Forschungsbericht 2012 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Gute Laune, schlechte Laune – eine Frage des Alters?

Autoren
Riediger, Michaela
Abteilungen
Max-Planck-Forschungsgruppe Affekt im Lebensverlauf (Michaela Riediger)
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
Zusammenfassung
Durchschnittlich berichten ältere Erwachsene ein besseres emotionales Wohlbefinden in ihrem Alltag als jüngere. Bislang ungeklärt sind die zugrunde liegenden Mechanismen. Studien am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigen, dass hier unter anderem motivationale Prozesse des alltäglichen Lebens wirken. So erleben Ältere seltener motivationale Konflikte in ihrem Alltag. Während ältere Erwachsene zudem oft versuchen, ihr Wohlbefinden zu optimieren, wollen Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen häufiger positive Gefühle dämpfen oder sogar negative Gefühle verstärken.

Wenige Befunde der Entwicklungspsychologie haben so viel Erstaunen ausgelöst wie der, dass ältere Erwachsene in ihrem Alltag ein besseres emotionales Wohlbefinden erleben als jüngere Menschen. Wie kann das möglich sein, wenn doch das höhere Erwachsenenalter in vielen Bereichen mit Einbußen in der Leistungsfähigkeit einhergeht und das Risiko wächst, mit Krankheiten und Tod konfrontiert zu werden? Forscher am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersuchten die Rolle alltäglicher Erfahrungen und Bestrebungen älterer Erwachsener bei diesem scheinbaren Widerspruch.

Studienort: Alltag

Viele psychologische Untersuchungen werden unter hoch standardisierten Bedingungen im Labor durchgeführt. Will man jedoch mehr über alltägliche Erlebnisse und Verhaltensweisen erfahren, müssen Wege gefunden werden, das Labor in den Alltag der Studienteilnehmer zu verlegen. Häufig werden hierzu spezielle Erhebungsinstrumente eingesetzt, etwa Mobiltelefone oder Palmtop-Computer. Diese tragen die Studienteilnehmer über einen längeren Zeitraum bei sich, während sie ihrem normalen Alltag nachgehen. Die Geräte fordern die Teilnehmer mehrfach täglich zu zufällig gewählten Zeitpunkten auf, Fragen zur momentanen Situation zu beantworten und bestimmte Aufgaben zu lösen. So wird schließlich eine Sammlung von vielen „Momentaufnahmen“ aus dem Alltag einer Person zusammengestellt. Diese Methode ist daher auch unter ihrer englischen Bezeichnung Experience Sampling bekannt [1].

Untersuchungen mit dieser Methode haben wiederholt gezeigt, dass gesunde ältere Menschen durchschnittlich ein besseres emotionales Wohlbefinden in ihrem Alltag berichten, als dies jüngere Jahrgänge tun. Meist wurden die Studienteilnehmer gebeten, für jedes von einer Reihe von Adjektiven anzugeben, wie sehr es auf ihre momentane Befindlichkeit zutrifft (zum Beispiel wie erfreut, verärgert, nervös und zufrieden sie sich derzeit fühlen). Menschen verschiedener Altersgruppen unterscheiden sich im Mittel in ihren diesbezüglichen Angaben. So berichten Jugendliche durchschnittlich häufiger von negativ getönten und stärker variablen Befindlichkeiten als Erwachsene, während gesunde ältere Erwachsene im Mittel ein besseres Wohlbefinden beschreiben als jüngere oder mittelalte Erwachsene.

Worauf diese Altersunterschiede im alltäglichen Wohlbefinden zurückzuführen sind, ist noch nicht vollständig geklärt. Ein Ineinandergreifen verschiedener Einflussfaktoren ist wahrscheinlich. Zum einen scheinen viele ältere Erwachsene bewusst oder unbewusst geeignete Strategien zur Bewältigung von gravierenden Verlusterlebnissen, wie sie mit höherem Alter wahrscheinlicher werden, einzusetzen. Vergleiche mit anderen Personen, denen es schlechter geht, flexible Anpassung unerreichbar gewordener Ziele oder eine spezifische Auswahl von Zielen sind Beispiele hierfür [2].

Zum anderen liegt aber auch die Annahme nahe, dass Altersunterschiede in alltäglichen Erlebnissen und Bestrebungen eine ähnlich relevante Rolle spielen. Nachgegangen wurde dieser Annahme anhand von zwei Beispielen: am Erleben motivationaler Konflikte im Alltag und an alltäglichen Bestrebungen, die eigene emotionale Befindlichkeit zu kontrollieren.

Wollen versus Sollen: Motivationale Konflikterlebnisse im Alltag

Wohl jeder erlebt gelegentlich Situationen, in denen er sich zwischen unterschiedlichen Bestrebungen, denen er oder sie nicht zeitgleich nachgehen kann, entscheiden muss. Lerne ich für die anstehende Prüfung oder gehe ich mit Freunden aus? Bleibe ich bei einem erkrankten Familienmitglied oder mache ich den geplanten Kurzurlaub? Solche Konflikte können dazu führen, dass eine Person entweder etwas anderes tun möchte (weil dies zum Beispiel mehr Spaß machen würde) oder aber etwas anderes tun sollte als das, was sie gerade tut (etwa weil dies verantwortungsvoller wäre). Dies wiederum geht häufig mit Unzufriedenheit, Schuldgefühlen oder anderen temporären Beeinträchtigungen des emotionalen Wohlbefindens einher.

Wie können solche motivationalen Konflikte untersucht werden? In einer ersten Studie [3] führten junge und ältere Erwachsene umfassend Tagebuch über einen Zeitraum von neun Tagen. Dreimal täglich berichteten sie über ihr momentanes emotionales Wohlbefinden. Zudem rekonstruierten sie alle Aktivitäten, denen sie in der Zeit seit dem letzten Eintrag nachgegangen waren. Für jede dieser Aktivitäten gaben sie zudem an, ob sie stattdessen etwas anderes hätten tun wollen oder sollen. Eine zweite Studie [3] setzte Experience Sampling mit Palmtop-Computern in einer altersheterogenen Stichprobe vom jungen bis zum hohen Erwachsenalter ein. Beide Studien zeigten übereinstimmend, dass die Häufigkeit motivationaler Konflikterlebnisse mit zunehmendem Alter abnimmt. Zudem gingen motivationale Konflikterlebnisse mit momentanen Beeinträchtigungen im emotionalen Wohlbefinden einher. Die verringerte Häufigkeit solcher Erlebnisse im Alltag gehörte zudem in beiden Studien zu den Faktoren, die mit dem durchschnittlich höheren alltäglichen Wohlbefinden der älteren Studienteilnehmer im Zusammenhang standen.

Die Frage, warum ältere Erwachsene weniger motivationale Konflikte in ihrem Alltag erleben, blieb auch in diesen Studien ungeklärt. Allerdings scheint dieses Phänomen nicht global auf die unterschiedliche Alltagsgestaltung von Personen verschiedener Altersgruppen zurückzuführen zu sein. So konnte die abnehmende Teilhabe von älteren Studienteilnehmern am Arbeitsleben oder auch andere Unterschiede in der Gestaltung von Alltagsaktivitäten die beschriebenen Altersunterschiede im Wohlbefinden nicht erklären. Die Vermutung ist, dass stattdessen selbstregulative Prozesse von Bedeutung sein könnten. So könnten ältere Erwachsene eventuell schneller in der Lage sein, sich mit motivationalen Konfliktsituationen zu arrangieren. Diese könnte dazu führen, dass diese Situationen dann nicht mehr als konflikthaft wahrgenommen werden und damit auch nicht mehr das emotionale Wohlbefinden beeinträchtigen. Diese Interpretation steht in engem Zusammenhang mit der Annahme, dass Personen unterschiedlicher Altersgruppen sich in ihren Bestrebungen unterscheiden könnten, ihre emotionalen Erfahrungen zu kontrollieren. Dem gingen die Forscher in einer weiteren Studie nach.

Glücklich, unglücklich zu sein? Pro- und kontrahedonische Orientierungen im Alltag

Menschen sind ihren emotionalen Erfahrungen nicht ausgeliefert. Sie können diese in einem gewissen Maße beeinflussen. Solche regulatorischen Bemühungen sind in aller Regel prohedonisch, das heißt auf die Optimierung des Wohlbefindens der Person ausgerichtet, also auf die Aufrechterhaltung oder Verstärkung positiver Gefühle und/oder die Verringerung negativer Befindlichkeit. Gelegentlich können sie jedoch auch kontrahedonisch orientiert sein, also ausgerichtet sein auf die Aufrechterhaltung oder Verstärkung negativer Gefühle oder die Verringerung positiver Gefühle. Solche kontrahedonischen Orientierungen können zum Beispiel dann auftreten, wenn negative Befindlichkeit sozial angemessen (beispielsweise auf einer Beerdigung) oder instrumentell ist (zum Beispiel wenn Ärger dabei hilft, sich in einer Auseinandersetzung durchzusetzen). Sie können auch vorkommen, wenn vermeintlich negative Befindlichkeit von positiven Gefühlen begleitet oder gefolgt wird (etwa wenn es sich gut anfühlt, traurig zu sein).

Das legt nahe, dass altersbezogene Unterschiede in alltäglichen emotionalen Erfahrungen besser verstanden werden können, wenn die proaktive Seite affektiver Erfahrungen berücksichtigt wird. Hierzu setzten die Forscher in einer Folgestudie eine mobiltelefonbasierte Experience-Sampling-Methode ein. Die Studienteilnehmer im Alter von 14 bis 86 Jahren wurden drei Wochen lang mit speziellen Mobiltelefonen ausgestattet, die sie in ihrem Alltag bei sich trugen. In dieser Zeit wurden sie 54-mal kontaktiert, um Fragen zu ihrer momentanen Stimmung zu beantworten. In durchschnittlich einem Viertel der abgefragten Situationen gaben die 14- bis 18-Jährigen an, momentane negative Gefühle halten oder verstärken beziehungsweise positive Gefühle dämpfen zu wollen. Von den über 60-Jährigen wurden solche kontrahedonischen Bestrebungen dagegen in nur durchschnittlich jeder zehnten abgefragten Situation berichtet. Studienteilnehmer im hohen Erwachsenenalter berichteten dafür häufiger von prohedonischen Bestrebungen, positive Gefühle aufrechterhalten oder verstärken oder negative Gefühle verringern zu wollen. Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass ein Teil der altersabhängigen Unterschiede im emotionalen Wohlbefinden darauf zurückzuführen ist, wie verschiedene Altersgruppen sich in ihrem Alltag fühlen wollen [4].

Fazit

Fragt man verschiedene Altersgruppen wiederholt in ihrem Alltag danach, wie sie sich im Moment fühlen, berichten gesunde ältere Erwachsene überwiegend ein hohes emotionales Wohlbefinden. Das sprichwörtliche Wechselbad der Gefühle sowie negative Befindlichkeiten sind dagegen häufige Begleiter der Jugend. Die Befunde zeigen, dass solche Altersunterschiede im alltäglichen emotionalen Wohlbefinden mit motivationalen Prozessen in alltäglichen Lebenskontexten – etwa das Erleben motivationaler Konflikte oder pro- und kontrahedonischer Orientierungen – im Zusammenhang stehen.

1.
Riedinger, M.
Experience sampling.
In: German Data Forum (RatSWD) (ed.), Building on progress: Expanding the research infrastructure for the social, economic, and behavioral sciences, Vol. 1. Opladen & Farmington Hills, MI: Budrich UniPress Ltd., 2010, 581–594.
2.
Freund, A. M.; Riediger, M.
Successful aging.
In: Lerner, R. M.; Easterbrooks, M. A.; Mistry, J. (eds.), Handbook of psychology, Vol. 6: Developmental Psychology. New York: Wiley, 2003, 601–628.
3.
Riediger, M.; Freund, A. M.
Me against myself: Motivational conflict and emotional development in adulthood.
Psychology and Aging 23, 479–494 (2008); doi: 10.1037/a0013302
4.
Riediger, M.; Schmiedek, F.; Wagner, G.; Lindenberger, U.
Seeking pleasure and seeking pain: Differences in pro- and contra-hedonic motivation from adolescence to old age.
Psychological Science 20 (12), 1529–1535 (2009); doi: 10.1111/j.1467-9280.2009.02473.x
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