Forschungsbericht 2018 - Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung

Für eine Geschichte der Gegenwart: Historische Perspektiven auf die Ökonomisierung der Gesellschaft

Autoren
Leendertz, Ariane
Abteilungen
Forschungsgruppe „Ökonomisierung des Sozialen und gesellschaftliche Komplexität“
Zusammenfassung
Ökonomisierung ist ein historischer Basisprozess, der die Beziehungen zwischen Wirtschaft, Staat, Gesellschaft und Individuen seit den 1970er-Jahren tiefgreifend veränderte. Privatwirtschaftliche Akteure gewannen an politischer Macht und jenseits der Wirtschaft breiteten sich ökonomische Kategorien, Selbstverständnisse, Zielsetzungen und Instrumente aus. Nur wenn wir derartige historische Basisprozesse kennen, können wir die treibenden Kräfte der Gegenwart verstehen und ermessen, welche Möglichkeiten es gibt, zukünftige Entwicklungen zu beeinflussen.

„It’s the economy, stupid!“ – das Motto von Bill Clintons Wahlkampf um die US-Präsidentschaft scheint heute mehr denn je zu gelten. Das Wohl und Wehe des Wohlfahrtsstaates, die Forschungsförderung, das Bildungswesen oder die Kulturpolitik hängen vom Wirtschaftswachstum und den hiermit verbundenen Steuereinnahmen ab. Politik wird daran gemessen, inwiefern sie Deutschland im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig und die Arbeitslosenquote niedrig halten kann. Gleichzeitig haben sich in wirtschaftsfernen Bereichen Instrumente etabliert, die man bisher nur mit der Ökonomie assoziiert hatte: Ein Wettbewerb um Fördermittel etwa soll die Konkurrenz unter Universitäten beleben, um ihre Leistungsfähigkeit und die Qualität der Forschung zu steigern. Die Leistungsstarken sollen belohnt, die weniger Erfolgreichen zur Verbesserung ihrer Performance motiviert werden. Hier wie in der öffentlichen Verwaltung dienen unternehmerisch inspirierte Instrumente wie Benchmarking, Zielvereinbarungen oder die quantitative Messung von Forschungs- oder Arbeitsoutput dazu, die Leistung von Organisationen zu beobachten und miteinander zu vergleichen.

Ökonomisierung als Zeitdiagnose

In der soziologischen und politikwissenschaftlichen Zeitdiagnostik ist daher von einer „Ökonomisierung“ der Gesellschaft die Rede. Die Diagnose besagt, dass sich in allen Bereichen – in Politik, Wissenschaft oder Medien ebenso wie im alltäglichen Zusammenleben und individuellen Verhalten – ökonomische Orientierungen, Märkte und Gewinnstreben ausbreiten. Die Wirtschaft, ihre Logiken und Bedürfnisse sind damit nicht nur Maßstab der wirtschaftspolitischen Anstrengungen, sondern die Ökonomie durchdringt die Gesellschaft und ihre Institutionen bis zu jedem einzelnen Individuum, das als Unternehmer seiner selbst angehalten ist, sich an die Anforderungen des globalisierten Kapitalismus anzupassen. Zwischen der umfassenden Zeitdiagnose und der konkreten Empirie klafft allerdings eine Lücke, denn empirische Studien arbeiten mit den spezialisierten Zugängen ihrer jeweiligen sozialwissenschaftlichen Subdisziplin. Zeitlich gehen sie selten weiter zurück als bis in die 1990er-Jahre, sodass langfristig wirksame, gesamtgesellschaftliche Prozesse der Ökonomisierung nur schwer sichtbar werden.

Ökonomisierung als historischer Basisprozess

Die Forschungsgruppe „Ökonomisierung des Sozialen“ am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung übersetzt die sozialwissenschaftliche Diagnose der Ökonomisierung der Gesellschaft in ein geschichtswissenschaftliches Programm, das darauf ausgerichtet ist, gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse des späten 20. Jahrhunderts zu erklären und in ihrer Relevanz für die Gegenwart zu verstehen. Untersucht werden Entstehung und Verbreitung ökonomischer Kategorien, Selbstverständnisse, Zielsetzungen, Handlungsorientierungen, Praktiken und Instrumente sowie der Einfluss ökonomischer Akteure in Bereichen, die gemeinhin nicht zur Sphäre der Wirtschaft gezählt werden. Ein Projekt analysiert die Rolle professioneller Unternehmensberater in Politik und Verwaltung und fragt, mit welchen Folgen Beratungsfirmen seit den 1950er-Jahren unternehmerische Instrumente, Ideen und Managementkonzepte in den öffentlichen Sektor trugen. Ein weiteres Projekt befasst sich mit Subjektivierungsprozessen unter den Bedingungen des Strukturwandels der Realökonomie zwischen den 1950er- und 1990er-Jahren und arbeitet heraus, wie sich Angestellte und Manager „formatieren“ sollten, um effizient im Unternehmen zu funktionieren. Ein drittes Projekt widmet sich der Krise des Staates und des Regierens in den 1970er-Jahren und erklärt, wie der „Markt“ insbesondere in den USA zu einem vermeintlich überlegenen politischen und sozialen Regulativ aufstieg.

Zeitenwende: Ohne historische Einordnung können wir die Gegenwart nicht verstehen

Mit Bezug auf sozialwissenschaftliche Ökonomisierungsdiagnosen zeigen unsere Forschungen, dass Ökonomisierung an sich kein neues Phänomen ist, auch wenn sie zum Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Qualität und Reichweite annahm. Erst seit den 1970er- und beschleunigt seit den 1990er-Jahren veränderten Ökonomisierungsprozesse die Beziehungen zwischen Wirtschaft, Staat, Gesellschaft und Individuum tiefgreifend. Im Kontext der Globalisierung und eines neoliberalen Wandels von Staatlichkeit gewannen privatwirtschaftliche Akteure an politischer Macht und ökonomische Leitbilder an kulturellem Einfluss. Ökonomisierung ist damit als historischer Basisprozess zu begreifen, ohne den wir die Verfasstheit und die treibenden Kräfte unserer Gegenwart nicht verstehen können. Unsere Forschungen zur Ökonomisierung präzisieren die These der neueren Geschichtswissenschaft, dass das späte 20. Jahrhundert den Beginn einer Zeitenwende markierte und ein epochaler historischer Wandel einsetzte, der gegenwärtig noch nicht abgeschlossen zu sein scheint.

Die Geschichte der Gegenwart: Mehr als ein Forschungsdesiderat

Seit den 1970er- und 1980er-Jahren verändern sich die modernen Industriegesellschaften auf eine Weise, die völlig neuen Mustern folgte. Ökonomisierung ist einer der hier wirksamen Basisprozesse. Geschichts- und Sozialwissenschaften sprechen außerdem von Deindustrialisierung, Globalisierung, Liberalisierung von Märkten, Wandel von Staatlichkeit, wissenschaftlichen und technischen Innovationen, Anthropozän, Individualisierung, neuem Konsumverhalten, Finanzmarktkapitalismus und Digitalisierung. Wie diese Entwicklungen miteinander zusammenhängen, ist erst in Ansätzen verstanden, wofür auch die disziplinäre Spezialisierung und Segmentierung verantwortlich ist. Unsere Forschungen unterstreichen, dass die Geschichte der Gegenwart nicht nur ein reiches und lohnendes Feld für die interdisziplinäre Analyse darstellt. Sie hilft uns außerdem zu verstehen, wie die gegenwärtige Welt entstanden ist, welche Prozesse und Akteure unsere Lebensbedingungen prägen und welche gesellschaftlichen und politischen Handlungsmöglichkeiten es gibt, zukünftige Entwicklungen zu beeinflussen.

Literaturhinweise

1.
Leendertz, A.
Zeitbögen, Neoliberalismus und das Ende des Westens, oder: Wie kann man die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts schreiben?
Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 65 (2), 191–217 (2017)
2.
Schimank, U.; Volkmann, U.
Das Regime der Konkurrenz. Gesellschaftliche Ökonomisierungsdynamiken heute
Beltz Juventa, Weinheim (2017)
3.
Leendertz, A.; Meteling, W. (Hg.)  
Die neue Wirklichkeit. Semantische Neuvermessungen und Politik seit den 1970er-Jahren
Campus, Frankfurt a. M. (2016)
4.
Brown, W.  
Undoing the Demos. Neoliberalism’s Stealth Revolution
Zone Books, New York (2015)
5.
Schaal, G. S.; Lemke, M.; Ritzi, C. (Hg.)    
Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland. Eine vergleichende Politikfeldanalyse
Springer VS, Wiesbaden (2014)
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