Forschungsbericht 2014 - Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

GLOBALDIVERCITIES – Migration und neue gesellschaftliche Vielfalt in Weltstädten

Autoren
Vertovec, Steven
Abteilungen
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen
Zusammenfassung
Wie können Menschen mit immer vielfältigeren Eigenschaften in den weltweit schnell wachsenden Städten zusammenleben? Wie bilden sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede in sozialen und räumlichen Mustern aus, wenn neue Vielfalt auf alte Vielfalt trifft? Ein Projekt am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften untersucht den Wandel gesellschaftlicher Vielfalt und ihrer Muster an drei Orten von Superdiversität: New York, Singapur und Johannesburg.

Vergleichendes Erkennen, Beobachten und Visualisieren von Diversifizierung in öffentlichen städtischen Räumen

Das durch einen Advanced Investigator Grant des European Research Council (ERC) geförderte Projekt erforscht die rasante gesellschaftliche Diversifizierung in drei Weltstädten. Seine Kernfrage lautet: Was bedingt, im Vergleich öffentlicher Räume in Städten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in sozialen und räumlichen Mustern, die unter den Bedingungen der Diversifizierung entstehen, wenn neue Vielfalt auf alte Vielfalt trifft? Das Projekt umfasst qualitative Forschung in drei Städten von Superdiversity: in New York, der klassischen Einwanderungsstadt, die mit neuen globalen Migrationsströmen konfrontiert ist, die auf ein migrationsunterstützendes politisches Umfeld treffen; in Singapur, das durch eine strikte ethnisch-kulturelle Bevölkerungspolitik gekennzeichnet ist und weitgehend von neuen, stark eingeschränkten Migranten abhängig ist; und in Johannesburg, das nach dem Ende der Apartheid von Spannungen durch neue, unregulierte panafrikanische Migrationsbewegungen geprägt wird. Zwölf Wissenschaftler, dazu lokale Experten aus der Anthropologie, der Soziologie und der Humangeografie schicken sich an, diese bislang kaum erforschten Prozesse der Diversifizierung und der sozialen Schichtung von alter und neuer Vielfalt zu untersuchen. Der methodische Zugang erfolgt in drei Schritten: Erkennen (Wie werden alte und neue Vielfalt lokal verstanden?), Beobachten (Verfassen von ethnografischen Beschreibungen von Interaktionen) und Visualisierung (Fotos, Filme und innovative Datenaufbereitung).

Orte der Forschung

Die Auswahl der Städte erfolgte nach einer Diverse-Case-Selektionsstrategie, wobei mehrere Variablen berücksichtigt wurden. Diese Variablen beziehen sich auf mögliche Modi, Zwänge und Chancen der Begegnung von gesellschaftlicher Vielfalt. Die Auswahl beachtet die differenzierten historischen und politisch-ökonomischen Bedingungen, die hinter den wechselnden Mustern und Strategien im Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt in Städten und Stadtvierteln stehen. Der Blick auf die Diversifizierung in bedeutenden Weltstädten ist vor allem deshalb wichtig, weil sich immer mehr Städte in wirtschaftlicher, demografischer und kultureller Hinsicht ähnlich entwickeln wie diese Global Cities.

In den Beispielstädten wurden lokale Kontexte ausgewählt, in denen die neue Superdiversity erkennbar wird, keine einzige Gruppe dominiert und wo sich räumlich, visuell und sozial Erscheinungsformen der alten und der neuen Vielfalt sichtbar treffen. Die öffentlichen Räume in den Vierteln bieten alltägliche Orte für flüchtige und dauerhaftere Begegnungen, die neben Konflikten auch Prozesse umfassen, in denen sich neue und produktive Formen der Interaktion manifestieren.

New York

New York ist die klassische Einwanderungsstadt und hat in der Vergangenheit schon verschiedene Wellen von Neuankömmlingen aufgenommen. Von den knapp über 8 Millionen Einwohnern New Yorks sind 36 Prozent im Ausland geboren. Dieser Bevölkerungsanteil hat sich in den letzten dreißig Jahren verdoppelt. Anders als das Muster der aufeinanderfolgenden Einwanderungswellen aus unterschiedlichen Orten ist das Markenzeichen der gegenwärtigen Einwanderung nach New York eine außergewöhnliche Vielfalt. Es wird oft gesagt, dass heute praktisch jedes Land der Welt durch neue Migranten in der Stadt vertreten ist. Diese verfügen über ganz heterogene Qualifikationen, Arbeits- und Klassenhintergründe, was auf unterschiedliche Migrationsprozesse und -kanäle, differierenden Rechtsstatus und transnationale Praktiken verweist. So gibt es zum Beispiel in nahezu allen im Ausland geborenen Gruppen mehr Frauen als Männer; allerdings gibt es Ausnahmen: Mexikaner und Bangladeschis etwa haben einen weit höheren Männeranteil.

original
Abb. 1: Sokrates Park, Astoria, New York

Jedes borough (Stadtbezirk) von New York hat eine einzigartige Mischung aus alter und neuer Vielfalt. In Queens sind 46 Prozent der 2,2 Millionen Bewohner im Ausland geboren. Die Forschungen des Projekts konzentrieren sich auf öffentliche Räume im Stadtbezirk Astoria, dessen nicht in den USA geborene Einwohner vor allem aus Griechenland, Bangladesch, Ecuador, Mexiko, Kolumbien, Italien, der Dominikanischen Republik, Brasilien, China und Indien stammen. Orte der Feldforschung sind wichtige öffentliche Räume, Einkaufsstraßen wie die 23rd Street, der Athens Park und der Three Coves Community Garden.

Singapur

Seit der Kolonialzeit ist Singapur eine stark regulierte multiethnische Stadt. Politik und öffentliche Kampagnen basieren auf dem offiziellen multiethnischen CMIO-Modell (Chinesen, Malaien, Inder und „Others“), hierzu gehört die Festlegung der vier offiziellen Sprachen (Malaiisch, Mandarin, Tamil und Englisch). Allerdings ist Singapur für seine anhaltende wirtschaftliche Entwicklung extrem von Arbeitsmigranten abhängig. Die Migration wird durch ein restriktives Arbeitserlaubnissystem für gering qualifizierte Arbeitnehmer gesteuert, daneben gibt es zahlreiche hoch qualifizierte ausländische Arbeitskräfte und Studenten. Zuletzt stieg die Zahl der in Singapur nicht ansässigen Arbeitskräfte um 170 Prozent von 248.000 (1990) auf 670.000 (2006). UN-Schätzungen legen nahe, dass internationale Migranten mehr als 1,9 Millionen (40,7 Prozent) der Gesamtbevölkerung Singapurs von 4,8 Millionen stellen. Die meisten kommen auf der Basis bilateraler Abkommen aus Indien, Bangladesch, Sri Lanka, den Philippinen, Myanmar und Thailand. Alte, durch die Kolonialpolitik bedingte Migrationsströme, vor allem aus China und Malaysia, sind neben den Neuankömmlingen aus anderen Ländern weiterhin wichtig. Eine große Sorge der Regierung in Singapur ist, dass die ausländischen Arbeitnehmer nur vorübergehend im Land bleiben. Gesellschaftliche Vielfalt wird durch mehrdeutige Kategorien wie Bürger/Nichtbürger, ansässig/nicht ansässig eingeschränkt, während staatliche Maßnahmen nach dem Motto „use and discard“ („nutzen und verstoßen“) verhindern, dass die Einwanderer in der Gesellschaft Singapurs Fuß fassen.

original
Abb. 2: Hawker Center, Jurong West, Singapur

In Singapur konzentriert sich das Projekt auf Jurong West (264.000 Einwohner im Jahr 2009). Mit geschätzt 1.000 Fabriken und Werften ist das Stadtviertel für seine gemischte Einwandererbevölkerung bekannt. Zehntausende von ausländischen, überwiegend männlichen Arbeitern leben in besonderen Wohnheimen. Wichtige öffentliche Räume für die Forschung sind das Jurong Point Shopping Centre, die öffentliche Bibliothek und die zahlreichen umliegenden Hawker Center, mit Imbissständen aus ganz Asien.

Johannesburg

Nach dem Zusammenbruch der Apartheid hat sich die Zuwanderung aus der Region, aus Afrika und dem Rest der Welt nach Südafrika und insbesondere Johannesburg dramatisch erhöht. Aktuelle Daten zur Einwanderung nach Südafrika sind außerordentlich schwer zu erhalten, außerdem sind sie durch heftige politische Debatten im Land belastet und daher nicht unbedingt aussagekräftig. Eine begründete Schätzung von Ausländern aus ganz Afrika – legalen und illegalen – liegt zwischen einer und drei Millionen, allerdings können die Zahlen aufgrund der anhaltenden Krise in Simbabwe noch steigen. Zu den Herkunftsländern der Migranten in Johannesburg gehören Simbabwe, die Demokratische Republik Kongo, Mosambik, Namibia, Lesotho, Somalia, Nigeria und andere Regionen Südafrikas. Der prekäre rechtliche Status der Migranten bestimmt ihre soziale, wirtschaftliche und räumliche Stellung in der Gesellschaft. Dies hat Konsequenzen für die Gestaltung des öffentlichen Diskurses, von öffentlichen Räumen und der Stadt als Ganzes. Johannesburg ist durch extrem hohe Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit gekennzeichnet, was 2008 zu schrecklichen Ausschreitungen führte.

original
Abb. 3: Pretoria Street, Hillbrow, Johannesburg

In bestimmten Stadtvierteln von Johannesburg stellen Ausländer die Mehrheit. Das Forschungsfeld ist der Stadtteil Hillbrow (geschätzte Bevölkerung 97.000). Früher ein den Weißen vorbehaltenes Viertel wurde Hillbrow zum Hauptziel der Migration aus den Townships, dem ländlichen Südafrika und ganz Afrika. Wichtige öffentliche Räume für das Projekt sind der Hillbrow Market, die Pretoria Street und der Berea Park.

Präsentation

Obwohl das Projekt noch nicht abgeschlossen ist, wurden empirische Daten und Analysen bereits auf zahlreichen Konferenzen und wissenschaftliche Workshops weltweit präsentiert. Zwei ethnografische Fotoausstellungen, die aus dem Projekt entstanden, wurden in New York und Singapur organisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Darüber hinaus wurden die ersten Versionen von zwei ethnografischen Filmen in New York und Johannesburg dem lokalen Publikum gezeigt. Für die nächsten Jahre ist eine Vielzahl von Publikationen geplant. Neben den wissenschaftlichen Artikeln werden ein Sammelband und eine theoretische Monografie entstehen. Und schließlich werden innerhalb des Projekts fünf Filme produziert: jeweils ein Film über die neue Vielfalt, räumliche Dynamik und Interaktionen innerhalb jeder Stadt, ein weiterer Film, der einen Vergleich der drei Stadtviertel zum Inhalt hat, und schließlich ein Film über das Projekt selbst, sein Ausmaß, seine Methoden und seine Entwicklung.

Zur Redakteursansicht