Hans F. Zacher

1990-1996

Ein Porträt von Barbara Abrell

Hans Zacher wurde 1928 in Erlach am Inn in Niederbayern geboren, als Kind eines Dorfschullehrers. "Der Ort, in dem wir lebten, war klein und ärmlich", sagt er. Dennoch gab es zu Hause einen kleinen Schatz an Büchern. Sehr karge Verhältnisse, aber Wertschätzung für Bildung und Kultur: "ein wunderbarer Boden, um zu wachsen". Das nächste "Städtchen mit Symptomen einer urbanen Kultur" lag auf der anderen Seite des Inns, in Österreich: Braunau. Die nächste Stadt war das 60 Kilometer entfernte Passau. "Meine frühe Kindheit hatte mit Recht nichts zu tun", schreibt er später in einer autobiographischen Skizze. "Soziale Normen, religiöse Normen, Bräuche und Zwänge" - aber nicht Recht.

Mit Hitlers Machtübernahme änderte sich das. Die Zahl der Vorschriften wuchs, die das Leben der Menschen veränderten. Und die Willkür der Partei. Nun erlebte seine Familie schmerzhaft "den Verlust des Rechts, den Verlust seines Schutzes": "wie die Pressionen der Partei Freiheit und Privatheit zersetzen durften, wie Menschen immer wieder keinen Schutz mehr dagegen fanden, von Exponenten der Partei beleidigt, bedroht, beraubt und verprügelt zu werden". "Meine Eltern hatten bald nur noch einen kleinen Kreis von Freunden, mit dem sie ganz offen redeten. Ich erinnere mich ihrer aller mit Dankbarkeit", sagt Hans F. Zacher heute. "Sie waren wichtig, um den Wahnsinn der Zeit zu überstehen".

"Recht braucht Menschen, die das Recht verteidigen"

Von 1939 an besuchte Hans Zacher die Oberschule im benachbarten Simbach. 1944 wurde er als Luftwaffenhelfer eingezogen und musste 1945 zum Reichsarbeitsdienst. Ende Mai 1945 kehrte er aus kurzer amerikanischer Gefangenschaft nach Hause zurück und machte nur zwei Jahre später in Passau sein Abitur. Einige Zeit hindurch trug er sich mit dem Gedanken, katholische Theologie oder Geschichte zu studieren. Beides hatte Probleme gegen sich, die er nicht überwinden konnte. Schließlich folgte der 18-Jährige dem Rat seines Batteriechefs aus der Luftwaffenhelferzeit - selbst Jurist und ein ungewöhnlich kultivierter Mann -, der ihm darüber hinaus ein Freund geblieben war. Dieser hatte ihm empfohlen, Jurist zu werden.

So schrieb sich Hans Zacher 1947/48 in Bamberg für Rechtwissenschaften ein und wechselte in den Jahren darauf zuerst nach Erlangen, dann nach München. Dort traf er auf den Staats- und Verwaltungsrechtler Hans Nawiasky. Der Halbjude wurde von den Nazis schon lange vor 1933 angefeindet und musste 1933 in die Schweiz fliehen. Nach 1945 auch wieder in München tätig, wurde er zu einem der Väter der Verfassung des Freistaates Bayern von 1946. Eine "glückliche Begegnung". Denn der Jurist impfte dem wissbegierigen jungen Mann schon sehr früh ein, dass "sich Recht niemals selbst durchsetzt", wie damals viele Naturrechtler meinten: "Recht braucht immer Menschen, die das Recht verteidigen".

1952 promovierte Hans F. Zacher über das Thema "Die Wiederherstellung des parlamentarischen Systems nach dem Zweiten Weltkrieg". Sein Doktorvater, Hans Nawiasky lud ihn ein, sich zu habilitieren. Er schlug ihm auch das Thema der Habilitationsschrift vor: "Das Verfassungsrecht der sozialen Intervention des Staates". Trotz aller sozialen Probleme der Zeit ein ganz und gar unbeachtetes Thema. "Wenn Sie darüber arbeiten, arbeiten Sie zwar in einem dunklen Loch", meinte Hans Nawiasky. "Aber sie werden lange Zeit Monopolist sein". "Und er sollte Recht behalten", schmunzelt Hans F. Zacher heute. Das Sozialrecht wurde die Mitte seines juristischen Lebens.

Die Tage der Praxis, die Nächte der Habilitation

1955 schloss er seine Ausbildung mit der Zweiten Juristischen Staatsprüfung ab. Daraufhin begann für Hans F. Zacher eine sehr turbulente Zeit. An der Fakultät war keine Stelle frei. Er musste sein Brot in der Praxis verdienen. Von 1955 bis 1963 arbeitete er am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, am Bundesverfassungsgericht und in der bayerischen Verwaltung. Er heiratete. Rasch kamen Kinder. In den Nächten und an den Wochenenden schrieb er seine Habilitationsschrift. 1962 dann die Habilitation.

Ein "normales" Leben wurde erst möglich, als Hans F. Zacher 1963 als ordentlicher Professor für Staats-, Verwaltungs- und Kirchenrecht an die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität des Saarlandes nach Saarbrücken berufen wurde. "Die Berufung zählt zu den tollsten Erlebnissen meines Leben", erzählt Hans F. Zacher. Die Berufungsliste war nämlich schon fertig, als er "aus Versehen" nach Saarbrücken eingeladen wurde, um einen Vortrag zu halten. Da dieser begeisterte, lud die Berufungskommission Hans F. Zacher ein, das noch ungedruckte Manuskript seiner Habilitationsschrift zu schicken. Mit verteilten Rollen wurde sie eilends gelesen. Die Liste wurde umgeworfen, und die Entscheidung fiel auf ihn.

Das Konzept der sozialen Markwirtschaft

Von da an weitete sich der Wirkungskreis rasch. Neben der Forschung und Lehrtätigkeit wurde Hans F. Zacher mit zahlreichen Funktionen betraut. In der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer, im Deutschen Juristentag. Um die Wissenschaft des Sozialrechts voranzubringen: als Mitgründer des Deutschen Sozialrechtsverbandes. Um einen Anfang mit einer Europäischen Sozialpolitik-Wissenschaft zu machen: als Gründungsmitglied des Europäischen Instituts für soziale Sicherheit. Unter anderem wurde er erster Vorsitzender der "Sozialgesetzbuch-Kommission", die er maßgeblich beeinflusste. Die Kommission erarbeitete ein Konzept und grundlegende Entwürfe für das Sozialgesetzbuch, das von 1975 an in Teilschritten verwirklicht wurde - ohne bisher ganz abgeschlossen zu sein.

Darüber regte ihn die intensiv interdisziplinär orientierte Fakultät an, sich dem Wirtschaftsrecht, insbesondere der Wirtschaftsverfassung zu widmen. Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft benannte wesentliche Gemeinsamkeiten mit dem Sozialrecht. "Doch meine Kooperation mit den wirtschaftswissenschaftlichen Kollegen blieb nicht frei von Spannungen", sagt Zacher. "Den passionierten Marktwirtschaftlern in meiner Fakultät war jeder Versuch, über eine wirtschaftspolitische Verantwortung des Staates nachzudenken, suspekt. Für sie ging es darum, Interventionen abzuwehren und den Wettbewerb zu gewährleisten". Auch das wirtschaftsrechtliche Engagement führte wieder zu neuen Aufgaben: als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Bundesministeriums für Wirtschaft.

Wieder in München

1971 berief ihn die Juristische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität nach München. Er übernahm einen Lehrstuhl für öffentliches Recht. Bald darauf begannen in der Max-Planck-Gesellschaft die Überlegungen, die Reihe der juristischen, immer international orientierten Max-Planck-Institute um ein Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Sozialrecht zu erweitern. Aber die Forschung auf diesem Gebiet war so unentwickelt, dass man erst mit einer Projektgruppe beginnen wollte. Hans F. Zacher wurde eingeladen, sie zu leiten. Er nahm an, um seine Fakultät nicht schon wieder verlassen zu müssen: wenn die Projektgruppe in München eingerichtet würde und wenn er sie im Nebenamt führen könnte. So geschah es. Noch radikaler als hinsichtlich der Wissenschaft vom deutschen Sozialrecht war hier Pionierarbeit zu leisten. "Es war eine große, aber auch lohnende Herausforderung", sagt Hans F. Zacher. "Die Vielfalt der Konstellationen, in denen sich das Soziale in verschiedenen Staaten, unter verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen verwirklicht, musste wahrgenommen, verstanden und bewertet werden."

1980 wurde die Projektgruppe in das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Sozialrecht umgewandelt, Zacher wurde Direktor des Instituts, dem er sein weiteres Leben lang verbunden bleiben sollte. Die unterschiedlichsten Dimensionen des Sozialrechts waren zu verfolgen: die Geschichte des Sozialrechts, die Interdisziplinarität der Sozialrechtswissenschaft, die völkerrechtliche Ordnung des Sozialrechts und seiner nationalstaatlichen Ausprägungen, sowie die sozialpolitischen Leistungen internationaler Institutionen, die sozialrechtlichen Bezüge und Inhalte des Rechts der Europäischen Gemeinschaft und die sozialrechtliche Begleitung der Menschen, wenn sie von einem Sozialstaat zum anderen wandern. Vor allem aber immer wieder die Sozialrechtsvergleichung. "Die Abenteuer sowohl einer Annährung an das 'Sozialrecht' im Sozialismus als auch an die Denkbarkeiten und an die Wirklichkeiten eines 'Sozialrechts' in den Entwicklungsländern haben mich in besonderer Weise fasziniert." So habe er sich auf den Wegen sozialrechtlicher Forschung in der globalen Welt eingelebt, gerade ehe der Zusammenbruch des Kommunismus sie grundlegend verwandelte.

Präsident im Zeichen der deutschen Vereinigung

Auch über "sein" Institut hinaus übernahm Hans F. Zacher Verantwortung in der Max-Planck-Gesellschaft als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates, der Vollversammlung aller Wissenschaftlichen Mitglieder der Max-Planck-Gesellschaft. So gewann er Vertrauen. 1989 wurde er für die Amtszeit von 1990 bis 1996 zum Präsidenten gewählt – der erste Nicht-Naturwissenschaftler in diesem Amt.

Als sein Vorgänger, der Chemiker und Mediziner Heinz A. Staab im Sommer 1990 sein Amt an den Juristen Hans F. Zacher übergab, war die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion schon in Kraft getreten. Die Verhandlungen über den Einigungsvertrag begannen. Mit der deutschen Vereinigung erwuchs die Notwendigkeit, in ganz Deutschland eine einheitliche Forschungslandschaft zu schaffen. "Für die Max-Planck-Gesellschaft war dies Herausforderung und Chance zugleich", erinnert sich Hans F. Zacher. Kraft ihrer außerordentlichen Kompetenz konnte sie neue Initiativen ergreifen, welche die Grundlagenforschung sowohl in den neuen Ländern als auch in ganz Deutschland wesentlich ergänzten.

Aufbau Ost

Als ein Sofortprogramm errichtete die Max-Planck-Gesellschaft 27 Arbeitsgruppen an Universitäten, die wesentlich zur Neubelebung der Forschung in den neuen Ländern beitragen konnten. Sie errichtete zwei befristete Außenstellen von bestehenden Max-Planck-Instituten und nahm sieben geisteswissenschaftliche Forschungsschwerpunkte befristet in ihre Betreuung. Die Errichtung neuer Max-Planck-Institute dagegen führte in Konflikte. Sie bedurfte der Zeit, um die innovativsten Themen und die innovativsten Forscher, welche die Kompetenz dafür mitbrachten, auszuwählen. Und sie bedurfte der notwendigen Mittel.

Wesentliche politische und einflussreiche gesellschaftliche Kräfte drängten dagegen auf die Übernahme von Forschungseinrichtungen der Deutschen Demokratischen Republik und auf die Finanzierung auf Kosten der bestehenden Max-Planck-Institute. Die Übernahme von DDR-Einrichtungen konnte jedoch nur erfolgen, wenn das Niveau den Anforderungen international anerkannter Spitzenforschung entsprach. Und ohne eine zureichende Finanzausstattung war ein Neuanfang nicht sinnvoll. Nach aufwendiger Überzeugungsarbeit konnte die Max-Planck-Gesellschaft ihren Weg gehen. Bis 1998, also bis zwei Jahre nach Zachers Amtsende, waren 18 Institute aufgebaut, die alsbald weltweite Anerkennung fanden. Und der Erfolg gab der Max-Planck-Gesellschaft und ihrem Präsidenten recht.

Sparzwänge im Westen

Das Wachstum in den östlichen Bundesländern war begleitet von dem Zwang zu Einsparungen im Westen. "Ganze Abteilungen mussten geschlossen werden, auf Berufungen wurde verzichtet", sagt Hans F. Zacher. Mit ihrem "Föderalen Konsolidierungsprogramm" legten Bund und Länder der Gesellschaft die Verpflichtung auf, innerhalb weniger Jahre etwa elf Prozent ihrer Planstellen, insgesamt 740 Stellen, einzusparen.

Neben dem "Aufbau Ost" durften andere Reformanliegen nicht unerledigt bleiben. So waren die inneren Strukturen der Max-Planck-Gesellschaft weiter zu entwickeln: etwa das Berufungsverfahren und die Evaluierung der wissenschaftlichen Arbeit der Institute. Ein wichtiges Desiderat war die Konzeption einer internationalen Forschungspolitik. Dass Wissenschaft in sich international ist, war selbstverständlich. In welcher Weise Forschungsorganisationen jedoch die transnationalen und internationalen Beziehungen gestalten und auf welche Gestaltung sie bei Staat und Gesellschaft hinwirken sollen, ist eine andere Frage. Einen besonderen Problemkreis bildete die europäische Forschungspolitik.

"Den Grundstock aller Arbeit eines Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft bildet jedoch die optimale Entwicklung der Institute", sagt Hans F. Zacher. "Und dies war in der alten Bundesrepublik für 60 Institute zu tun."

Der Emeritus

Seit 1996 ist Hans F. Zacher als Professor der Universität München und als Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft emeritiert. Er ist "dennoch kein Mann der Ruhe", wie er selbst sagt. Er berät, schreibt und reist – zu den Sitzungen des Senats der Max-Planck-Gesellschaft, dessen Ehrenmitglied er ist, zu den Sitzungen des Wissenschaftlichen Rates und seiner Sektion, aus den verschiedensten Anlässen auch zu einzelnen Max-Planck-Instituten.

Im Hinblick auf die deutsche Wiedervereinigung hat er sich einem Projekt verschrieben, das die Geschichte der deutschen Sozialpolitik von 1945 bis zur Mitte der neunziger Jahre beschreibt: vom viergeteilten Besatzungsdeutschland über die Spaltung in einen freiheitlichen Sozialstaat und einen sozialistischen Staat bis zur Bundesrepublik der neunziger Jahre. Zusammen mit zwei Historikern und einem Sozialwissenschaftler hat er die wissenschaftliche Verantwortung für dieses Projekt übernommen, dessen Ergebnisse in 11 Bänden niedergelegt sind. Auch in eigenen Arbeiten hat er sich immer wieder der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates und des deutschen und des europäischen Sozialrechts zugewandt.

Auf der anderen Seite geht er einer tief empfundenen Verantwortung für die soziale Ordnung einer globalen Welt nach. Wichtige Impulse dafür bezieht er nicht zuletzt aus den Erörterungen der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften in Rom, deren Mitglied er seit 1994 ist. Als weltweit beschicktes und interdisziplinäres Gremium ist es eine wichtige Arena, um Erkenntnisse über die sozialen Probleme der globalen Welt zu gewinnen und zu sachgerechten Lösungen beizutragen.

Im Sinne seines globalen Engagements begleitet er den Aufbau einer zweiten Abteilung an "seinem" Institut für Sozialrecht in München, die sich vor allem dem Thema einer "Weltsozialordnung" widmen soll. "Das Recht steht in der globalen Welt vor der neuen Verantwortung, eine sozial erträgliche Ordnung zu schaffen", ist Hans F. Zacher überzeugt.

Zur Redakteursansicht