Forschungsbericht 2016 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Wissenschaftsgeschichte zum Nachhören

Autoren
Tkaczyk, Viktoria
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Zusammenfassung
Die Max-Planck-Forschungsgruppe „Epistemes of Modern Acoustics“ befasst sich mit der Doppelfunktion von Schall als Forschungsobjekt und als Erkenntnisinstrument. Dazu fragt die Forschungsgruppe nach den Ermöglichungsbedingungen akustischen Wissens. Welches historische Wissen konnte allein auf akustischem Wege gewonnen oder repräsentiert werden? Wann und wie wurden deshalb akustische Apparate, Instrumente und Maschinen als alternative Forschungsmittel eingesetzt?

Wissenschaftliche Erfindungen und Entdeckungen werden nicht immer in den Disziplinen gemacht, die eigentlich dafür zuständig sind. Manchmal sind es benachbarte Disziplinen, Bereiche des Alltags, der Kunst oder Technik, in denen neue wissenschaftliche Fragestellungen überhaupt erst aufkommen und Erkenntnisse aus fachfremder Perspektive gewonnen werden. Für die Geschichte der Akustik trifft dies in besonderem Maße zu. Vor allemvom 16. bis zum 19. Jahrhundert waren es Instrumentenmacher, Musiker, Architekten und Ingenieure, deren praktischer Umgang mit Schall die akustische Theoriebildung einforderte und prägte. Im 20. Jahrhundert lag die Produktion akustischen Wissens dann in den Händen so unterschiedlicher Disziplinen wie der Physik, Medizin, Zoologie, Psychologie, Phonetik, Linguistik, Philosophie, Musikwissenschaft und Architektur.

Begründen lässt sich dies damit, dass sich die Akustik als Lehr- und Studienfach erst Ende des 19. Jahrhunderts zu etablieren begann. Zwar reichen erste Definitionen der Disziplin weiter zurück: Der Mathematiker Joseph Sauveur forderte schon 1701, man müsse der Musiktheorie mit ihrer Vorliebe für wohlklingende Töne eine allgemeine Wissenschaft des Schalls gegenüberstellen. Doch wurde Sauveurs Forderung in der Folgezeit nur bedingt eingelöst – so degradierte etwa Guido Adler 1885 in „Umfang, Methode und Ziel der Musikwissenschaft“ die Akustik wieder zur bloßen „Hilfswissenschaft“ der Musikwissenschaft.

Die Max-Planck-Forschungsgruppe „Epistemes of Modern Acoustics“ interessiert sich für diesen historisch variablen Status der Akustik. Warum kam Sauveurs Forderung nach der disziplinären Eigenständigkeit der Akustik so spät, während sich ein wachsendes Interesse an der physikalisch-mathematischen Bestimmung und experimentellen Erforschung des Schalls spätestens seit dem 16. Jahrhundert beobachten lässt? Und weshalb hat sich die Akustik – im Vergleich zur Optik – bis heute nur bedingt als eigenständige Disziplin durchgesetzt?

Eine Antwort darauf haben Wissenschaftshistoriker in den vergangenen Jahren unter dem Stichwort „Primat des Sehens“ gegeben: Es kennzeichne die westliche Wissenskultur seit der Antike, entfalte seine volle Kraft aber erst durch die neuzeitliche Erfindung optischer Medientechnologien wie Buchdruck, Teleskop oder Fotografie. Die Forschungsgruppe „Epistemes of Modern Acoustics“ geht davon aus, dass die zweifellos große erkenntnistheoretische Bedeutung des Visuellen die Entwicklung der Akustik erschwert, aber nicht verhindert hat und es einer genauen Analyse der weit verzweigten Genealogie akustischer Wissensproduktion und -verbreitung bedarf. Diese Genealogie sprengt den Rahmen der Geschichte der exakten Wissenschaften und betrifft einen deutlich weiteren kulturgeschichtlichen Kontext. Ein Fokus der Forschungsgruppe liegt deshalb auf religiösen, politischen und künstlerischen Praktiken, Medientechnologien und materiellen Kulturen, die ein neues Studium der Natur und Wahrnehmung des Schalls einforderten.

Ein weiteres Interesse gilt den angesprochenen interdisziplinären Bemühungen um die Produktion von Wissen im Bereich der Akustik. So profitierte etwa die Raumakustik, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst als neue Subdisziplin der Physik galt, von der Erfindung eines fachfremden Kollegen: 1905 stellte der Wiener Physiologe Sigmund Exner das Akustometer vor (Abb. 1).

Abb. 1: Fotografie des Akustometer.

Dieses Instrument sollte den Nachhall in Hörsälen messen. Als Leiter des Physiologischen Instituts in Wien hatte Exner im Vorjahr den Bau eines neuen Hörsaals begleitet und dabei festgestellt, dass die Disziplin der Raumakustik noch recht wenig entwickelt war. Zwar hatte der amerikanische Physiker Wallace Clement Sabine erst kurz zuvor die Nachhallformel entdeckt und damit erste Prognosen über die akustische Qualität architektonischer Entwürfe ermöglicht. Exner hielt Sabines Messungen des Nachhalls aber für unzuverlässig: Sabine habe sich auf das eigene Ohr verlassen und das Zeitintervall zwischen An- und Abklang eines Schallereignisses gemessen. Als Physiologe meldete Exner an dieser Methode Zweifel an – nicht nur, weil er wusste, dass die menschliche Hörschwelle (und somit die Bestimmung der Nachhallzeit) variabel ist. Exner vermutete auch, dass das Ohr den Nachhall nur bedingt wahrnehmen kann. Grundlage dafür waren seine physiologischen Studien zum Phänomen des Nachbildes: Schon 1886 hatte Exner untersucht, was Probanden vor dem inneren Auge sehen, wenn sie zunächst in unterschiedlich farbige Lichtquellen blicken und dann die Augen schließen (Abb. 2).

Abb. 2: Visuelle Nachbilder

Zwanzig Jahre später, als Exner sich für Fragen der Raumakustik zu interessieren begann, beschrieb er ähnliche Prozesse für das Gehör: Auch im Ohr hinterlasse ein Schallereignis ein akustisches Nachbild, das nachklinge, wenn die Schallquelle längst verstummt ist. Unmöglich ließe sich der Nachhall eines Auditoriums daher mit bloßem Ohr exakt bestimmen, denn das vom Ohr erzeugte Nachbild vermische sich mit dem Nachhall des Raums.

Mit dem Akustometer erfand Exner ein Messinstrument, das dieses Problem lösen sollte. Es bestand aus zwei elektrischen Leitungen, die vom Hörsaal in einen Nebenraum führten (Abb. 3). Über die erste Leitung konnte man vom Nebenraum aus einen Pistolenschuss im Hörsaal auslösen. Der Schuss blieb aber ungehört und rief so auch keine akustischen Nachbilder im Ohr des Experimentators auf. Denn über die zweite, zeitversetzt operierende Leitung vernahm man nicht den Knall, sondern nur den Nachhall und konnte dessen Stärke und Dauer messen. Exner warb damit, dass das Akustometer erstmals verlässliche Daten lieferte, um den Nachhall unterschiedlicher Hörsäle objektiv zu vergleichen. Er erstellte lange Vergleichstabellen für unterschiedliche Hörsäle seiner Zeit und zitierte triumphierend aus Goethes Faust: „Was man schwarz auf weiß besitzt,/Kann man getrost nach Hause tragen.“

Und noch eine zweite Parallele zu Goethe zeichnet sich ab: Exners Kritik an den bisherigen Messverfahren der Raumakustik ähnelt der Goetheʼschen Kritik an Newtons Optik. Auch Goethe verwies auf (optische) Nachbilder, um Newtons rein physikalische Optik mit Fragen der Sinneswahrnehmung zu konterkarieren. Aber anders als Goethe war Exner nicht nur von der Notwendigkeit, subjektive Wahrnehmungsprozesse zu berücksichtigen, überzeugt. Er wollte der Wissenschaft auch neue Mittel zur objektiven Datenerhebung bereitstellen. Sein Wissen um die Unzulänglichkeit des menschlichen Ohrs motivierte ihn zur Entwicklung des Akustometers.

Abb. 3: Bauanleitung für Exners Akustometer

 

Disziplinengeschichtlich steht das Akustometer für eine epistemische Verschränkung von Elektroakustik, Raumakustik und Physiologie des Hörens. Kulturgeschichtlich markiert es ein neues Konzept von Nachhall und damit von raumakustischer Hörkultur. Denn der Begriff des Nachhalls wurde in der europäischen Architekturtheorie des späten 18. Jahrhunderts eingeführt – zu jener Zeit also, als mit dem bürgerlichen Theater- und Konzertwesen die Notwendigkeit aufkam, einem großen Publikum gleiche Hör- und Sehbedingungen zu bieten und Störeffekte wie allzu lange Nachhallzeiten zu verhindern. Man verstand unter Nachhall das Zeitintervall zwischen dem Verstummen einer Schallquelle und dem Abfallen des Schalldrucks auf 60 Dezibel unter der menschlichen Hörschwelle. Bei Exners Akustometer ist der Nachhall dann aber nicht länger an die menschliche Wahrnehmung gebunden und ebenso wenig an die Hörpraxis der Theater- und Konzertkultur, der das moderne Verständnis des Nachhalls entsprungen war.

Vergleichbare Verschiebungen akustischen Wissens nimmt die Forschungsgruppe „Epistemes of Modern Acoustics“ in den Blick. Sie widmet sich dem Akustischen in seiner Doppelfunktion als Gegenstand und als Produzent von Wissen. Die Forschungsgruppe fragt nach den institutionellen, künstlerischen und technischen Ermöglichungsbedingungen, den Formaten und Formen akustischen Wissens. Ein weiteres Forschungsinteresse gilt akustischen Strategien der Wissensproduktion: Welches historische Wissen konnte allein auf akustischem Wege gewonnen oder repräsentiert werden? Wann und wie wurden deshalb akustische Apparate, Instrumente und Maschinen als alternative Forschungsmittel eingesetzt?

Diese Fragen werden einerseits mit Blick auf historische Einzelstudien beantwortet, die sich mit akustischen Subdisziplinen wie der Bioakustik, der Elektroakustik, der Raumakustik und der Unterwasserakustik befassen; oder spezieller mit Phänomenen wie dem akustischen Gedächtnis, dem Material von Musikinstrumenten, mit Fahrstuhlmusik oder Schallfotografie. Zum anderen ist die Forschungsgruppe durch vier Arbeitsgruppen strukturiert, bestehend aus jeweils 10 bis 15 Kolleginnen und Kollegen, die über einen Zeitraum von zwei Jahren mehrmals zusammentreffen und folgende Themen bearbeiten:

(1) Testing Hearing: Science, Art, Industry,

(2) Sound Objects in Transition: Knowledge, Science, Heritage,

(3) The Sonic Parasite: Studies on Acoustics in the Sciences and Humanities,

(4) Geographies of Sound: Formation, Transformation, and Circulation of Acoustic Knowledge and Practices.

Gemeinsam bauen die vier Arbeitsgruppen die Datenbank „Sound & Science: Digital Histories“ auf, die schwer zugängliches Quellenmaterial der Akustikgeschichte bereitstellt. Die Datenbank wird Schallanalysefunktionen sowie Such- und Darstellungsfunktionen für die Geschichte von personalen Netzwerken, Begriffen und Konzepten, Experimenten und Tests sowie von Baumaterialien für Räume und Instrumente bieten. Vorgesehen ist die Verlinkung der Website  mit Printpublikationen über QR-Codes.

Abb. 4: Wilhelm Doegen bei Tonaufnahmen mit dem Phonetiker Eduard Sievers, 1925

 

Im Rahmen dieser Projekte kooperiert die Forschungsgruppe mit dem Vossius Center for the History of Humanities and Sciences der University of Amsterdam, der New York University, dem Deutschen Museum in München, dem DFG-Netzwerk „Hör-Wissen im Wandel“, dem französischen ANR-Projekt ECHO (ECrire l’Histoire de L’Orale) sowie dem Indian Institute of Technology Madras (Chennai). Außerdem besteht eine Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen einer Professur für Wissensgeschichte und die Gruppe ist Teil des Berliner Zentrums für Wissensgeschichte.

In diesem Berliner Kooperationsverbund hat die Forschungsgruppe „Epistemes of Modern Acoustics“ im Februar 2016 die Tagung „Listening to the Archive: Histories of Sound Data in the Humanities and Sciences“ organisiert. Anlass der Tagung war das rund hundertjährige Bestehen des heute an der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelten Lautarchivs, das seinen Anfang 1915 mit der Einberufung der Königlich Preußischen Phonographischen Kommission durch den Berliner Phonetiker Wilhelm Doegen nahm. Die Kommission sammelte zunächst Musik- und Sprachaufnahmen von Kriegsgefangenen in deutschen Lagern – mit dem Anspruch der Interpretationssouveränität über die Klangkulturen der Internierten. Wissenschaftshistorisch interessant ist auch die weitere Entwicklung des Archivs, das ab 1920 als Lautabteilung der Preußischen Staatsbibliothek die Herstellung, Archivierung und Nutzung von Schallaufnahmen in so unterschiedlichen Disziplinen wie der Phonetik, Linguistik, Orientalistik, Afrikanistik, Musikwissenschaft, Anthropologie, Zoologie, Psychologie und Kriminologie beförderte (Abb. 4). Als eines der frühesten und ehrgeizigsten interdisziplinären Schallarchivierungsprojekte entwickelte die Lautabteilung die Grammophontechnik der 1920er Jahre weiter und protegierte das Grammophon als Medium, das die sich weitende Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überbrücken sollte. Die Geschichte des Lautarchivs verweist einmal mehr auf die epistemische Rolle, die akustische Instrumente in ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen spielten, und damit auf ein Hauptinteresse der Max-Planck-Forschungsgruppe „Epistemes of Modern Acoustics“.

 

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