Forschungsbericht 2011 - Max Planck Digital Library (MPDL)

10 Jahre Grundversorgung: Spitzenversorgung für die Spitzenforschung

Autoren
Ralf Schimmer, Margit Palzenberger
Abteilungen
Max Planck Digital Library
Zusammenfassung
Auf die Herausforderungen des Internets hat die Max-Planck-Gesellschaft mit der Einführung der „Grundversorgung“ Ende der 1990er-Jahre schnell und umsichtig reagiert. Durch dieses Programm einer zentralen elektronischen Informationsversorgung werden Fachzeitschriften und andere Informationsquellen in digitaler Form für alle Institute der Max-Planck-Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Organisiert durch die Max Planck Digital Library konnte in 10 Jahren kontinuierlicher Entwicklung eine digitale Bibliothek aufgebaut werden, die in Deutschland und weit darüber hinaus Maßstäbe setzt.

Umstellung auf elektronische Informationsversorgung

In den letzten 15 Jahren haben sich digitale Informationsangebote zu einer unverzichtbaren Voraussetzung wissenschaftlicher Arbeit in allen Fachrichtungen entwickelt. Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) hat diese Entwicklung früh erkannt und mit der Einführung der Grundversorgung Ende der 1990er-Jahre ein Instrument geschaffen, das es erlaubt, exzellente Bedingungen für die Informationsversorgung zu gewährleisten und diese ständig an die dynamische Entwicklung anzupassen.

Die Grundversorgung ist ein Programm zur gesellschaftsweiten Lizenzierung und Bereitstellung von elektronischen Informationsressourcen – allen voran Fachzeitschriften, aber auch Datenbanken, elektronische Bücher und neue, häufig multimediale Typen. Um diese Erwerbungen finanzieren zu können, führen alle Max-Planck-Institute einen gewissen Anteil ihres Kernhaushalts an einen zentralen Fonds ab, aus dem die Ausgaben dann bestritten werden. Die Grundversorgung erfährt unter den Wissenschaftlern der MPG hohe Anerkennung und hat dazu geführt, dass die Informationsversorgung in der MPG auch im internationalen Vergleich auf höchstem Niveau steht.

 

Neue Rollen, neue Akteure

Die Grundversorgung ist vom Solidargedanken unter den Max-Planck-Instituten getragen und schöpft ihre Substanz aus dem Zusammenspiel zahlreicher Akteure, die Kompetenz und Handeln einbringen und so die Qualität des Unterfangens sichern.

Organisiert wird die Grundversorgung von der Max Planck Digital Library (MPDL), welche die Aufgabe hat, den Wissenschaftlern an den Max-Planck-Instituten alle relevanten elektronischen Informationsressourcen des institutsübergreifenden Bedarfs in Zusammenarbeit mit den lokalen Bibliotheken optimal zur Verfügung zu stellen. Hatte früher die Bibliothek eines typischen Max-Planck-Instituts wenige hundert Zeitschriften in Papierform in den Regalen stehen, so können heute durch die MPDL an jedem Arbeitsplatz in der MPG zu jedem Zeitpunkt viele tausend elektronische Zeitschriften bereitgestellt werden.

Die für die MPG erbrachte Leistung erschöpft sich aber nicht in der Bereitstellung von Inhalten. Von hoher Relevanz sind auch die Entwicklung von Zugriff und Vernetzung wie auch die begleitende Analyse der Informationslandschaft und des Nutzungsverhaltens. Außerdem ist eine weitere wichtige Funktion der MPDL die Bündelung von Marktmacht. Dafür ist es von enormer Bedeutung, die relevanten Geschäftsmodelle in all ihren Implikationen zu verstehen und gezielt mitzugestalten. Die Komplexität und Dynamik der zugrunde liegenden Faktoren ist sehr hoch und nicht mit jener des klassischen Print-Sektors vergleichbar. Allein die Vielfalt der technischen Möglichkeiten wie auch die Berücksichtigung verschiedenster Interessen auf unterschiedlichen Handlungsebenen setzen ein entsprechend breites und ständig aktualisiertes Wissen wie auch hohe zeitliche Investitionen in die Umsetzung voraus.

Die MPDL agiert als national und international vernetzter Akteur, der von allen Beteiligten als kompetenter, verlässlicher und proaktiver Partner geschätzt wird. Zusammen mit dem institutionellen Gewicht der MPG sind somit sehr gute Voraussetzungen gegeben, um die Entwicklung der Produkte und des Marktes für wissenschaftliche Information im Sinne der Wissenschaft zu beeinflussen.

 

Bestandsausbau

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Abb. 1: Portfolio der Grundversorgung: Volltextangebote nach Medientypen

Das Portfolio der Grundversorgung ist in den letzten 10 Jahren in Breite und Tiefe erheblich gewachsen (s. Abb. 1). Im Bereich der elektronischen Zeitschriften konnte in den letzten Jahren die Zahl der Verlage und Plattformen kontinuierlich erweitert werden. Inzwischen greifen die Wissenschaftler der MPG in einem Jahr fünf Millionen Mal auf Volltexte aus den wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu (s. Abb. 2).

Zu Beginn der Grundversorgung standen lediglich Zeitschriften und Datenbanken zur Wahl. Auch heute noch spielen diese beiden Formen die weitaus größte Rolle und sind noch immer für mehr als 90% der jährlichen Ausgaben verantwortlich. Die Geschäftsmodelle sind nun weitgehend konsolidiert, die Vorstellungen unter den Akteuren abgeglichen. Der Schwerpunkt der letzten Jahre bestand in der Diversifizierung in fachlicher Hinsicht. Die Palette geistes- und sozialwissenschaftlicher Ressourcen wurde erheblich ausgebaut, aber auch etliche kleinere Angebote aus dem naturwissenschaftlichen Sektor konnten noch hinzugenommen werden.

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Abb. 2: Zugriffe auf Zeitschriftenartikel pro Jahr und Plattform

Deutlich anders sieht die Situation immer noch im Bereich der elektronischen Bücher aus. Unter diesem Begriff werden ganz unterschiedliche Produkte zusammengefasst. Die Vorstellungen über mögliche Geschäftsmodelle, technische Implementierungen oder das Nutzungsverhalten gehen seit Jahren weit auseinander. Die MPDL trägt diesen Sachverhalten Rechnung, indem sie die Entwicklungen intensiv verfolgt und mitgestaltet, aber derzeit noch keine substantiellen Verbindlichkeiten eingeht. Die Ausgaben für elektronische Bücher liegen bei deutlich unter 5% des Etats.

Im Rahmen der Grundversorgung werden auch zentrale Verträge der MPG mit Open Access-Verlagen organisiert. Über diese Verträge beispielsweise mit PLoS, Biomed Central oder Copernicus werden die Publikationsgebühren für Veröffentlichungen von Max-Planck-Wissenschaftlern in Open Access-Zeitschriften zentral übernommen. Im Jahr 2009 konnten über diese Finanzierungslinie 245 Veröffentlichungen der MPG unterstützt werden.

 

Bedarfsermittlung

Für die Grundversorgung werden jene Ressourcen ausgewählt, für die die Bündelung auf zentraler Ebene vorteilhafter erscheint als eine lokale Versorgung durch einzelne Institutsbibliotheken. Dabei fließen verschiedene Faktoren in den Entscheidungsprozess mit ein: Breite und Dringlichkeit des Bedarfs, Geschäftsmodell und Kostenstruktur von Angeboten, aber auch Möglichkeiten der Erschließung, Vernetzung und Archivierung.

Jeder Lizenzverhandlung mit den Verlagen geht eine eingehende Analyse dieser Faktoren in enger Zusammenarbeit mit den Max-Planck-Instituten voraus. Dabei werden sowohl qualitativ-informelle Einschätzungen auf Basis intensiver Kontakte zu den Bibliothekaren und Wissenschaftlern wie auch quantitativ-formelle Erhebungen von Beständen, Bedarfen und anderen Kenngrößen herangezogen. Die große Anzahl von Akteuren und das bisweilen beträchtliche Datenvolumen verlangen den Einsatz von professionellen Kommunikations- und Informationsstrategien. Die dafür notwendigen Methoden und Werkzeuge werden von der MPDL adaptiert und weiterentwickelt. Dies umfasst die Analyse und Optimierung von Prozessen und Netzwerken genauso wie die technische Entwicklung von datenbankgestützten Informationssystemen.

Zugang und Vernetzung

Das beste Informationsangebot ist nur von beschränktem Nutzen, wenn es durch die Wissenschaftler nicht aufgefunden wird. Während in „klassischer Zeit“ jeder Wissenschaftler die notwendige Informationskompetenz erwerben musste und konnte – die Konzepte waren konsolidiert, überschaubar und stabil – muss heute immer mehr technische Infrastruktur ihre Informationsarbeit unterstützen.

Die MPDL sieht auch in diesem Bereich ein wesentliches und unverzichtbares Handlungsfeld und setzt dafür entsprechende Personal- und Sachmittel ein. Wie im Kontext des Bestandsaufbaus gilt es auch hier, unter gemischter Beteiligung von zentralen und lokalen Akteuren die jeweils am besten geeigneten Lösungen zu finden.

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Abb. 3: Die Suchoberfläche der Virtuellen Bibliothek der MPG

Über die Max Planck Virtual Library (vLib) werden Ressourcen katalogisiert und damit übersichtlich aufbereitet. Hier kann ermittelt werden, welche Angebote zur Verfügung stehen, differenzierbar nach Fachrichtung und Mediengattung. Darüber hinaus können für derzeit beinahe 200 Produkte eine Metasuche wie auch viele weiterführende Funktionalitäten angeboten werden (s. Abb. 3). Ein Link-Resolver (MPG/SFX) stellt die Verknüpfung zwischen den verschiedenen Angeboten her und ermöglicht den direkten Zugriff auf den Volltext und andere relevante Dienste.

 

Fazit

Mit Einführung der gemeinschaftlich finanzierten Grundversorgung hat die MPG frühzeitig den Einstieg in eine zentrale elektronische Informationsversorgung für ihre Institute geschafft. Damit kann mit den stetig wachsenden Anforderungen und Wünschen der Wissenschaftler Schritt gehalten werden. Die Grundversorgung ist ein erfolgreicher Organisationszusammenhang, durch den die Spitzenforschung in der MPG durch eine Spitzenversorgung mit elektronischen Informationsressourcen unterstützt wird.

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