schnell darüber einig zu werden, worin eigentlich der Dissens, der Kern des Widerspruchs liegt. Dann kann man sich überlegen, ob man über diesen Dissens reden kann. Wenn ich es etwa mit jemanden zu tun habe, der die Nutzung von Tieren durch den Menschen kategorisch ausschließt, dann muss ich mit diesem nicht über die 3R, also replace, reduce, refine (Vermeiden, Vermindern, Verbessern) reden, weil er ja die Grundlage dafür in Frage stellt.

Was würden Sie sich für unseren Umgang mit Tieren in der Zukunft wünschen?

Wenn wir die Prinzipien, die hinter dem geltenden Recht stehen, ernst nehmen, dann sind wir auf einem guten Weg. Dieses Ernstnehmen gilt für jeden einzelnen Forscher. Jeder Forscher, jede Forscherin muss sich die Konsequenzen beim Tierversuch genau überlegen und die ethische Vertretbarkeit selbst prüfen. Wenn jemand das Wohlbefinden von Versuchstieren einschränkt, muss er sich darüber im Klaren sein, was er da tut und ob er dafür allgemein vertretbare Gründe hat. Ich finde es sehr sinnvoll, dass unsere Tierversuchsverordnungen die Verantwortung von denen fordern, die den Tierversuch planen, durchführen oder auch nur begleiten!

Welches Buch können Sie interessierten Lesern empfehlen, die sich mit dem Thema noch mehr beschäftigen möchten?

Es gibt einen wunderbaren Beitrag vom Nuffield Council on Bioethics: „The Ethics of Research Involving Animals“ (s.: http://nuffieldbioethics.org/wp-content/uploads/The-ethics-of-research-involving-animals-full-report.pdf), der umfassend und sehr gut gemacht ist: ein Muster für angewandte Ethik. Außerdem würde ich die Bücher von Binder, Alzmann, Grimm (Hg.), Wissenschaftliche Verantwortung im Tierversuch, Darmstadt 2013, und von Borchers, Luy (Hg.), Der ethisch vertretbare Tierversuch, München 2009, empfehlen. Mit diesen arbeite ich sehr gerne.

AL/PS/HR

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