Lise Meitner im Porträt

Lise Meitner (1878–1968), Pionierin der neuen Physik und Forschungspartnerin Otto Hahns, hatte Anteil an der Entdeckung der Kernspaltung

10. November 2017

Als die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Sommer 1931 ihre alljährliche Hauptversammlung im Harnack-Haus abhält, erwartet die Gäste eine Neuerung, die die gewohnten Verhältnisse auf den Kopf stellt: Einen der drei Festvorträge – akademische Glanzlichter zum Auftakt des Treffens – hält erstmals in der Geschichte der KWG eine Frau. Die Physikerin Lise Meitner spricht „Über Wechselbeziehungen zwischen Masse und Energie“ und damit über ein Pionierfeld der modernen Physik, das dank Albert Einstein und seiner Relativitätstheorie auch die Öffentlichkeit anzieht.

Text: Susanne Kiewitz

Lise Meitner (1878–1968)

Diesen wichtigen Vortrag halten zu dürfen ist eine Auszeichnung. Lise Meitner steht auf dem Zenit ihrer Karriere: Sie ist Abteilungsleiterin am nahegelegenen Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, lehrt als Professorin an der Berliner Universität und ist ein gerngesehener Gast wissenschaftlicher Kongresse. 1924 und 1925 wird sie zusammen mit ihrem Forschungspartner Otto Hahn für ihre Arbeiten über das neue Element Protoactinium für den Nobelpreis vorgeschlagen. Auch persönlich geht es ihr gut: Sie verdient ebenso viel wie ihr Kollege Otto Hahn bis zu seinem Aufstieg zum Institutsleiter, und nicht anders als männliche Führungskräfte bewohnt sie eine großzügige Wohnung in der Dienstvilla des Instituts. Dort sorgt eine Haushälterin für die täglichen Belange.

Dass Lise Meitners Weg so erfolgreich verlaufen würde, war nicht vorhersehbar gewesen, denn wie die meisten Frauen erlangte sie den Hochschulzugang nur über langwierige Umwege nach dem Lehrerinnenexamen. Sie war deshalb bereits 23 Jahre alt, als sie sich 1901 an der Universität Wien für ihre Wunschfächer Physik und Mathematik einschrieb, was für eine Frau sehr ungewöhnlich war: Neben ihr promovierte nur Selma Freud, die zweite Ehefrau des weltberühmten Psychologen, zu dieser Zeit in Physik. Das Fach befand sich wie kaum ein anderes im Umbruch, nachdem Max Planck mit der Quantenhypothese die Tür zur neuen Physik aufgestoßen hatte. Diese zog die junge Physikerin so stark an, dass sie nach ihrer Promotion ein Angebot aus der Industrie ausschlug, um in Berlin von Planck mehr über das aufkeimende Forschungsfeld zu lernen.

Obwohl auch Planck – darin ganz Mann seiner Zeit – den wissenschaftlichen Ambitionen von Frauen skeptisch gegenüberstand und die preußischen Gesetze Frauen das Studium untersagten, erhielt Meitner nach einem persönlichen Gespräch mit ihm die Erlaubnis, seine Vorlesungen zu besuchen. Mehr noch, er machte sie 1912 zu seiner Assistentin und verschaffte ihr damit das Entréebillet zu einer wissenschaftlichen Karriere. Auch privat fand Meitner Anschluss an Plancks Familie.

Selbst forschen konnte sie jedoch erst, nachdem sie mutig an den Leiter des Universitätsinstituts für Physik herangetreten war, der daraufhin die Zusammenarbeit mit Otto Hahn vermittelte. Beide, brennend an Phänomenen der Radioaktivität interessiert und nahezu gleich alt, fanden rasch zueinander. Trotz dieser idealen Voraussetzungen wurde die Zusammenarbeit zunächst blockiert, denn die Verwaltungsvorschriften des Chemischen Instituts schlossen Frauen dezidiert aus, und anders als Planck machte dessen Leiter Emil Fischer keine Ausnahme. Otto Hahn fand schließlich einen Ausweg: Sein provisorisches Labor in der ehemaligen Holzwerkstatt des Instituts war vom Lehrbetrieb weitgehend separiert und besaß einen eigenen Eingang. Trotz der entwürdigenden Behandlung blickte Meitner 1954 auf diese Jahre als die „unbeschwertesten Arbeitsjahre“ ihrer Karriere zurück: „Die Radioaktivität und Atomphysik waren damals in einer unglaublich raschen Fortentwicklung; fast jeder Monat brachte ein wunderbares, überraschendes, neues Ergebnis in einem der auf diesen Gebieten arbeitenden Laboratorien … Mit den jungen Kollegen am nahe gelegenen Physikalischen Institut hatten wir menschlich und wissenschaftlich ein sehr gutes Verhältnis … wir waren jung, vergnügt und sorglos.“ Zum informellen Du sollten Hahn und Meitner dennoch erst vierzehn Jahre später wechseln.

1913 zog das Forscherteam in das neue KWI für Chemie in Dahlem um. Die stabilen Verhältnisse, die es dort vorfand, wurden allerdings schon bald durch den Weltkrieg, den Meitner als Röntgenschwester und Hahn als Mitglied einer Kampfgas- Spezialeinheit Fritz Habers erlebte, ins Wanken gebracht. Obwohl beide unmittelbar mit den Gräueln der Schlachtfelder konfrontiert wurden, blieb ihre generelle Haltung gegenüber dem Krieg entsprechend dem patriotisch-nationalistischen Zeitgeist eher unkritisch. Nach Kriegsende setzten sie ihre gemeinsame Arbeit bald fort, Meitner jetzt als Abteilungsleiterin.

Lise Meitner war nicht die einzige Frau, die sich in dem männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb behauptete. In der KWG, die in Sachen Frauenbeschäftigung progressiver war als andere Einrichtungen, erlangten zwischen 1912 und 1943 insgesamt 113 Frauen höhere Positionen. Eine von ihnen war Meitners Freundin Elisabeth Schiemann, die als Pflanzengenetikerin in Dahlem forschte und ebenfalls regelmäßig ins Harnack-Haus kam. Eine andere war Cécile Vogt, die zusammen mit ihrem Ehemann Oskar im Berliner Norden das KWI für Hirnforschung ins Leben gerufen hatte – damals die weltweit größte und bedeutendste Einrichtung ihrer Art. Die Erfahrung, wie schwer der Weg in einen wissenschaftlichen Beruf war, teilten sie mit anderen Frauen, was 1926 zur Gründung des Deutschen Akademikerinnenbundes (DAB) durch die Agronomin Margarete von Wrangell, die Ökonomin Marie-Elisabeth Lüders und die Publizistin Agnes von Zahn-Harnack, Tochter von Adolf von Harnack, führte.

Obwohl Lise Meitner in späteren Jahren betonte, dass sie sich zu dieser Zeit für Frauenfragen kaum interessiert habe, war sie zwischen 1930 und 1932 Mitglied des DAB-Vorstands, der auch regelmäßig im Harnack-Haus tagte. Sie präsentierte den Bund außerdem auf den Auslandskongressen der International Federation of University Women und sprach mit bei der Auswahl der deutschen Bewerberinnen für internationale Stipendien. Da nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dem DAB die Gleichschaltung drohte, trat der Vorstand 1933 geschlossen zurück, und erst nach 1945 gründete sich der Verband in seiner noch heute bestehenden Form neu.

Für Lise Meitner wurde der Beginn der NS-Herrschaft ebenfalls sofort spürbar. Eine liberale Frau in einer Führungsposition – zumal kinderlos – passte schlecht zu einer Ideologie, die Frauen auf ihre Rolle als Gebärende reduzierte. Noch schwerer wog allerdings, dass Lise Meitner aus einer jüdischen Familie stammte. Obwohl sie schon 1908 zum Christentum übergetreten war, blieb sie für die NS-Terminologie „Jüdin“, weshalb ihr die Berliner Universität 1933 die Lehrbefugnis entzog. Ihre Stellung am KWI durfte sie wegen ihrer österreichischen Staatsbürgerschaft dennoch vorerst behalten. Da die Stimmung am Institut eher unpolitisch war und Meitner durch ihre Kollegen zunächst keine antisemitischen Attacken zu erleiden hatte, änderte sich für sie erst einmal wenig. Wissenschaftlich war diese Zeit im Rückblick sogar besonders wichtig, denn seit 1935 arbeitete Meitner wieder intensiv mit Otto Hahn zusammen sowie mit dem Chemiker Fritz Straßmann. Ziel war die Erzeugung von Transuranen – besonders schweren künstlichen Elementen – durch den Beschuss von Uran mit Neutronen.

Hitlers Außenpolitik wurde unterdessen zunehmend aggressiv. Die Annexion Österreichs im März 1938 brachte Lise Meitner schließlich in akute Gefahr, da sie dadurch ihren Status als Ausländerin verlor, der ihr bis dahin Sicherheit vor den antisemitischen Gesetzen des „Dritten Reichs“ garantiert hatte. Nicht nur Otto Hahn riet Meitner immer dringender zur Emigration und vermittelte den Kontakt zu dem holländischen Kollegen Dirk Coster, der Meitner ins sichere Ausland bringen sollte. Am 13. Juni verließ die Physikerin, ohne noch weitere Vorbereitungen treffen zu können, nur mit zwei Handkoffern Berlin. Die Flucht glückte auch dank der guten Beziehungen Costers zu den holländischen Behörden, die Meitner ohne gültige Papiere passieren ließen. Von den Niederlanden reiste Meitner weiter nach Stockholm, wo sie, erwartet von Freunden und Verwandten, am Nobel-Institut als Gast arbeiten sollte.

Doch Meitner hatte nicht nur eine einmalige Stellung verloren, sondern auch ihr Vermögen und musste mit sechzig Jahren eine neue Sprache erlernen. Es dauert viele Monate, bis sie endlich zusammen mit Schwester und Schwager eine eigene Wohnung bezog. Trotz des bedrückenden Alltags klagte sie in ihren Briefen vor allem über die eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten: „Die äußeren Dinge würden mir wirklich nicht viel ausmachen, obwohl es ja natürlich doch zum Gefühl der Heimatlosigkeit beiträgt, wenn man seit einem halben Jahr aus dem Koffer lebt“, schrieb sie am 17. Januar 1939 an Elisabeth Schiemann. „Aber die fehlende Arbeit ist ein großer Schmerz; denn es bedeutet das Fehlen jeglichen Sinns in meinem Leben.“

In dieser Situation entstand der berühmte Briefwechsel mit Otto Hahn, der mit Straßmann in Berlin die Versuche über die Transurane weiterführte. Der Brief vom 19. Dezember 1938, kurz vor Mitternacht verfasst, ist das erste Dokument der Entdeckung der Kernspaltung. „Es ist nämlich etwas bei den ‚Radiumisotopen‘, was so merkwürdig ist, daß wir es vorerst nur Dir sagen“, schrieb Hahn. „Es könnte noch ein höchst merkwürdiger Zufall vorliegen. Aber immer mehr kommen wir zu dem schrecklichen Schluß: unsere Ra[dium]-Isotope verhalten sich nicht wie Ra, sondern wie Ba[rium]. Ich habe mit Straßmann verabredet, daß wir vorerst nur Dir dies sagen wollen. Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen. Wir wissen dabei selbst, daß es eigentlich nicht in Ba zerplatzen kann.“

Die weitere Korrespondenz lieferte mehr Details, wobei Hahn bereits die Veröffentlichung der chemischen Ergebnisse vorbereitete. „Wir können unsere Ergebnisse nicht totschweigen, auch wenn sie physikalisch vielleicht absurd sind. Du siehst, Du tust ein gutes Werk, wenn Du einen Ausweg findest“, hieß es einige Tage später, nun verbunden mit der drängenden Frage, ob es energetisch möglich sein könnte, dass der Urankern „zerplatzt“ sei. In den ersten Januartagen 1939 schließlich bestätigte Meitner diese Vermutung: „Ich bin jetzt ziemlich sicher, daß Ihr wirklich eine Zertrümmerung zum Ba habt.“ Zugrunde lagen Berechnungen über die energetischen Zusammenhänge, die Meitner und ihr Neffe Otto Robert Frisch – ebenfalls Physiker – auf Basis von Hahns experimentellen Befunden angestellt hatten. Grundlage war Einsteins Formel über die Umwandlungsfähigkeit von Masse in Energie, über die Meitner schon 1931 im Harnack-Haus vorgetragen hatte.

Die Ergebnisse der Teams in Schweden und Berlin, die keinen Zweifel an den Energiemengen der Kernspaltung ließen, elektrisierten Naturwissenschaftler in aller Welt. Als der erste Nuklearangriff auf Hiroshima die verheerende Zerstörungskraft der Atomkraft dramatisch offenbarte, führte das dazu, dass neben Otto Hahn auch Lise Meitner, die zurückgezogen in Schweden lebte, ins Licht der Öffentlichkeit katapultiert wurde. Dennoch berücksichtigte das Nobelpreiskomitee Meitners Anteil nicht, als es den Preis 1945 ungeteilt Otto Hahn zusprach, was die Forscherin bis heute in seinen Schatten stellte. Erst in jüngster Zeit wächst das Bewusstsein über ihren Beitrag zur Entdeckung der Kernspaltung und ihre Anerkennung als Pionierin der Strahlenphysik.

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