Forschungsbericht 2015 - Max Planck Digital Library (MPDL)

Wissen öffnen

Autoren

Boosen, Martin; Franke, Michael; Geschuhn, Kai Karin; Vengadasalam, Sandra

Abteilungen

Max Planck Digital Library (MPDL), München

Zusammenfassung
Die Digitale Transformation ermöglicht in der Wissenschaft die Etablierung transparenter Arbeitsweisen und Kooperationsformen – Open Science. Die Experten der MPDL erkunden diese Möglichkeiten und unterstützen die Max-Planck-Wissenschaftler im Umgang damit. Sie vertreten die Interessen der MPG in diversen Allianzen. In unterschiedlichen Veranstaltungen bringen sie weitere Spezialisten zusammen, um Informationen auszutauschen und neue Netzwerke zu knüpfen. Innovative Dienstleistungen und Technologien werden eingerichtet, um die Institute bei der Umsetzung neuer Anforderungen zu unterstützen.

Was ist eigentlich „Open Science“?

Durch die diversen Möglichkeiten zur weltweiten Kommunikation und zur Übertragung von Daten, die sich in den letzten Jahrzehnten durch die digitale Transformation eröffnet haben, verändert sich zunehmend die Art, wie geforscht und wie mit Forschungsergebnissen umgegangen wird. Die Leichtigkeit, mit der heutzutage wissenschaftliche Inhalte im Internet verbreitet werden können, führt zu einer Vielzahl von Anwendungsfällen, welche moderne Wissenschaft effizienter, weitreichender und ökonomischer machen können als bisher. Das Veröffentlichen etwa von wissenschaftlichen Publikationen unter Open Access – also kostenfrei abruf- und nachnutzbar für alle – bietet die Chance für einen globalen Kulturwandel im Umgang mit wissenschaftlicher Information. Auch neue Wege innerhalb des Publikationsprozesses werden ergründet wie etwa offenere, nachvollziehbarere Verfahren zum Begutachten von Artikeln (Open Review). Die wissenschaftlichen Rohdaten zugängig zu machen, auf denen diese Publikationen basieren (Open Research Data), kann nicht nur die Forschung transparenter und damit diskursiver machen, sondern auch als Basis für anschließende Forschung oder völlig neue Fragestellungen dienen.  Auch im Bereich der Lehre bilden sich Verfahren und Plattformen, um nachnutzbare (Lern-)Inhalte offen zu legen und zu teilen oder Lehrveranstaltungen gleich öffentlich im Internet abzuhalten (Massive Open Online Courses). Man bezeichnet dies als Open Education. Wissenschaftliche Unternehmungen von Nicht-Wissenschaftlern, allein oder in Kooperation mit Wissenschaftlern (Citizen Science), entwickeln ein ungeahntes Potenzial zur Lösung wissenschaftlicher Probleme, etwa wenn eine extrem breite Datenbasis benötigt wird. Schließlich sei noch das kostenfreie Nachnutzen von Open Source-Software genannt, welches im Bereich der Betriebssysteme und Computeranwendungen bereits weit verbreitet ist und immer stärker auch in der Wissenschaft Einzug hält.

Ist Open Science die Zukunft?

Diese Entwicklungen, in ihrer Gesamtheit als Open Science bezeichnet, werden in unterschiedlichem Maße und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit von der Wissenschaft und deren Umfeld adaptiert und erhalten Einfluss auf die generellen Rahmenbedingungen der Forschung. So verabschieden beispielsweise derzeit Landesregierungen wie Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein Strategien und Gesetze zur Förderung von Open Access, auch das neue bundesweite Zweitveröffentlichungsrecht muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Wichtige wissenschaftspolitische Organisationen haben sich in den vergangenen Jahren für die Offenlegung von Forschungsdaten ausgesprochen (OECD 2003, Europäische Kommission 2010, GWK 2011, Wissenschaftsrat 2012, G8 2013). Forschungsförderer greifen diese Themen ebenfalls immer stärker auf und empfehlen (DFG) beziehungsweise verlangen (EU-Rahmenprogramm Horizon 2020) mittlerweile die Veröffentlichung der Publikationen zu geförderten Projekten im Open Access. Die Offenlegung von Forschungsdaten wird ebenfalls immer stärker eingefordert, z.B. im derzeit laufenden „Open Research Data Pilot“ in Horizon 2020). Auch das Bereitstellen von im Rahmen von geförderten Projekten entstandener Software unter einer Open Source-Lizenz wird immer öfter verpflichtend (DFG, BMBF), zumindest wenn diese Software das Hauptergebnis des Projektes darstellt.

Weltweite Initiativen und intensive Gremienarbeit

In einigen Fragen der Öffnung der Wissenschaft wurden in den letzten Jahren institutionenübergreifende Initiativen gestartet, denen sich die Max-Planck-Gesellschaft angeschlossen hat. Die MPDL vertritt die Gesellschaft und ihre Interessen in dazugehörigen nationalen und europäischen Arbeitsgruppen und Gremien, etwa innerhalb der Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation  (DINI) oder von Science Europe.

Im Frühjahr 2014 wurde ESAC - Efficiency and Standards for Article Charges gegründet, eine Initiative zur Optimierung der Kostenübernahme für Open Access-Artikelgebühren durch Institutionen (z.B. Bibliotheken). Denn nach wie vor werden Open Access-Publikationsfonds und entsprechende Workflows für Autoren weltweit sehr unterschiedlich gehandhabt. Nachdem die MPDL die zentrale Kostenübernahme für alle Max-Planck-Institute regelt und damit einer der weltweit größten zentralen Budgetverwalter für Open Access-Publikationskosten ist, betreut sie diese Initiative federführend in Zusammenarbeit mit Vertretern der Universität Bielefeld, der Open Access-Verlage Copernicus, Co-Action Publishing und PLoS sowie der DFG.

Informationen bieten internationale wie MPG-interne Veranstaltungen der MPDL

Die vielschichtige Entwicklung um Open Science ist Grund genug, um im frisch wiedereröffneten Harnack-Haus in Berlin eine internationale Konferenz – die Open Science Days – zu veranstalten. 45 Teilnehmer aus verschiedenen Ländern erwartete zwischen dem 13./14. Oktober 2014 ein gehaltvolles Programm, das ein breites Spektrum der möglichen Themen zu Open Science abdeckte. Die MPDL stellte hierbei ein Forum für Experten aus den verschiedenen Teilbereichen von Open Science zur Verfügung,  um die Max-Planck-Gesellschaft stärker in Kontakt mit der zum Teil bereits vernetzten, weltweiten Open Science Community zu bringen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, sich über die aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich sowie über konkrete Erfahrungen, Ideen und Erkenntnisse der verschiedenen Akteure zu informieren und auszutauschen.

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Abb. 1: Hands on: imeji-Nutzer priorisieren ihre Erweiterungswünsche für 2015.

Nach den Open Science Days folgten die zum zweiten Mal stattfindenden imeji Days am 20./21. Oktober 2014 in Berlin. Sie wurden gemeinsam mit der Humboldt-Universität veranstaltet. Es wurden zusammen mit der Open Source Community die Möglichkeiten der vorwiegend von der MPDL entwickelten imeji-Software zum Umgang mit Forschungsdaten besprochen. Teilnehmer aus Max-Planck-Instituten, aber vor allem von externen Institutionen konnten hier in Plenumsdiskussionen und Workshops ihre Beiträge und Interessen kommunizieren und abstimmen. Ergebnis war eine priorisierte Wunschliste von Funktionalitäten sowie ein Zeit- und Arbeitsplan für deren Umsetzung. Es wurden aber auch Probleme bei der Finanzierung solcher Gemeinschaftsprojekte identifiziert und besprochen.

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Abb. 2: Mehr als 70 junge Forscherinnen und Forscher der MPG nahmen an der „Open Access Ambassadors“- Konferenz Anfang Dezember in München teil.

Auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs ist das Thema Open Access sehr wichig, ist es doch gerade die junge Generation, die der aktuelle Umbruch auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt betreffen wird. Beruhend auf dieser Erkenntnis wurden die „Open Access Ambassadors“ ins Leben gerufen – initiiert durch das MPG-Doktorandennetzwerk PhDnet  in Zusammenarbeit mit der MPDL und gefördert durch das EU-Programm FOSTER: Eine zweitägige MPG-weite Konferenz mit Workshops zu Open Access am 3./4. Dezember 2014 am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München richtete sich exklusiv an Nachwuchswissenschaftler. Die MPDL konnte hierzu namhafte internationale Wissenschaftler wie etwa Nobelpreisträger Randy Schekman (University of California, USA) und führende Open Access-Experten wie Mark Patterson (eLIFE, UK) gewinnen, die Einblicke in die Strukturen des wissenschaftlichen Publizierens gaben und grundlegende Konzepte von Open Access vermittelten. Die Veranstaltung bot Raum und Zeit für intensive Diskussionen, Austausch und Vernetzung der jungen Teilnehmer. So konnte ein MPG-weites Netzwerk aus Nachwuchswissenschaftlern aufgebaut werden, welche anschließend als „Botschafter“ für Open Access eigene, auf ihr Institut abgestimmte Trainings- und Informationsangebote zu Open Access für ihre Kollegen anbieten können.

Mittlerweile ist die „Open Access Ambassadors“-Konferenz auch international bekannt und gilt weltweit als ein Beispiel: So startete noch Ende Dezember 2014 die Open Access India Community selbst einen Aufruf „Become an Open Access Ambassador for India“ für die wissenschaftliche Nachwuchsgeneration nach dem Vorbild der MPG.

Neue Serviceangebote für die Max-Planck-Institute

Mit dem Publikationsrepositorium MPG.PuRe stellt die MPDL den Max-Planck-Instituten seit langem eine Plattform zur Verfügung, über die MPG-Publikationen weltweit präsentiert werden können. Zusätzlich zu den beschreibenden Metadaten können die Volltexte der Publikationen (z.B. als PDF) oder ergänzendes Material hochgeladen und als Open Access-Dateien frei zugänglich gemacht werden. Daraus ergibt sich für die Wissenschaftler der MPG die Möglichkeit, durch die parallele Veröffentlichung zu den Publikationsseiten der Verlage, den Grünen Weg zu Open Access zu nutzen und damit zu unterstützen.

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Abb. 3: Forschungsdatensammlung im Repositorium Edmond der MPDL (Quelle: http://edmond.mpdl.mpg.de)

Neu ist das von der MPDL entwickelte offene Forschungsdaten-Repositorium Edmond. Das auf der imeji-Software basierende System zielt vor allem auf solche Datenbestände ab, für die es bislang keine fachspezifischen Archive gibt. Besonderen Wert legt die MPDL hierbei auf einen sehr einfachen Prozess der Datenaufnahme, um bei den Wissenschaftlern eventuell vorhandene Bedenken zu minimieren, was den eigenen Aufwand betrifft. Die MPDL kümmert sich um die technischen Details, hilft bei der Auszeichnung mit erklärenden Metadaten und übernimmt die Kuratierung der Inhalte.

Darüber hinaus hat die MPDL im Jahr 2014 ihr Angebot an Max-Planck-Wissenschaftler für Forschungsdatenmanagement erheblich ausgeweitet. So bietet sie Beratung an bei der Erstellung von Datenmanagementplänen (DMPs) im Vorfeld und Verlauf von wissenschaftlichen Projekten und hilft bei deren Umsetzung, etwa bei der Suche nach geeigneten Forschungsdatenrepositorien oder bei der Modellierung von interoperablen Metadaten.

Die Forschungsdatenplattform DLC – Digital Libraries Connected, mit der die beteiligten Institute [1] die Ergebnisse ihrer Digitalisierungsprojekte veröffentlichen können, ging im Jahr 2014 in den operativen Betrieb. Basierend auf einer von der MPDL in Kooperation mit den Instituten entwickelten Software können Strukturen und Inhalte der Dokumente erfasst und präsentiert sowie diverse Schnittstellen externer Datenaggregatoren angesprochen werden.

Ausblick

Die MPDL wird die besprochenen Instrumente weiter ausbauen und auf die Bedürfnisse der Max-Planck-Wissenschaftler zuschneiden. Die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet Open Science werden weiterhin verfolgt, um bei Bedarf reagieren und den Instituten neue Technologien, Dienstleistungen und Hilfestellungen anbieten zu können.

[1] Bibliotheca Hertziana, Rom; Kunsthistorisches Institut in Florenz - Max-Planck-Institut; Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin; Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main

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