Peter Gruss

2002-2014

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Jeder Präsident ist in seiner Amtsführung von seinem Fach und den Methoden geprägt, mit denen er als Wissenschaftler gearbeitet hat. Charakteristisch für den Mikrobiologen Peter Gruss ist, immer wieder Neues anzustoßen, dabei oft unerschlossene Wege zu beschreiten, aber auch umzukehren oder die Richtung zu ändern, wenn sich ein Weg nicht als sinnvoll erweist. Darin zeigt sich der Experimentator, für den jeder Versuch eine bereichernde Erfahrung ist – unabhängig von Aufwand und Ergebnis. So hat Peter Gruss als Präsident die Max-Planck-Gesellschaft in zahlreiche Richtungen vorangetrieben.

Seine wissenschaftliche Laufbahn begann Gruss als Doktorand am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg mit der Forschung an Tumorviren. Eine prägende Zeit war der anschließende Forschungsaufenthalt an den National Institutes of Health (NIH) in den USA. Besonders die Bedingungen und die Atmosphäre auf dem Forschungscampus in Bethesda beeinflussten den jungen Wissenschaftler nachhaltig. Als wichtigste Faktoren nennt Peter Gruss: „den Freiraum, wissenschaftliche Fragen zu stellen, die Möglichkeit, Forschung voran zu treiben, die Atmosphäre, die beinahe flirrt vor Ideen und Wissbegierde… Von den amerikanischen Kollegen lernte ich vor allem: ‚No limits!‘ Akzeptiere in der Forschung keine Grenzen außer den eigenen Möglichkeiten.“ Gruss gelang in diesem Umfeld ein bahnbrechendes Experiment. Es führte zur Entdeckung des sogenannten „Enhancers“, einem Element in der Zelle, das die Aktivierung von Genen verstärkt, und zwar, wie Gruss und sein Team zuerst zeigen konnten, je nach Gewebe auf ganz spezifische Art und Weise.

Trotz der exzellenten Bedingungen am NIH zog es Peter Gruss wieder zurück nach Deutschland. Das Ticket zur Rückkehr verschaffte ihm 1982 der Ruf an die Universität Heidelberg. Vier Jahre später wurde Gruss zum Wissenschaftlichen Mitglied und Direktor der Abteilung "Molekulare Zellbiologie" ans Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen berufen. Eine der wichtigsten Entdeckungen dort war die Funktion des sogenannten Pax6-Gens. Wenn sie gestört ist, fehlt Mäusen, aber auch Menschen ein funktionsfähiges Auge – ein echter Durchbruch in der Erforschung der Genregulation. Nach dem gleichen Prinzip entdeckte die Gruppe ein weiteres einflussreiches Gen der Pax-Familie, Pax4. Fehlt dieses Gen im Organismus, dann fehlen dem Säugerembryo funktionsfähige Beta-Zellen, also die Zellen, die in der Bauchspeicheldrüse Insulin produzieren. Auf dieser Grundlage gelang es ihm auch, Stammzellen in Insulin produzierende Zellen zu differenzieren.

Peter Gruss zählt zu den produktivsten Wissenschaftlern in seinem Fach: Mehr als 504 Veröffentlichungen tragen seinen Namen. Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt: unter anderem mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, mit dem Louis-Jeantet-Preis für Medizin, mit dem Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten und mit dem Niedersächsischen Staatspreis.

Trotz seines außerordentlichen wissenschaftlichen Erfolgs sagte er zu, als er gefragt wurde, ob er für das Amt des Max-Planck-Präsidenten zur Verfügung stehe. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Niedersächsischen Staatspreises 2004 begründete er den Wechsel: „Zum einen war es mal wieder die Neugierde etwas Neues anzufangen. Zum anderen ist es eine große Ehre und Herausforderung Präsident der angesehenen Max-Planck-Gesellschaft sein zu dürfen. Ich bekomme nun Einblicke in das ganze Spektrum der Wissenschaft. Und ich habe die Möglichkeit all diese Bereiche zu unterstützen.“

An Herausforderungen mangelte es nicht. Die erste akute stand bereits unmittelbar nach Amtsantritt an, als die Zuwendungsgeber das Budget für 2003 kurzfristig einfroren. Peter Gruss musste ein Konsolidierungsprogramm auflegen, das für die Max-Planck-Institute empfindliche Einschnitte mit sich brachte. Umso hartnäckiger setzte er sich in der darauffolgenden Zeit für eine verlässliche Finanzierungsgrundlage ein – mit Erfolg. 2005 schlossen Bund und Länder mit den außeruniversitären Forschungsorganisationen den ersten Pakt für Forschung und Innovation. Darin verpflichtete sich die Politik, für die Jahre 2006 bis 2010 jährliche Aufwüchse von drei Prozent zu gewähren. Für den Zeitraum von 2011 bis 2015 konnte er sogar ein Wachstum von fünf Prozent aushandeln. Für die Max-Planck-Gesellschaft bedeutete das vor allem Planungssicherheit, aber auch die Chance, substanziell Neues zu implementieren.

Acht Max-Planck-Institute mit innovativen Themen wie Biologie des Alterns, Physik des Lichts oder empirische Ästhetik konnte Peter Gruss neu aus der Taufe heben. Er nahm zudem Institute unter das Dach der Max-Planck-Gesellschaft auf, die nicht aus dem zentralen Budget finanziert werden. Dazu gehören die zwei im Ausland gegründeten Max-Planck-Institute in Florida (USA) und Luxembourg sowie das Forschungszentrum caesar, das sich aus Stiftungsmitteln finanziert, und das Ernst-Strüngmann-Institut, das von den Mäzenen Andreas und Thomas Strüngmann gestiftet wurde. Auch für zahlreiche weitere Vorhaben der Max-Planck-Gesellschaft gelang es Gruss, Stifter und Spender zu gewinnen. Sie gründeten 2006 die Max-Planck-Förderstiftung, die ausschließlich Projekte und Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft unterstützt.

Der Erneuerungsprozess der Max-Planck-Gesellschaft veränderte auch bestehende Max-Planck-Institute. Fünfzehn Institute wurden neu ausgerichtet, thematisch erweitert oder konzentriert, Forschungsgebiete wurden verselbständigt oder zusammengeführt. Im Zentrum stand dabei für Peter Gruss, herausragende Wissenschaftler von führenden Forschungsinstitutionen aus aller Welt zu berufen. Mehr als die Hälfte der 204 neuberufenen Direktorinnen und Direktoren kam aus dem Ausland, vierzig Prozent der Neuberufenen haben einen ausländischen Pass.

Peter Gruss hat gleichzeitig für die Max-Planck-Gesellschaft einen langfristig angelegten strategischen Entwicklungsprozess etabliert. Alle drei Sektionen haben Perspektivenkommissionen eingerichtet bzw. die vorhandenen Kommissionen zu Think Tanks ausgebaut, um neue Ideen und Konzepte für ihre Themenbereiche zu entwickeln. Der neu etablierte Perspektivenrat führt die wissenschaftlichen Konzepte und Ideen aller drei Sektionen zusammen. Dort beraten und befördern Präsident, Vizepräsidenten sowie die Vorsitzenden der Sektionen und des Wissenschaftlichen Rats gemeinsam neue Forschungsthemen für die gesamte Max-Planck-Gesellschaft. Sie entwerfen Entwicklungskonzepte für bestehende Institute und planen neue und sektionsübergreifende Vorhaben – immer mit dem Ziel, als Wegbereiter für neue Forschungsgebiete zu wirken.

Zusätzliche Innovationsimpulse setzte Peter Gruss, indem er einen zentralen Innovationsfonds auflegte, aus dem der Präsident im Wettbewerb zwischen den Instituten substantielle Mittel vergeben kann. Damit konnte er nicht nur außergewöhnliche Forschungsprojekte und Kooperationen besonders unterstützen, sondern auch Programme auflegen, um Nachwuchswissenschaftler oder Frauen in ihrer wissenschaftlichen Karriere gezielt zu fördern. Aus diesen Mitteln wurden beispielsweise die International Max Planck Research Schools (IMPRS) massiv ausgebaut. Das bewährte Programm der Selbständigen Nachwuchsgruppen – später umbenannt in Max-Planck-Forschungsgruppen – wurde um themenoffene Ausschreibungen erweitert. Das heißt, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können an einem Institut ihrer Wahl mit eigenem Budget und in eigner Verantwortung ein selbst gewähltes Forschungsthema bearbeiten – ein äußert attraktives Angebot: Allein in der letzten Ausschreibung der Amtszeit Gruss bewarben sich weit mehr als siebenhundert junge Frauen und Männer auf achtzehn Stellen.

Darüber hinaus verbesserte Gruss die Möglichkeiten für Frauen, in der Max-Planck-Gesellschaft eine wissenschaftliche Karriere voranzutreiben. Dank zahlreicher Angebote wie Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Mentoring oder die Chance, im Rahmen des sogenannten Minerva-Programms als Forschungsgruppenleiterin Erfahrung zu sammeln, stieg die Zahl der weiblichen Wissenschaftler in den leitenden Positionen W2 und W3 allein zwischen 2005 und 2010 um mehr als die Hälfte.

Peter Gruss’ Amtszeit war zugleich eine Zeit des Wandels in der deutschen Wissenschaftslandschaft. In der Politik setzte sich immer mehr die Einsicht durch, dass Forschung für den Wohlstand des Landes eine wesentliche Rolle spielt. Daher erhöhte die Bundesregierung zunächst unter Kanzler Schröder, später unter Kanzlerin Merkel die Forschungsausgaben spürbar. Das „Paket der Pakte“ – der erwähnte Pakt für Forschung und Innovation sowie der Hochschulpakt und die Exzellenzinitiative – verhalfen der Forschung und Deutschland zu einem sichtbaren Aufschwung. Die Exzellenzinitiative stärkte gezielt vielversprechende Forschungsstandorte und förderte die Vernetzung vor Ort – auch zwischen Universitäten und Max-Planck-Instituten. Sie schaffte aber vor allem größere Akzeptanz für wissenschaftliche Exzellenz und Elite – ein Wandel, der auch Max-Planck-Gesellschaft zugutekam. Peter Gruss förderte seinerseits die Zusammenarbeit mit den Universitäten, etwa durch neue Max-Planck-Forschungsgruppen an Universitäten oder durch das Max Planck Fellow-Programm: Damit bekommen herausragende Kollegen aus deutschen Universitäten für begrenzte Zeit Forschungsmöglichkeiten an einem Max-Planck-Institut.

Parallel zu den Veränderungen in Deutschland wandelte sich auch die internationale Forschungslandschaft: Zahlreiche Länder – besonders in Asien – begannen, massiv in Forschung zu investieren. Weltweit wuchs die Zahl der Hochschulabsolventen. Zugleich stieg der Grad an Globalisierung in der Wissenschaft selbst: Forscher kooperieren nicht nur über wachsende Entfernungen, sie sind zunehmend bereit, über Grenzen und Kontinente hinweg ihren Arbeitsplatz zu wechseln – dorthin, wo sie die besten Bedingungen vorfinden. Das gilt besonders für die junge Generation, die sich bei der Wahl ihrer Wirkungsstätte an internationalen Rankings orientiert. Hochkarätige Wissenschaftseinrichtungen förderten und fördern diese Entwicklung ihrerseits, indem sie weltweit aktiv werden.

Peter Gruss hat einen solchen Internationalisierungsprozess ebenfalls gezielt vorangetrieben und damit der Max-Planck-Gesellschaft auch in diesem Bereich eine Vorreiterrolle verschafft. Zum einen stärkte er das Forschungsmarketing im Ausland, um vor allem junge Leute gezielt auf die Marke Max-Planck aufmerksam zu machen. Das gelang durch Ausstellungen wie den Science Tunnel und den Science Express, aber auch mithilfe sozialer Medien wie Facebook und Twitter. Zusätzlich erhöhte die Verleihung der Nobelpreise an Theodor Hänsch 2005 und Gerhard Ertl 2007 den Bekanntheitsgrad der Max-Planck-Gesellschaft.

Zum anderen baute Peter Gruss die Präsenz der Max-Planck-Gesellschaft in zahlreichen Ländern aus. Neben den neuen Max-Planck-Instituten in Florida und Luxemburg, wurden Max-Planck-Partner-Institute in Buenos Aires und Shanghai aufgebaut. Zudem gründete er in Kooperation mit wichtigen Wissenschaftseinrichtungen in aller Welt vierzehn Max Planck Center. Damit ist die Max-Planck-Gesellschaft von Vancouver bis Lausanne, von Princeton bis Paris, von Jerusalem bis Tokio präsent. Der Prinz von Asturien-Preis für Internationale Zusammenarbeit würdigte 2013 dieses weltumspannende Engagement der Max-Planck-Gesellschaft.

Ein weiteres zentrales Anliegen von Peter Gruss war es, eine Brücke von der Grundlagenforschung in die Anwendung zu schlagen. Dafür ging er aktiv auf Vertreter von Wirtschaft und Industrie zu. Innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft stärkte Gruss die Tochtergesellschaft Max-Planck-Innovation, die Erfindungen aus den Max-Planck-Instituten an die Industrie vermittelt und Max-Planck-Wissenschaftler bei der Anmeldung von Patenten und der Gründung von Unternehmen unterstützt. Darüber hinaus wurden in Bonn, Göttingen, Dresden und Saarbrücken Inkubatoren ins Leben gerufen, um innovative Forschungsergebnissen bis zur Marktreife weiterzuentwickeln. Ein ähnliches Ziel verfolgt auch das 2008 gegründete Lead Discovery Center in Dortmund, dort geht es speziell um potenzielle Arzneiwirkstoffe.

Es gibt zahlreiche weitere Initiativen, die mit dem Namen Peter Gruss verbunden sind: etwa der Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit in der Max-Planck-Gesellschaft. Oder „Teaming Excellence“ – der Vorschlag, mithilfe von Partnerprogrammen die wissenschaftlichen Strukturen in Süd- und Osteuropa zu stärken. Oder der Einsatz für einen offenen Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen, der sich 2003 in der „Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities“ manifestierte sowie in der Gründung der elektronischen Zeitschrift eLife gemeinsam mit dem Howard Hughes Medical Institute in den USA und dem britischen Wellcome Trust. Peter Gruss hat in den zwölf Jahren seiner Amtszeit die Max-Planck-Gesellschaft vielfältiger gemacht, national enger vernetzt, international stärker präsent und weltweit sichtbarer.

Für die Zeit nach der Amtsübergabe hat sich Peter Gruss erst einmal eine Ruhephase verordnet, die nur im Vergleich zum Terminkalender seiner Amtszeit ruhig erscheint. Denn Gruss ist bereits wieder unterwegs zu Vorträgen und Gesprächen in Deutschland, der Schweiz, Spanien und Mexiko. Ohnehin ist es kaum vorstellbar, dass sich eine so umtriebige Persönlichkeit wie Peter Gruss jemals in einen Ruhestand im wörtlichen Sinne zurückziehen wird. In der Welt der Wissenschaft und der Forschungspolitik wird man sicher noch von ihm hören.

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