Forschungsbericht 2015 - Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb

Mobilität von Erfindern

Autoren
Harhoff, Dietmar; Hoisl, Karin
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, München
Zusammenfassung
Wissen – vor allem implizites Wissen – steckt in den Köpfen von Individuen. Darum sind Erfinder ein wichtiger Mechanismus zum Transfer von wertvollem Wissen zwischen Organisationen. Bisherige Forschung hat gezeigt, dass sich ein Arbeitgeberwechsel auch positiv auf die individuelle Produktivität auswirken kann. Ein Projektbereich am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb befasst sich mit den Determinanten und Auswirkungen von Erfindermobilität auf der Individual- und auf der Organisationsebene. Es werden verschiedene Datenquellen kombiniert, um kausale Zusammenhänge zu erforschen.

Im Jahr 2012 investierten die EU-Länder insgesamt 282 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (F&E). Zwei Drittel dieses Betrages waren F&E-Ausgaben von Unternehmen, das restliche Drittel entfiel auf öffentlich finanzierte Forschungsinstitute sowie Universitäten. Fast 70 Prozent der genannten Ausgaben stellen Personalkosten dar (EUROSTAT). Somit erhält die Frage nach den Determinanten der Produktivität und der Mobilität von Erfindern eine große Bedeutung. Wenn produktive Erfinder ein Unternehmen verlassen, gehen dem Unternehmen auch viele mögliche Erfindungen verloren. Falls sich zeigen lässt, dass Erfinder, die für viele Erfindungen verantwortlich sind, auch relativ häufig besonders wertvolle Erfindungen hervorbringen, so wäre der Verlust durch den Fortgang eines „Schlüsselerfinders“ noch höher, als es die vorhergehende Betrachtung ohnehin schon nahelegt. Umgekehrt zeigen diese Überlegungen, dass eine wichtige Personalmaßnahme darin besteht, produktive Erfinder zu rekrutieren, da sich Wissen, insbesondere implizites Wissen, in den Köpfen von Individuen befindet. Ein Transfer von F&E-Wissen erfordert darum oft den Transfer des Erfinders selbst.

Es gibt nur sehr wenige theoretische und empirische Arbeiten, die sich mit Mitarbeitern im F&E-Bereich, insbesondere den Erfindern, beschäftigen. Während sich die Innovationsliteratur der Sechziger- und Siebzigerjahre mit dem Innovationsprozess und dem Erfinder selbst beschäftigt hat, betrachten aktuellere Arbeiten eher die Unternehmensebene.

Das Projekt am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb hingegen trägt dazu bei, die Produktivität von Erfindern näher zu beleuchten – vor allem den Zusammenhang zwischen Erfindermobilität und Produktivität. Der entscheidende Unterschied zwischen dieser Studie und früheren Arbeiten zum Thema ist, dass hier der kausale Zusammenhang zwischen Mobilität und Produktivität untersucht werden soll. Es ist zum einen denkbar, dass mobile Erfinder produktiver sind als nicht mobile Erfinder. Dieser Zusammenhang kann beispielsweise durch Wissenstransfer begründet werden. Es ist aber auch möglich, dass gerade sehr produktive Erfinder darum mobiler sind, weil sie von Konkurrenzunternehmen abgeworben werden.

Einzelprojekte im Gesamtprojekt „Erfindermobilität“ beschäftigen sich mit folgenden Aspekten:

  1. Determinanten von Erfindermobilität, vor allem auch Unterschiede zwischen Mobilität innerhalb von und zwischen Organisationen;
  2. Kausalität zwischen regionaler Erfindermobilität und Erfinderproduktivität;
  3. freiwillige versus nicht freiwillige Mobilität und Produktivität;
  4. Bedeutung von „Wissens-Fit“ für Produktivitätsgewinne durch Mobilität;
  5. Bedeutung von Mobilität für das Wissensrekombinationspotenzial in Querschnittstechnologien.

Diese Projekte werden zum Teil in Kooperation mit dem Forschungsdatenzentrum der Bundesagentur für Arbeit (FDZ) am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg sowie mit Forschern nationaler und internationaler Universitäten durchgeführt.

Datengrundlagen

Um diese Fragen zu beantworten, werden Daten aus verschiedenen Quellen verwendet und kombiniert:

  1. Internationale Erfinderbefragung (PatVal2)

    Im Rahmen einer großzahligen empirischen Untersuchung wurden über 21.000 Erfinder aus zwanzig europäischen Ländern sowie Israel, den USA und Japan zu Themen wie Erfindungsprozess, Mobilität, Verwertung von Erfindungen und Erfindungswert befragt. Das Projekt wurde von der Europäischen Kommission mit Mitteln aus dem 7. Forschungsrahmenprogramm gefördert.

  2. Biografische Befragung von Erfindern in Hightech-Industrien

    Eine Befragung von über 3.000 Erfindern in Deutschland erbrachte Informationen zu deren Bildungs- und Berufswegen, ihren kognitiven Dispositionen und Persönlichkeitsmerkmalen. Das Projekt konzentriert sich auf Erfindungen in den Bereichen Clean Technology, Nanotechnologie und Maschinenelemente und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell gefördert.

  3. Sozialversicherungsdaten

    Im Rahmen einer Kooperation mit dem FDZ in Nürnberg wurden sogenannte Linked-Employer-Employee-Daten des IAB (LIAB) zu Erfindern, die in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, bereitgestellt. Die Daten verbinden eine jährliche repräsentative Betriebsbefragung mit prozessproduzierten Personendaten der Arbeitsverwaltung und der Sozialversicherung.

  4. PATSTAT-Patentdaten

    EPO PATSTAT ist eine weltweite Patentstatistik-Datenbank des Europäischen Patentamts (EPA). Es handelt sich um eine Momentaufnahme der Master-Dokumentationsdatenbank (DOCDB) des EPA. PATSTAT enthält bibliografische Daten zu circa 70 Millionen Patentanmeldungen aus über 80 Ländern.

Erste Ergebnisse

Ergebnisse der PatVal2-Befragung zeigen, dass 30 Prozent der Erfinder ihren Arbeitgeber innerhalb der letzten fünf Jahre gewechselt haben. Die Mobilitätsrate schwankt allerdings stark zwischen verschiedenen Ländern. Während Erfinder aus den USA (46 Prozent) und aus anderen englischsprachigen sowie den skandinavischen Ländern (zwischen 42 und 55 Prozent) die höchsten Mobilitätsraten aufweisen, wechseln Erfinder aus Japan (16 Prozent), Frankreich (22 Prozent), Spanien (22 Prozent) und Griechenland (24 Prozent) ihren Arbeitgeber am seltensten.

Die Daten des FDZ zu in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigten Erfindern zeigen, dass 44 Prozent von ihnen in einem Elf-Jahres-Zeitraum mindestens einmal den Betrieb gewechselt haben. 54 Prozent dieser Wechsel fanden innerhalb eines Unternehmens statt, 46 Prozent der Erfinder wanderten zu einem neuen Unternehmen ab. Weiterhin zeigt sich, dass die Wahrscheinlichkeit einer Abwanderung zu einem anderen Unternehmen mit der Dauer der Zugehörigkeit zum Unternehmen sinkt. Auch eine große Anzahl an Patenten senkt die Wahrscheinlichkeit eines Unternehmenswechsels. Da Patentoutput beobachtbar ist, könnten Motivations- und Anreizsysteme den Erfinder von einem Arbeitgeberwechsel abhalten. Die Qualität der Patente hat keinen signifikanten Einfluss auf die Abwanderungswahrscheinlichkeit [1]. Dieses Ergebnis lässt sich damit erklären, dass die Qualität von Patenten deutlich schwerer zu beobachten ist als deren Anzahl.

Außerdem besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der Erfindermobilität und der Produktivität nach dem Wechsel, sofern der Arbeitgeberwechsel freiwillig (etwa wegen Beförderung oder besserer Arbeitsbedingungen) stattfand. Im Falle eines unfreiwilligen Wechsels (zum Beispiel aufgrund von Betriebsschließungen oder familiären Verpflichtungen) war kein Produktivitätsgewinn in der Zeit nach dem Arbeitgeberwechsel nachzuweisen [2]. Eine mögliche Erklärung für diese Ergebnisse bietet die Matching-Theorie aus der Arbeitsmarktforschung. Sie versteht den Stellenwechsel als Ergebnis eines Such- und Selektionsprozesses, der das Ziel verfolgt, den Match, das heißt die Passgenauigkeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verbessern. Mitarbeiter sind so lange mobil, bis sie den „perfekten“ Match gefunden haben. Ein besserer Match wiederum führt zu höherer Produktivität.

Im Rahmen der Forschungsarbeit von Hoisl und de Rassenfosse wurde des Weiteren untersucht, inwieweit sich der sogenannte Wissens-Fit zwischen einem Arbeitgeber und einem neuen Arbeitnehmer auf einen möglichen Produktivitätsgewinn nach einem Jobwechsel auswirkt. Unter Wissens-Fit wird das Ausmaß verstanden, in dem Wissen, das vor dem Arbeitgeberwechsel angesammelt wurde, nach dem Wechsel noch relevant ist. Es zeigt sich, dass Wissens-Fit eine wichtige Rolle spielt: Während ein schlechter Fit nach einem Arbeitgeberwechsel zu einem Produktivitätsverlust führt, erhöht ein guter Fit die Produktivität von Erfindern nach dem Wechsel.

Literaturhinweise

1.
Dorner, M.; Bender, S.; Harhoff, D.; Hoisl, K.
Patterns and Determinants of Inventor Mobility – Evidence from the Employment Biographies of Inventors in Germany
Unpublished manuscript (2014)
2.
Hoisl, K.; de Rassenfosse, G.
Knowledge Fit and the Productivity Gain from Employee Mobility
Unpublished manuscript (2014)
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