Forschungsbericht 2013 - Max-Planck-Innovation

Max-Planck-Innovation – die Technologietransfer-Organisation der Max-Planck-Gesellschaft

Autoren
Berninger, Markus
Abteilungen

Max-Planck-Innovation, München

Zusammenfassung
Unter dem Motto „Connecting Science and Business“ versteht sich die Max-Planck-Innovation als Partner für Wissenschaftler ebenso wie für Unternehmen. Mit unserem Team beraten und unterstützen wir die Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) bei der Bewertung von Erfindungen, der Anmeldung von Patenten sowie bei der Gründung von Unternehmen. Der Industrie bieten wir einen zentralen Zugang zu den Erfindungen der MPG. Damit erfüllen wir eine wichtige Aufgabe: Den Transfer von Ergebnissen der Grundlagenforschung in wirtschaftlich und gesellschaftlich nützliche Produkte.

Innovationsbrücken – der Erfolg geht weiter

Ziel der Max-Planck-Innovation ist es, das wirtschaftliche Potenzial von Erfindungen zu erschließen. Jedoch besteht oftmals das Problem, dass eine Technologie, so wie sie an den Max-Planck-Instituten entwickelt wird, für die Industrie nicht marktnah genug ist. Mit der Gründung der Lead Discovery Center GmbH (LDC) und der Life Science Inkubator GmbH (LSI) hat Max-Planck-Innovation zwei sehr erfolgreiche Unternehmen zur Überbrückung dieser Innovationslücke ins Leben gerufen, wie die aktuelle Entwicklung zeigt.

So erreichte ein innovatives Kinase-Inhibitor-Programm des LDC, welches 2011 an die Bayer Schering Pharma AG (Bayer) auslizenziert wurde, einen wichtigen Meilenstein. Bayer hat 2012 den Kinase-Inhibitor erfolgreich bis in die präklinische Entwicklung vorangebracht mit dem Ziel, ihn letztlich in die klinische Entwicklung im Bereich Onkologie zu überführen. Mit Erreichen dieses Meilensteins erhält das LDC, der Lizenzvereinbarung entsprechend, eine Meilensteinprämie von Bayer. Insgesamt könnten sich entwicklungsabhängige Meilensteinzahlungen auf bis zu 82,5 Millionen Euro und umsatzabhängige Meilensteinzahlungen auf bis zu 55 Millionen Euro belaufen. Außerdem hat das LDC Anspruch auf Lizenzgebühren an Produktverkäufen, wenn das Produkt vermarktet wird. Das LDC teilt die Einnahmen mit seinen akademischen Partnern an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, dem Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg sowie der Max-Planck-Förderstiftung. In enger Zusammenarbeit mit diesen Partnern hatte das LDC den Kinase-Inhibitor ursprünglich entdeckt und bis zu einer pharmazeutischen Leitstruktur entwickelt, die in jeglicher Hinsicht industriellen Standards entspricht. Das LDC wurde 2008 in Dortmund mit dem Ziel gegründet, aussichtsreiche Forschungsprojekte unter anderem aus den Max-Planck-Instituten professionell in die Entwicklung neuer Medikamente zu überführen.

Der LSI wurde von Max-Planck-Innovation mit dem Ziel etabliert, Ausgründungen im Bereich der Lebenswissenschaften zu erleichtern. Auf der Suche nach Kandidaten sichtet der LSI, der 2009 in Bonn operativ an den Start gegangen ist, das Teilnehmerfeld von Businessplan-Wettbewerben aus dem gesamten Bundesgebiet und sucht an Universitäten und Forschungseinrichtungen nach herausragenden Ideen. Nach einer strengen Begutachtung werden die ausgewählten Forscher für die Dauer der Förderung – bis zu drei Jahre – vom LSI angestellt. Mit der jüngsten Aufnahme der Projektgruppen „med4life“ sowie „EPN (Engineered-Protein-Nanoparticles)-Technologie“ ist der Inkubator in Bonn nun mit sieben Entwicklungsvorhaben aus Bereichen wie Biotechnologie, Pharma und Medizintechnik voll ausgelastet. Das Konzept von „med4life“ beruht auf Untersuchungen zur sogenannten elektromechanischen Schmerzsuppression (EMSS), die am Universitätsklinikum Bonn durchgeführt wurden. Ziel ist die Unterdrückung von Schmerzen mittels schwacher elektrischer und mechanischer Reize. Die Stimulation soll über spezielle Verbände geschehen, in die Hightech-Chips integriert sind. Vorstudien deuten darauf hin, dass dieses Verfahren insbesondere zur Linderung von chronischen Schmerzen geeignet ist. Im Rahmen des EPN-Projektes erforschen Wissenschaftler ein Transportsystem auf Nanoebene, mit dessen Hilfe Wirkstoffe gezielt zu einem gewünschten Einsatzort befördert werden können.

Basierend auf den Forschungsergebnissen des 2009 inkubierten VLP (Virus-Like-Particles)-Projekts ist nun auch die erste Ausgründung des LSI in Vorbereitung. Die Forscher haben eine „Medikamenten-Fähre“ entwickelt, die Wirkstoffe von der Blutbahn gezielt ins Gehirn befördert. Das Verfahren eröffnet neue Perspektiven für die Therapie von Gehirnerkrankungen des Menschen wie Hirnturmore oder Multiple Sklerose. Mit der für Anfang 2013 geplanten Gründung einer Zweigniederlassung in Dresden soll nun der bewährte Ansatz zur Förderung von Gründungen regional erweitert werden und damit zusätzliche Kapazität für weitere potenzialträchtige Ausgründungsvorhaben geschaffen werden. Die ersten beiden Projekte für den Dresdner Standort wurden bereits identifiziert und vom Investmentgremium zur Aufnahme empfohlen.

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Abb. 1: Die „Backward-compatible Stereo 3D“-Technik setzt Disparität nur dann ein wenn sie gebraucht wird. So wird es möglich Bilder zu produzieren, die für den Betrachter vollkommen normal wirken, wenn dieser kein Stereo-Equipment nutzt und die bei Nutzung der entsprechenden Ausrüstung trotzdem einen 3D-Eindruck vermitteln.
Abb. 1: Die „Backward-compatible Stereo 3D“-Technik setzt Disparität nur dann ein wenn sie gebraucht wird. So wird es möglich Bilder zu produzieren, die für den Betrachter vollkommen normal wirken, wenn dieser kein Stereo-Equipment nutzt und die bei Nutzung der entsprechenden Ausrüstung trotzdem einen 3D-Eindruck vermitteln.

Lizenzverträge

Max-Planck-Innovation hat 2012 gemeinsam mit der Patentverwertungsagentur der saarländischen Hochschulen eine neue Methode zur Verarbeitung digitaler Stereobildinhalte an das kanadische Unternehmen TandemLaunch Technologies lizenziert. Die neue „Backward-compatible Stereo 3D“-Technik ermöglicht es, Filme sowohl mit entsprechender Brille in 3D als auch ohne Brille in 2D anzuschauen.

Auf der Grundlage von neuen Studienergebnissen ist es Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Informatik, des Fachbereichs Informatik der Universität des Saarlandes sowie von Telecom ParisTech gelungen, stereoskopische Bilder so zu verändern, dass nur die unbedingt erforderliche Disparität verbleibt. Bei der Entwicklung der neuen Technologie war es für die Erfinder von entscheidender Bedeutung, das visuelle System des Menschen zu verstehen und daraus abzuleiten, wie 3D-Bilder wahrgenommen werden. Um räumliche Strukturen einschätzen zu können, verlässt sich das menschliche Sehsystem auf eine Vielzahl von Tiefeninformationen. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die binokulare Disparität: Jedes Objekt wird von den beiden Augen aus leicht unterschiedlichen Winkeln beobachtet. Auf diese Weise wird ein spezieller Punkt im Raum auf der Netzhaut jedes Auges an zwei verschiedenen Positionen reproduziert. Die Forscher fanden heraus, wie das menschliche Sehsystem auf stereoskopische Bilder reagiert und mit welcher Empfindlichkeit es auf Veränderungen in der binokularen Disparität in Verbindung mit anderen Tiefeninformationen reagiert. Dadurch konnten sie die Verbindung zwischen realer und wahrgenommener Disparität erklären und so die Wahrnehmung von stereoskopischen Bildern in Bezug auf Dreidimensionalität vorhersagen. So konnten die Forscher schließlich ein rückwärts kompatibles Stereobild erzeugen, das 3D-Eindrücke ermöglicht und gleichzeitig die Bildartefakte beim Zuschauen ohne 3D-Brille auf ein Minimum reduziert. TandemLaunch wird die Erfindung in den kommenden Jahren zu einem Produkt weiterentwickeln.

Ausgründungen

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Abb. 2: Herkömmliche (links) und hochauflösende (rechts) Fluoreszenzmikroskopie mit CAGE 500. Der Farbstoff wird erst durch UV-Licht fluoreszent.
Abb. 2: Herkömmliche (links) und hochauflösende (rechts) Fluoreszenzmikroskopie mit CAGE 500. Der Farbstoff wird erst durch UV-Licht fluoreszent.

Die Abberior GmbH, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie, entwickelt Fluoreszenzfarbstoffe für die hochauflösende Mikroskopie: Mithilfe neuer, ausgeklügelter Mikroskopie-Techniken dringen Wissenschaftler in immer kleinere Welten vor. Damit sie die Vorgänge in Zellen sichtbar machen können, müssen sie die daran beteiligten Strukturen und Moleküle mit Farbstoffen markieren. Solche Fluoreszenzfarbstoffe werden durch Licht zum Leuchten angeregt und geben daraufhin Licht einer charakteristischen Wellenlänge ab. Abberior ist der führende Hersteller von kommerziell erhältlichen Fluoreszenzfarbstoffen für neue Mikroskopie-Techniken. Bei der Entwicklung neuer Fluoreszenzfarben setzt das Unternehmen auf das Know-How der vier Firmengründer Stefan W. Hell, Vladimir Belov, Lars Kastrup und Gerald Donnert. Als Pioniere auf dem Gebiet der hochauflösenden Mikroskopie haben sie bereits zahlreiche Erfindungen zum Patent angemeldet. So hat Stefan Hell, Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, die sogenannte STED-Mikroskopie entwickelt (Stimulated Emission Depletion). Damit konnten er und sein Team das Auflösungsvermögen in der Lichtmikroskopie bis auf 15 Nanometer steigern – bis vor wenigen Jahren galten noch 200 Nanometer als das theoretische Auflösungslimit. Durch die enge Verbindung zur Grundlagenforschung können Neuentwicklungen schnell in der Praxis getestet werden.

Die Drug Response Dx GmbH (DRDx GmbH), eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für molekuare Genetik, entwickelt ein Biomarker-Testkit zur Steuerung von Behandlungen der rheumatoiden Arthritis mit sogenannten TNF-Alpha Inhibitoren. Die Rheumatoide Arthritis ist mit rund 70 Millionen Betroffenen die weltweit am weitesten verbreitete Autoimmunerkrankung. Nur eine frühzeitig eingeleitete, wirksame Therapie kann die schwerwiegenden Folgen der Erkrankung mindern und die Lebensqualität der Patienten erhalten. Eine der wichtigsten Therapieoptionen bei Rheumatoider Arthritis sind Hemmer des Tumornekrosefaktors (TNF-Alpha), die heute aus Kostengründen erst dann eingesetzt werden, wenn sich konventionelle Medikamente nach mehreren Monaten als unwirksam erwiesen haben. Jedoch zeigen auch TNF-Alpha Inhibitoren frühestens nach drei bis sechs Monaten und nur bei etwa 60 bis 70 Prozent der Patienten erste Erfolge. Bei den sogenannten Therapie-Versagern (Non-Respondern) vergeht oft bis zu einem Jahr und somit kostbare Zeit, bis andere, wirksame Medikamente zum Einsatz kommen. Eine frühzeitige, gezielte Behandlung kann jedoch zu kompletter Remission der Erkrankung führen. Patienten, Ärzte und Kostenträger suchen deshalb dringend nach Möglichkeiten zur Verbesserung von Therapieentscheidungen bei Rheumatoider Arthritis. Die Lösung: der DRDx Testkit auf Basis von Protein-Biomarkern. Er erlaubt eine individuelle Wirksamkeitsvorhersage von TNF-Alpha Inhibitoren für jeden RA-Patienten bereits vor Medikamentengabe. Für das antikörperbasierte Nachweisverfahren im ELISA-Format (Enzyme Linked Immunosorbent Assay) liegt bereits ein Machbarkeitsnachweis vor. Auch die erforderlichen Biomarker können bereits in technisch hoher Qualität und in größerem Umfang produziert werden. Die nächsten Entwicklungsschritte umfassen nun unter anderem die klinische Validierung des Diagnostikums. Max-Planck-Innovation hat als Technologietransfer-Organisation den Aufbau des Spin-off-Unternehmens von der ersten Business-Konzeptionierung bis hin zum Abschluss dieser Finanzierungsrunde unterstützt - maßgeblich auch durch die Bereitstellung von externen Experten im Rahmen der Förderinitiative „Innovation trifft Management“, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert wird.

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Abb. 3: Screenshot des Analysetools von glyXera
Abb. 3: Screenshot des Analysetools von glyXera

Das Start-up Unternehmen glyXera GmbH, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg, hat ein Hochleistungs-Analyseverfahren für komplexe Zuckerstrukturen entwickelt, das vor allem in der Medikamentenentwicklung, Medizin aber auch in der Lebensmittelindustrie angewandt wird. Komplexe Zuckerstrukturen sind für die Zellen von Säugetieren und damit auch für die des Menschen von größter Bedeutung. Die Zuckerstrukturen funktionieren dabei als Feinstrukturen, mit denen die Zellen die Proteine modifizieren. Maßgeblich spielt dieser Prozess auch beim Schlüssel-Schloss-Prinzip der Zellen eine entscheidende Rolle für die charakteristischen Merkmale der Zelloberfläche. So können mit dem neuen Verfahren zum Beispiel schon bei der Entwicklung Unverträglichkeiten vermieden und die Wirksamkeit beziehungsweise der Nutzen neuer Produkte optimiert werden. Darüber hinaus können mithilfe des neuen Analyseverfahrens von glyXera, das 2012 auch mit dem Innovationspreis von Bio Deutschland ausgezeichnet wurde, Patienten auf Biomarker zur Bestimmung von Krankheiten getestet werden.

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Abb. 4: Die KonTEM Mitgründer und Entwicklungingenieure Patrick Kurth und Steffen Pattai bei der Vorjustage des Systems

Abb. 4: Die KonTEM Mitgründer und Entwicklungingenieure Patrick Kurth und Steffen Pattai bei der Vorjustage des Systems

Die KonTEM GmbH, eine Ausgründung der Max-Planck-Gesellschaft und des Forschungszentrums caesar, hat bekannt gegeben, dass sie durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) finanziert wird. KonTEM entwickelt ein innovatives Phasenkontrastsystem für Transmissions-Elektronenmikroskope (TEM), das einen verbesserten Kontrast bei gleichzeitig hoher Objektauflösung erlaubt und so neue Möglichkeiten bei der Untersuchung biologischer Proben eröffnet. Durch die Investition sichert der High-Tech Gründerfonds (HTGF) den operativen Aufbau des jungen Unternehmens und unterstreicht das hohe Potenzial der innovativen Technologie.

Zahlen und Fakten

Im Jahr 2012 wurden der Max-Planck-Innovation 126 Erfindungen gemeldet (2011: 123) und es wurden 101 Verwertungsverträge (inklusive Vereinbarungen zu Gemeinschaftserfindungen/TT- Vereinbarungen) abgeschlossen (2011: 86). Die Verwertungserlöse betragen voraussichtlich 23,5 Mio. Euro (2011: 21,1). Zu diesem Erlös trugen Beteiligungsverkäufe (im Wesentlichen Verkäufe börsennotierter Beteiligungen) in Höhe von rund 4,5 Millionen Euro bei (2011: 300T Euro). Die endgültigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2012 liegen aufgrund der nachgelagerten Abrechnung verschiedener Lizenznehmer erst ab Mitte 2013 vor.

Im Gründungsbereich wurden 2012 neun Start-ups aus unterschiedlichen Max-Planck-Instituten ausgegründet, wie zum Beispiel die Drug Response Dx GmbH und die glyXera GmbH. Von den neun Ausgründungen konnten sich drei zunächst selbst finanzieren. Zudem konnten 2012 fünf Ausgründungen der Max-Planck-Gesellschaft erfolgreich Finanzmittel über eine Seed-/Serie A-Finanzierung sowie ein weiteres MPG-Beteiligungsunternehmen eine Folge-Finanzierung einwerben. Zwölf Gründungsprojekte konnten 2012 für die Vorgründungsphase erfolgreich Fördermittel einwerben oder beziehen, beispielsweise aus EXIST-Forschungstransfer, GO-Bio oder VIP (Validierungsförderung).

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