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Rennauto für die Vitrine

Trifft Larissa Winkler ihre Freundinnen, kommt ihr Beruf selten zur Sprache. Denn die 19-Jährige dreht Gewinde, liest Schaltpläne und programmiert CNC-Fräsmaschinen. Am Max-Planck-Institut für Physik in München macht sie eine Ausbildung zur Industriemechanikerin.


„Mein erstes Projekt war ein Formel-1-Auto – gleich im ersten Lehrjahr“, erinnert sich Larissa Winkler. Sie greift ein Stück Stahl, das wie ein U aussieht. Aus einem solchen Stück hat sie den Körper des Fahrzeugs gefertigt, also den Teil, der im echten Rennwagen die Fahrerkabine ist. Beim genauen Betrachten erkennt der Laie, dass das U ein klein wenig ungleichmäßig geformt ist. „Schief und krumm“, kommentiert sie. So war der Stahl am Anfang. Nachdem die Auszubildende das Stück bearbeitet hatte, entsprach es auf ein Zehntel Millimeter genau den Maßen in der Bauskizze. Sechs Monate lang hatte Winkler am Rennauto gesägt, gefeilt, gedreht, gefräst und gebohrt. Sie verarbeitete Stahl, Aluminium, Kupfer, Messing und Kunststoffe. Auf diese Weise lernte sie die Werkzeuge und Materialien kennen, mit denen Industriemechaniker arbeiten.

In ihrer Ausbildungszeit fertigte die angehende Industriemechanikerin immer wieder kleine Werkstücke, um die Theorie in der Praxis zu üben. Jetzt, im dritten Lehrjahr stehen einige davon in einer Vitrine in der Lehrwerkstatt. Vorsichtig wickelt sie ein Modell des Münchner Fernsehturms aus. Bei diesem Werkstück aus Plexiglas war besonders viel Fingerspitzengefühl gefragt. Der filigrane Turm hätte beim Einspannen in die Maschinen leicht brechen können. Die für Material und Form geeigneten Profilfräser wählte sie selbst aus. „Wir haben das Programm geschrieben, die Werkzeuge eingemessen und die Drehzahl eingegeben. Das Fräsen hat die Maschine übernommen“, berichtet die Auszubildende. Computergesteuertes Fräsen begeistert sie. Warum? „Weil man zum Beispiel kugelförmige Wölbungen ausfräsen kann. Das funktioniert auf der konventionellen Fräse nicht.“

Am MPI für Physik arbeiten die Lehrlinge nicht nur an Miniaturausgaben von Rennautos und Fernsehtürmen, sondern auch an Projekten der Physiker. „Manchmal kommen Diplomanden oder Doktoranden mit ihren Skizzen in die Lehrwerkstatt“, erzählt Winkler: „Dann bauen wir ihnen die Teile, die sie für ihren Versuchsaufbau brauchen.“ Im dritten Lehrjahr liegt es in Winklers Hand, die Pläne mit den Physikern abzusprechen und die Arbeitsschritte zu planen. Ihr Ausbilder Rainhard Kastner mischt sich nur im Notfall ein. Auch für ihre Abschlussprüfung wird die angehende Industriemechanikerin einen „echten“ Arbeitsauftrag übernehmen, für den sie 21 Stunden Zeit hat. Anschließend wird sie ihr Werk in einem 30-minütigen Fachgespräch den Prüfern vorstellen.

Schon in der Schule interessierte sich Larissa Winkler für technische Fragen und setzte auf handwerkliche Geschicklichkeit. „Zwei wichtige Voraussetzungen für junge Menschen, die sich zum Industriemechaniker ausbilden lassen wollen“, betont Kastner, der auf  Auszubildende wie Larissa Winkler nicht mehr verzichten möchte. In der Lehrwerkstatt der Industriemechaniker ist sie die einzige Frau. Doch das stört die ruhige 19-Jährige nicht. Denn in der Berufsschule sind sie in ihrem Ausbildungsjahrgang zu sechst unter insgesamt 22 Schülern. „Das ist viel“, sagt Kastner, „im Durchschnitt ist von zehn Lehrlingen nur einer weiblich“.

Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung zur Industriemechanikerin. Die Bewerber müssen mindestens einen guten qualifizierenden Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife vorweisen. Berufsschule und Lehrwerkstatt stehen abwechselnd auf dem Stundenplan: Auf zwei Wochen Praxis am MPI folgt eine Woche Theorie in der Berufsschule.

Larissa Winkler wird die Abschlussprüfung schon nach drei Jahren ablegen. Dann möchte sie noch ein halbes Jahr beim MPI für Physik bleiben, ein halbes Jahr Berufserfahrungen im Ausland sammeln und dann wahrscheinlich Maschinenbau studieren.

Von Nicole Voß

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