Forschungsbericht 2011 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Technologie im Alter: Chancen aus Sicht der Verhaltenswissenschaften

Autoren
Lindenberger, Ulman
Abteilungen
Entwicklungspsychologie (Lindenberger)
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
Zusammenfassung
Technik als Chance für die Zukunft des Alterns – diese Vorstellung mag zunächst befremden. Nach wie vor ist die Ansicht weit verbreitet, dass ältere Menschen mit Technologie wenig anfangen können, dass technologischer Wandel für Ältere eine Zumutung darstellt und keine Entlastung. Erst in jüngerer Zeit sind die Chancen der modernen Informationstechnologie für die Zukunft des Alterns in das Blickfeld der Forschung geraten.

Die Erforschung der kognitiven Entwicklung im Alter

Die Variabilität von Wahrnehmungs-, Denk- und Gedächtnisleistungen nimmt im Laufe des Erwachsenenalters stetig zu und erreicht im Alter ihren Höhepunkt. Johann Wolfgang von Goethe und Sophokles gehören zum Bild des Alterns ebenso wie Personen, deren Verlust der kognitiven Leistungsfähigkeit – etwa in Folge einer demenziellen Erkrankung – zum Untergang ihrer Persönlichkeit und schließlich zum Tode führt. Zumindest ein Teil dieser Unterschiede – zwischen verschiedenen Personen, innerhalb derselben Person über die Zeit sowie zwischen verschiedenen Fähigkeiten – ist zufälligen oder (derzeit noch) unvermeidlichen Alterungsprozessen geschuldet. Ein anderer Teil ist jedoch direkt oder in seinen Auswirkungen veränderbar – zum Beispiel durch das eigene Verhalten oder durch eine unterstützende Umwelt. Die Erforschung der Mechanismen kognitiver Alterungsprozesse sowie ihres Zusammenspiels mit körperlichen Funktionen soll diesen beeinflussbaren Anteil bestimmen und ihn nach und nach erweitern. Ein Hauptanliegen der kognitiven Alternsforschung besteht also darin, möglichst vielen Menschen eine möglichst gesunde, selbstständige und in diesem Sinne „erfolgreiche“ kognitive Entwicklung im Alter zu ermöglichen [1].

Altern und Technologie – eine Annäherung

Die Kulturgeschichte hat das hohe Alter von einer Ausnahmeerscheinung in einen normalen Teil des Lebens verwandelt. Die menschliche Lebensspanne ist länger und besser vorhersagbar geworden. Diese Erfolgsgeschichte verdankt sich vor allem der Verminderung, der Umgehung und der Verzögerung alterungsbedingter Verluste und Einschränkungen. Trotz dieser großen Fortschritte geht das Älterwerden aber noch immer mit zunehmender körperlicher und geistiger Hinfälligkeit einher. Das „Vierte Lebensalter“, also etwa der Lebensabschnitt jenseits von 85 Jahren, ist für die meisten, die es erreichen, eine Lebensphase mit schwerwiegenden kognitiven, sensorischen und motorischen Defiziten. Die Schutzlosigkeit des hohen Alters fordert die Forschung und Innovationskraft jeder nachfolgenden Generation aufs Neue heraus.

Flexibel unterstützende Technologie ist ein aktueller und vielversprechender Forschungsgegenstand für die Zukunft des Alterns. Mit flexibel unterstützender Technologie werden Geräte und Umwelten bezeichnet, die die Verhaltensweisen, Handlungen und Gewohnheiten ihrer Nutzer und Bewohner erkennen, erlernen und aktiv unterstützen. Die zunehmende Ausstattung alltäglicher Lebensräume mit flexibel unterstützender Technologie würde das Leben älterer Menschen wesentlich verändern. Ältere Erwachsene könnten flexible Unterstützung durch Technik in bestimmten Bereichen des täglichen Lebens in Anspruch nehmen, um anderen Bereichen mehr Aufmerksamkeit widmen zu können. Der Einsatz mobiler Navigationssysteme im Straßenverkehr veranschaulicht diesen Trend.

Wenn die älter werdende Person frühzeitig damit beginnt, flexibel unterstützende Technologie zu nutzen, so hat dies zwei Vorteile: Erstens findet der Anpassungsprozess der Technologie in einer Lebensphase statt, die noch nicht durch schwerwiegende körperliche und geistige Einschränkungen bestimmt wird. Dies wird es der Technologie ermöglichen, Formen der Unterstützung zu entwickeln, die der angestrebten Alltagsgestaltung möglichst nahe kommen. Zweitens lernt die Person den Umgang mit der Technologie in einer Lebensphase, in der ihr das Lernen neuer Informationen und Routinen leichter fällt als im höheren Erwachsenenalter.

Einbußen bei kognitiven und körperlichen Ressourcen

Das Verhalten von Menschen wird nicht direkt von Sinnesreizen gesteuert. Das Wahrnehmen, Handeln und Denken erfordert vielmehr bewusste geistige Anstrengungen oder kontrollierte Aufmerksamkeit [2].

Die Auswirkungen alterungsbedingter Einbußen bei der kontrollierten Aufmerksamkeit oder der Fähigkeit, gemäß unserer Intentionen und Pläne zu handeln, treten je nach Aufgabe und Kontext mehr oder minder deutlich zutage. Wenn Aufgaben klar strukturiert sind und ablenkende Reize fehlen, so sind sowohl die Kontrollanforderungen als auch die Alterseinbußen gering. Wenn hingegen mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeitet werden oder wenn Handlungsziele mit der Wahrnehmung in Konflikt geraten, dann sind die Kontrollanforderungen hoch und die alterungsbedingten Einbußen ebenfalls. Das Arbeitsgedächtnis dient der kontrollierten Aufmerksamkeit und bezeichnet die Fähigkeit, Informationen in der Aufmerksamkeit aktiv zu halten und sie gleichzeitig zu bearbeiten.

Schließlich ist die Assoziationsbildung (binding) im Alter beeinträchtigt; der Ort, die Zeit und der Inhalt von Ereignissen werden weniger zuverlässig verknüpft als im Kindes- und Erwachsenenalter. Außerdem greifen die Bindungsprozesse beim Wahrnehmen, Einprägen und Erinnern nicht so gut ineinander, sodass Ereignisse weniger gut voneinander unterschieden werden können. Neue Assoziationen werden weniger leicht gebildet und gefestigt, und bereits vorhandene Assoziationen werden weniger leicht abgerufen. Gedächtnis und Lernen sind von diesen Einbußen insbesondere dann betroffen, (a) wenn die Inhalte neu und assoziativ komplex sind, (b) wenn sie der Gewohnheit und dem bereits vorhandenen Wissen zuwiderlaufen und (c) wenn die Umwelt keine Hinweise bietet, die das Einprägen und Erinnern erleichtern.

Im Laufe des Erwachsenenalters verändert sich das Zusammenwirken von Kognition, Sensorik und Sensomotorik. Junge Erwachsene müssen nur einen geringen Anteil ihrer kognitiven Ressourcen in das Sehen, das Hören oder die Gleichgewichtskontrolle investieren, da diese sensorischen und sensomotorischen Funktionen weitgehend automatisch reguliert werden. Im Alter ändert sich das Bild. Mehr als je sind ältere Erwachsene auch im täglichen Leben darauf angewiesen, kognitive Ressourcen in ihre sensorischen und sensomotorischen Funktionen zu investieren. Sehen, Hören und Gleichgewichtskontrolle sind zunehmend auf den Einsatz kognitiver Ressourcen angewiesen. Leider nehmen aber genau jene kognitiven Ressourcen, die dazu besonders vonnöten sind, nämlich die kontrollierte Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und die Assoziationsbildung, ebenfalls besonders deutlich mit dem Alter ab. Der biologische Alterungsprozess führt also in ein Dilemma, weil zunehmend benötigte Ressourcen selbst im Abnehmen begriffen sind [3]. Ein Hauptzweck von Technologie im Alter könnte darin bestehen, diesem Dilemma die Spitze zu nehmen.

Wie kann Technik dem Dilemma begegnen, dass ältere Menschen einen immer größeren Teil ihrer kognitiven Ressourcen für Sehen, Hören und Gehen einsetzen müssen, diese kognitiven Ressourcen aber selbst im Schwinden begriffen sind? Mindestens zwei verschiedene Strategien sind denkbar: Die eine geht das Dilemma von der sensomotorischen Seite an, die andere von der kognitiven. Flexibel unterstützende Technologie kann vor allem bei der Abschwächung der kognitiven Seite des Dilemmas zukünftig eine wichtige Rolle spielen. Wie dies geschehen könnte, illustriert nachfolgendes Beispiel.

Intelligente technologische Unterstützung im Alter: Ein fiktives Beispiel

Frau Müller, eine neunzigjährige Witwe, lebt in ihren eigenen vier Wänden in einer Kleinstadt. Ihre Kernfamilie besteht aus zwei verheirateten Töchtern und deren Kindern. Frau Müller ist geistig rege, körperlich weitgehend gesund und möchte so lange wie möglich ihren eigenen Haushalt in ihrer eigenen Wohnung führen. Sie ist eine sehr gute Skatspielerin. Im letzten Jahr gewann sie bei einem Turnier den ersten Preis; der Pokal steht in ihrem Wohnzimmer.

Zu ihrem neunzigsten Geburtstag erhält sie von einem ihrer Enkel ein elektronisches Gerät. Es sieht aus wie ein etwas zu groß geratenes Mobiltelefon. Frau Müller hat schon seit Jahren Mobiltelefone benutzt, und die Umstellung auf das neue Gerät bereitet ihr keine großen Schwierigkeiten. Als Mobiltelefon nimmt sie es immer mit, wenn sie ihre Wohnung verlässt.

Neben seiner Eignung als Handy besitzt das Gerät zusätzliche Funktionen und Ausstattungsmerkmale. Das Display ist ungewöhnlich groß und gut ausgeleuchtet. Es verfügt über eine GPS-Funktion und kann im Freien gut geortet werden. Außerdem besitzt es einen Bewegungssensor, eine Funkschnittstelle und die Fähigkeit zum maschinellen Lernen. Wenn Frau Müller zu Hause ist, nimmt das Gerät Kontakt zu ihrem Festnetztelefon auf und registriert die Anrufe.

Anfänglich nutzt Frau Müller das Gerät nur als Mobiltelefon. Das Gerät erlernt im Laufe der Zeit die wiederkehrenden Muster im Alltag von Frau Müller. So entdeckt es, (a) dass Frau Müller ungefähr alle zwei Tage am Nachmittag ihre jüngere Tochter anruft; (b) dass sie die ältere Tochter täglich am frühen Morgen anruft; (c) dass sie einmal in der Woche, zumeist am Sonntag, das Grab ihres verstorbenen Mannes besucht; (d) dass sie jeden Samstag zum Friseur geht; (e) dass sie morgens spätestens um 9 Uhr das Gerät bewegt.

Ab dem vierundneunzigsten Lebensjahr treten bei Frau Müller kognitive Leistungseinbußen auf, die ihr im alltäglichen Leben Probleme bereiten. So vergisst sie öfter, was sie gerade vorhatte, und sie lässt sich leichter ablenken. Ihr Zeitgefühl und ihr räumliches Orientierungsvermögen lassen ebenfalls nach. Das Gerät übernimmt nun allmählich Hinweisfunktionen: „Tochter Anna anrufen!“ oder „Wie wäre es, zum Friseur zu gehen?“ Zunächst ist Frau Müller etwas irritiert, als ihr Handy damit beginnt, ihr solche Fragen zu stellen. Mit der Zeit gewöhnt sie sich jedoch an diese Hinweise und empfindet sie sogar als angenehm und entlastend, zumal sie bemerkt, wie sehr sie die Töchter mit ihrer Alltagskompetenz und Unabhängigkeit beeindrucken kann. Das Gerät bemerkt auch Veränderungen im Alltag von Frau Müller. Zum Beispiel besucht Frau Müller das Grab ihres verstorbenen Mannes nur noch alle zwei Wochen anstatt wöchentlich. Dabei nutzt sie mittlerweile den Navigationsassistenten, der sie von ihrer Wohnung zum Friedhof führt. Der Enkel, von dem sie das Gerät bekam und der Informatik studiert, hat diese zusätzlichen Funktionen nach und nach aktiviert.

Frau Müller hat sich auch angewöhnt, die Einkaufsfunktion des Geräts zu nutzen. Bevor sie das Haus verlässt, setzt sie sich an den Küchentisch und liest dem Gerät die Einkaufsliste vor. Die Läden der Kleinstadt sind mittlerweile mit einem Funknetz ausgestattet, und dem Gerät ist bekannt, welche Läden Frau Müller oft besucht. Das Gerät gleicht die Einkaufsliste mit dem Angebot der Läden ab und schlägt Frau Müller einen Einkaufsweg vor. Beim Einkaufen hilft ihr dann wieder der Navigationsassistent, der sie von einem Laden zum nächsten führt. Wenn Frau Müller einen Laden betritt, erscheinen die Bezeichnungen der Dinge, die sie dort kaufen wollte, auf dem Display des Geräts. Beim Bezahlen werden sie durch ein Funksignal der Kasse als erledigt gekennzeichnet und dann von der Einkaufsliste genommen.

Eines Morgens geht es Frau Müller nicht gut, und sie ist nicht imstande, ihr Bett zu verlassen. Das Gerät fängt an zu klingeln, weil es bereits 15 Uhr ist und es noch nicht bewegt wurde. Frau Müller kann es jedoch nicht erreichen. Um 9:30 Uhr alarmiert das Gerät den ärztlichen Notfalldienst, und ein Krankenwagen fährt Frau Müller rechtzeitig zur medizinischen Behandlung ins Krankenhaus.

Ausblick

Das in diesem fiktiven Beispiel vorgestellte Gerät gibt es derzeit noch nicht. Die in ihm verwendeten technischen Komponenten sind aber alle bekannt und erprobt, und die Rolle der Technologie für die Zukunft des Alterns könnte, aus Sicht der Verhaltenswissenschaften, in der Tat so beschrieben werden.

Es ist zu erwarten, dass durch den Einsatz flexibel unterstützender Technologie neue Abhängigkeiten entstehen werden. Deswegen sind empirische Untersuchungen der Folgen unerlässlich. Wie bei jeder neuen Entwicklung gilt es, Risiken und Chancen gleichermaßen in Betracht zu ziehen. Auf der einen Seite kann die chronische Nutzung technischer Hilfsmittel Ressourcen durch Nichtgebrauch mindern, die Motivation untergraben und Unselbstständigkeit erzeugen. Auf der anderen Seite kann flexibel unterstützende Technologie die Balance aus Unterstützung und Herausforderung verbessern, die Alltagskompetenz erhöhen und die soziale Teilhabe stärken. Dies hat positive Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit, das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl. Ingenieure, Verhaltenswissenschaftler und die älter werdenden Menschen selbst können dafür sorgen, dass die Chancen überwiegen.

1.
U. Lindenberger, M. Lövdén:
Co-constructing human engineering technologies in old age: Lifespan psychology as a conceptual foundation.
In: Lifespan development and the brain: The perspective of biocultural co-constructivism. (Eds.) P. B. Baltes, P. Reuter-Lorenz, F. Rösler. Cambridge University Press, New York 2006, 350–375.
2.
M. Lövdén, U. Lindenberger:
Intelligence.
In: Encyclopedia of gerontology (2. Edition). (Ed.) J. E. Birren. Elsevier, Oxford 2007, 763–770.
3.
U. Lindenberger, M. Marsiske, P. B. Baltes:
Memorizing while walking: Increase in dual-task costs from young adulthood to old age.
Psychology and Aging 15, 417–436 (2000).
4.
U. Lindenberger:
Technologie im Alter: Chancen aus Sicht der Verhaltenswissenschaften.
In: Die Zukunft des Alterns: Die Antwort der Wissenschaft. (Hg.) P. Gruss. Beck, München 2007, 221–239.
5.
U. Lindenberger, J. Nehmer, E. Steinhagen-Thiessen:
Aging and technology.
In: More years, more life: Recommendations of the Joint Academy Initiative on Aging (Altern in Deutschland No. 9, Nova Acta Leopoldina: Neue Folge No. 372 = Vol. 108). (Ed.) Joint Academy Initiative on Aging. Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle (Saale) 2010, 62–66.
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