Forschungsbericht 2008 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Räumliche Analyse des Geburtenverhaltens in Deutschland in Geschichte und Gegenwart: Die Integration soziologischer, geografischer und historischer Forschungsansätze

Autoren
Klüsener, Sebastian; Goldstein, Joshua
Abteilungen

Bevölkerung und Politik (James Vaupel)
MPI für demografische Forschung, Rostock

Historische Demografie (Joshua Goldstein)
MPI für demografische Forschung, Rostock

Zusammenfassung
In vielen europäischen Staaten ist das Geburten- und Heiratsverhalten seit einigen Jahrzehnten starken Veränderungen unterworfen. Dabei treten neue Verhaltensmuster in einigen Regionen früher oder stärker auf als in anderen. Die Analyse der räumlichen Ursprünge und des Verlaufs des Wandels in Raum und Zeit kann viel zum Verständnis der zugrunde liegenden Faktoren beitragen.

In vielen Ländern Europas hat das Geburten- und Heiratsverhalten im 19. und 20. Jahrhundert starke Veränderungen erfahren. In der öffentlichen Diskussion wird dabei besonders der starke Rückgang der Geburtenraten als Herausforderung angesehen. Bei der Suche nach den Gründen für den Wandel kann das Wissen über die räumlichen und zeitlichen Ursprünge neuer Verhaltensmuster und deren Entwicklung über Zeit und Raum viel zum Verständnis beitragen.

Forschung in diesen Gebieten erfordert eine kleinräumige Betrachtungsweise und den Einsatz von qualitativen und quantitativen Verfahren, die Raum und Zeit adäquat berücksichtigen. Allerdings bestehen hinsichtlich der Entwicklung geeigneter quantitativer Verfahren zumindest in den Sozialwissenschaften noch Defizite. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung hat sich zum Ziel gesetzt, zur Schließung bestehender Lücken aktiv beizutragen. Dies erfolgt im Rahmen des neu gegründeten Arbeitsbereiches für historische Demografie und durch den Ausbau der Forschung mit räumlichen Analysemethoden.

Im Folgenden werden zwei laufende Forschungsprojekte präsentiert, die exemplarisch Fragestellungen und Methoden aufzeigen. Das erste Projekt beschäftigt sich mit den historischen Ursprüngen der soziodemografischen Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Das zweite Forschungsprojekt analysiert die raum-zeitlichen Aspekte des Geburtenrückgangs in Preußen im Zuge des sogenannten ersten demografischen Übergangs Ende des 19. Jahrhunderts.

Demografische Ost-West-Unterschiede bestanden bereits vor 1945

Viele der zurzeit der deutschen Wiedervereinigung bestehenden oder im Zuge der ostdeutschen Transformationskrise entstandenen demografischen Ost-West-Differenzen haben sich in den letzten Jahren stark verringert. Dies gilt etwa für Unterschiede in der Lebenserwartung und im allgemeinen Fertilitätsniveau. Keine Annäherung hat sich dagegen bei vielen ehestandsbezogenen Indikatoren wie etwa dem Anteil der nichtehelichen Geburten ergeben. Dieser liegt in Ostdeutschland bei fast 60 Prozent, während er in Westdeutschland weniger als 30 Prozent beträgt. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts zeigen, dass die Unterschiede beim Anteil nichtehelicher Geburten zwischen West- und Ostdeutschland in abgeschwächter Form bereits Ende des 19. Jahrhunderts existierten (Abb. 1).

Anteil der nichtehelichen Geburten in West- und Ostdeutschland 1873 bis 2007.

Dabei ist bemerkenswert, dass die Grenze zwischen Gebieten mit hohen und niedrigen Anteilen von Geburten außerhalb der Ehe bereits damals in etwa der späteren deutsch-deutschen Staatsgrenze folgte (Abb. 2 und 3). Anhand statistischer Daten lässt sich aufzeigen, dass diese Trennlinie keine Konfessionsgrenze ist. Auch hinsichtlich anderer wichtiger Entwicklungsindikatoren bestanden zwischen Ost- und Westdeutschland zu dieser Zeit keine großen Differenzen. Dies gilt etwa für den Anteil der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft und die Analphabetenrate bei Frauen im Alter von über 15 Jahren.

Anteil der nichtehelichen Geburten in Deutschland 1910. Quelle: Kaiserliches Statistisches Amt; Grundkarte: HGIS Germany.
Anteil der nichtehelichen Geburten in Deutschland 2006.

Die Grenze hat aber eine lange Historie als politische Grenze. Im Norden trennte sie die lange Zeit unter dänischer Hoheit stehenden Schleswig-Holsteinischen Gebiete von den Mecklenburgischen Staaten. Im Zentrum grenzte sie das Königreich Hannover und das Kurfürstentum Hessen von der preußischen Provinz Sachsen und im Süden die Thüringischen Staaten und Sachsen von Franken beziehungsweise Bayern ab. Teilweise lässt sich diese politische Grenzlinie bis ins Mittelalter zurückverfolgen.

Es ist davon auszugehen, dass ein Mix von Ursachen zur Entstehung der demografischen Trennlinie beitrug. Hierzu gehören unter anderem Ost-West-Unterschiede in der politischen Ökonomie und der Bevölkerungspolitik des 19. Jahrhunderts. Auch bei der zivilrechtlichen Stellung der Frau und insbesondere der Mutter nichtehelicher Kinder bestanden bis zur Einführung des einheitlichen Bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahr 1900 im Allgemeinen deutliche Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Gebieten. Die Analyse zeigt auf, dass die heute bestehenden Ost-West-Unterschiede beim Anteil der nichtehelichen Geburten nicht alleiniges Erbe der deutsch-deutschen Teilung sind. Die historischen Wurzeln für diese Differenzen scheinen viel tiefer zu liegen.

Zentren und Ausbreitungswege des Geburtenrückgangs in Preußen 1890 bis 1910

Der erste demografische Übergang, der unter anderem durch einen drastischen Geburtenrückgang geprägt war, gehört zu den klassischen Forschungsfeldern der Demografie. Sehr einflussreich war das Princeton European Fertility Project, das sich ab Mitte der 1960er-Jahre für mehr als zwei Jahrzehnte mit diesem Phänomen beschäftigte. Die Forscher kamen dabei auf Basis der Analyse von Daten auf Provinzebene zu dem Ergebnis, dass der Beginn und das Ausmaß des Geburtenrückgangs stark von kulturellen Faktoren beeinflusst wurden [1]. Dem sozioökonomischen Wandel wurde dagegen wenig Erklärungskraft zugeschrieben. Letztgenannte Erkenntnis wurde durch eine Forschergruppe um Patrick Galloway in Zweifel gezogen [2]. Mit kleinräumigeren Daten für die preußischen Kreise bewiesen die Demografen, dass Zusammenhänge zwischen dem Geburtenrückgang und ökonomischen Veränderungen zu bestehen scheinen. Ein Manko dieser Analyse war allerdings, dass die Modelle nicht die räumliche Lage der Kreise berücksichtigten. Dies kann zu Problemen führen, falls die Beobachtungen in den Kreisen nicht unabhängig voneinander sind, sondern etwa durch Entwicklungen in den Nachbargebieten beeinflusst werden.

Das Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für demografische Forschung nutzt die Daten von Patrick Galloway und untersucht diese mit räumlichen Analyseverfahren. Anhand von Strukturmodellen lässt sich aufzeigen, dass der massive Rückgang der ehelichen Geburtenrate in etwa um 1890 einsetzte. Dabei trat dieses Phänomen zunächst in größeren Städten und deren nahem Umland auf (Abb. 4). Es lassen sich aber auch Gebiete identifizieren, die innerhalb des Untersuchungszeitraums keinen Rückgang der ehelichen Geburtenrate verzeichneten. Hierbei handelt es sich fast ausschließlich um ländlich geprägte katholische Regionen.

Entwicklung der ehelichen Geburtenrate 1890 bis 1910.

Die Gründe dafür, dass große Städte im ersten demografischen Übergang Zentren des Geburtenrückgangs waren, sind vielschichtig. Ein Faktor waren die stark steigenden städtischen Wohnungspreise. Einen großen Einfluss hatten auch politische Reformen, die den wirtschaftlichen Wert von Kindern gerade im städtischen Raum verringerten. Hierzu gehörte die Durchsetzung einer allgemeinen Schulpflicht, die im ländlichen Raum aufgrund der langen Sommerferien geringere Auswirkungen auf den ökonomischen Nutzen von Kindern hatte. Des Weiteren wurde die Kinderarbeit im Industrie- und Dienstleistungssektor ab 1890 stark eingeschränkt, während sie in der Landwirtschaft weiterhin erlaubt war.

Güte des nichträumlichen Modells anhand der Fehler.

Die Analyse mit einem einfachen Strukturmodell ergibt, dass der starke Geburtenrückgang im Umland größerer Städte allerdings nur unzureichend durch Änderungen in den sozioökonomischen Indikatoren erklärt wird. Dies spricht dafür, dass ein Diffusionsprozess stattgefunden hat, bei dem die räumliche Nähe zu Zentren des Geburtenrückgangs von hoher Bedeutung war. Hierfür spricht auch, dass sich das Modell signifikant verbessert, wenn eine Variable eingeführt wird, die den Geburtenrückgang in den Nachbarkreisen abbildet (Abb. 5). Neben räumlicher Nähe zu den Zentren des Geburtenrückgangs scheinen insbesondere der Urbanisierungsgrad, die Höhe der Frauenerwerbsquote, Rückgänge in der Kindersterblichkeit und der Anteil der katholischen Bevölkerung einen Einfluss auf den Beginn und das Ausmaß des Geburtenrückgangs gehabt zu haben. Insofern haben sowohl ökonomische als auch kulturelle Faktoren beim Geburtenrückgang im Zuge des ersten demografischen Übergangs eine Rolle gespielt.

Originalveröffentlichungen

1.
P. R. Galloway, E. A. Hammel, R. D. Lee:
Fertility Decline in Prussia, 1875–1910: A Pooled Cross-Section Time Series.
Population Studies 48(1), 135–158 (1994).
2.
A. Kunz, A. Zipf:
Historische Grundgeometrien der Staaten des Deutschen Reiches und Mitteleuropas.
Historisch-Geografisches Informationssystem (HGIS Germany), Mainz 2008.
3.
J. E. Knodel:
The Decline of Fertility in Germany 1871–1939.
Princeton University Press, Princeton 1974.
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