Der Rest bleibt ein Risiko.

Als Benjamin Franklin am Vorabend der Französischen Revolution schrieb, dass nichts im Leben gewiss sei außer dem Tod und Steuern, unterstrich er damit ironisch, dass für den Menschen alles mit Risiken ungewissen Ausgangs behaftet ist. Wir gehen aber nicht gerne gut mit dieser Ungewissheit um und suchen ängstlich nach Sicherheiten die es nicht gibt. Das wiederum beeinflusst unsere Wahrnehmung und somit unsere täglich getroffenen Entscheidungen - was oft zu groben Fehleinschätzungen führt.

Die Frage nach unseren Entscheidungskompetenzen treibt Gerd Gigerenzer und sein Team vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und dem angegliederten Harding Center for Risk Literacy (Harding-Zentrum für Risikokompetenz) an.

Hier wird seit der Gründung 2009 Grundlagenforschung zu Risikowahrnehmung und Risikokommunikation mit deren konkreten Anwendung verbunden. Das Ziel dieses geförderten Zentrums ist es, Menschen zu helfen, die Risiken, mit denen sie täglich konfrontiert werden, besser zu verstehen und kompetenter mit ihnen umzugehen. Denn die Unsicherheit der meisten Menschen im Umgang mit Risiken ist in der heutigen technologischen Gesellschaft zu einem Problem geworden, dessen Tragweite noch kaum erfasst worden ist. Dies zeigen Beispiele aus Großbritannien, und Deutschland:

Als britische Zeitungen berichteten, dass die Einnahme der Anti-Baby-Pille das Risiko eines Gefäßverschlusses um 100% erhöht, reagierten viele Frauen in Panik und setzten die Pille ab. Diese emotionale Reaktion führte zu unerwünschten Schwangerschaften und zu schätzungsweise mehr als zehntausend zusätzlichen Abtreibungen. In der besagten Studie war konstatiert worden, dass von je 7.000 Frauen, die die Pille nicht nahmen, eine an einer Thromboembolie litt, und dass bei je 7.000 Frauen, die die Pille nahmen, dieser Wert auf zwei stieg. Der Unterschied zwischen einem relativen Risiko („100%“) und einem absoluten Risiko („1 in 7.000“) ist auch heute nicht Teil der öffentlichen Bildung.

In Deutschland wurde ein flächendeckendes Mammographie-Screening eingeführt. Dieser Test ist nicht besonders zuverlässig und führt häufig zu Fehlalarmen. Jede Arztin sollte daher Patientinnen darüber informieren, dass von je zehn Frauen, die positiv testen, nur etwa eine Krebs hat. Wie Gigerenzer gezeigt hat, glaubt die Mehrzahl der deutschen Frauenärzte jedoch irrtümlich, dass neun von zehn Frauen mit positivem Test Krebs haben. Diese Überschätzung des tatsächlichen Risikos führt zu unnötiger Angst. Eine effiziente Ausbildung der Mediziner in statistischem Denken und im Umgang mit Risiken existiert nicht.

Kritische Fragestellungen können also oft nicht pauschal beantwortet werden. Deshalb sind transparente Informationen und die richtige Lesart von Statistiken ebenso wichtig wie der Mut, für sich selbst eine informierte Entscheidung zu treffen.

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