Forschungsbericht 2020 - Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte

Sakralen Raum kartieren

Mapping sacred space

Autoren
Scirocco, Elisabetta; Longo, Ruggero
Abteilungen
Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom, Italien, Abteilung Michalsky
Zusammenfassung
Eine mittelalterliche Kirche war ein komplexes System, in dem Räume und ihre Ausstattung durch Gegenstände und Dekorationen den Rahmen für die Liturgie vorgaben, aber auch Schauplatz einer ganzen Reihe weiterer gesellschaftlicher Handlungen waren. Durch die Einbindung von archäometrischen Analysen in die Forschungsmethoden von Archäologie und Kunstgeschichte sowie mit Hilfe digitaler Technologien untersucht ein Projekt der Bibliotheca Hertziana Formen, Funktionen und Ästhetik mittelalterlicher Sakralräume durch Digital Mapping und 3D-Rekonstruktionen.
Summary
A medieval church was a complex system in which spaces, objects and decorations provided the framework for the liturgy but also the scenario for a variety of other social activities. By integrating archaeometric analyses into research methods of archaeology and art history and with the help of digital technologies, a project of the Bibliotheca Hertziana investigates forms, functions and the aesthetics of medieval sacred spaces through digital mapping and 3D reconstructions.

Sakralräume bieten sich der historischen Forschung als eines der wichtigsten materiellen Zeugnisse zum Verständnis vielfältiger Aspekte von Gesellschaften an, die sie hervorgebracht und über Jahrhunderte immer wieder neu ausgestaltet haben [1]. In vormoderner Zeit erfüllten die vorrangig für den Kult konzipierten Räume einer Kirche darüber hinaus noch andere Funktionen. Sie waren Schauplätze von Geld- und Rechtsgeschäften, Gerichtsverfahren und Theateraufführungen, Ritualen der Legitimierung und Delegitimierung politischer Macht. Ganz verschiedene Akteure nutzten sie zur Selbstdarstellung, haben sich Räume erschaffen oder angeeignet, sie mit Monumenten, Kunstwerken, Bildern und Texten gekennzeichnet, sodass soziale Strukturen und Netzwerke im sakralen Raum konkret erfahrbar werden konnten [2] (s. Abb. 1, rechts).

Abb. 1: Kathedrale von Monreale, Innenansicht / Mosaik mit der Darstellung des Königs Wilhelm II., gekrönt von Christus

Die Erfahrung des Sakralen in der Vormoderne

Der Entwurf einer Kirche folgte jedoch primär den vom Ritus diktierten Anforderungen. Räumliche Vorrichtungen wie Schranken, Einfassungen und Stoffvorhänge, die Ästhetik der Materialien und Bildwerke sowie die sorgfältig inszenierte Beleuchtung schufen das Szenario für die Begegnung der Gläubigen mit dem Transzendenten. Die rituelle Handlung eröffnete darin den Zugang zu den Mysterien der Liturgie mittels einer umfassenden sinnlichen Erfahrung, die durch Gesten, Klänge, Gerüche, Worte und Musik sowie bewegliche Gegenstände, Bildwerke und kostbares liturgisches Gerät stimuliert wurde [3].

Mittelalterliche Kirchenbauten gehören noch heute untrennbar zu den europäischen Stadtbildern. Doch die Verschiebung ästhetischer Werte, Wiederaufbau und Restaurierung, aber auch Liturgiereformen haben Veränderungen mit sich gebracht, die fast immer eine Zerstörung der liturgischen Raumgestaltung zur Folge hatten, welche für das Verständnis der Funktionsweise und Ästhetik der mittelalterlichen Kirche eine zentrale Rolle spielt.

Insofern ist eine Rekonstruktion des Verlorenen unerlässlich, will man den mittelalterlichen Sakralraum in den Mittelpunkt einer historischen Betrachtung stellen. Diesem Ziel widmet sich das Projekt Mapping Sacred Spaces mit Schwerpunkt auf Süditalien zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert, das im europäischen und mediterranen Kontext untersucht wird.

Leerstellen im Sakralraum: Die Kathedrale von Monreale auf Sizilien

Dank ihrer Ausmaße und der Kostbarkeit ihrer Ausstattung zählt die von König Wilhelm II. von Sizilien (1166–1189) gestiftete Kathedrale von Monreale zu den bedeutendsten religiösen Kultstätten des Mittelmeerraums [4]. Unumstrittener Blickfang der weiten dreischiffigen Basilika (ca. 102 Meter lang, 40 Meter breit) sind bis heute die mit Goldgrund-Mosaiken geschmückten und mit Marmor und geometrischen Ornamentbändern in Steineinlegearbeit (opus sectile) verkleideten Wände.

Noch verstärkt wurde der Effekt des prachtvollen Inneren durch den monumentalen Lettner (in Form von zwei Trennwänden), die Mönchschor und Sanktuarium samt Hauptaltar von der übrigen Kirche abschirmte. Vier Meter hoch waren jene zwei Wände der Chorschranke, verkleidet mit Porphyr und Marmorintarsien und mit einer gewaltigen, ins Mittelschiff hineinragenden Kanzel ausgestattet. Diese Elemente wurden 1658 abgetragen und weite Teile davon bei einem Brand von 1811 vollständig zerstört. Die erhaltenen Fragmente sind heute verstreut und ihrem ursprünglichen Kontext entrissen.

Fragmente sammeln, katalogisieren, analysieren

Um dieses Material systematisch zu erschließen, wurde ein digitales Archiv für die Katalogisierung der Bestandteile liturgischer Ausstattungsapparate entwickelt. Über eine georeferenzierte Karte lassen sich sowohl das gesamte Gebiet (Süditalien) abrufen als auch die einzelnen Gebäude, Museen und Depots. Jedes Fragment wurde fotografiert, vermessen und seiner ursprünglichen Funktion und Lage entsprechend katalogisiert, die aus dem Abgleich materieller Zeugnisse und historischer Quellen hervorgehen.

Mit der Datenbank lassen sich folgende Aspekte erstmals systematisch erforschen: ornamentale Motive, Materialien, Ausführungstechniken und technische Innovationen. Diese Informationen leisten auch bei der Rekonstruktion des fragmentierten Ganzen wertvolle Hilfe. Im Fall von Monreale ist es gelungen, anhand archäometrischer Untersuchungen unter den Einlegesteinen aus Marmor ein Kunststeinmaterial (stracotto) nachzuweisen, das im 12. Jahrhundert von Werkstätten zwischen Kampanien und Sizilien hergestellt wurde, um Mosaiksteine in einem in der Natur nicht vorhandenen Weißton zu erhalten [5].

Durch den Nachweis dieser Steinsorte konnten einige der mit Marmorintarsien geschmückten Oberflächen und beträchtliche Teile des erhaltenen und in opus sectile ausgeführten Bodens, die bislang als Ergebnis von Restaurierungen galten, den ursprünglichen Ausstattungsphasen der Kirche zugeordnet werden. Dank dieses Resultats ließen sich die ursprünglichen Anteile des Bodenbelags und die planimetrische Anordnung der liturgischen Bereiche bestimmen, aber auch, welche Bestandteile zur Erstausstattung des Sakralraums gehörten und welche nicht.

Abb. 2: Monreale, Kathedrale, Makroansicht der Steineinlegearbeiten der liturgischen Ausstattung mit stracotto (um 1180) / Vorläufige 3D-Rekonstruktion der Chorschranken und der Kanzel um 1180

Kartieren, interpretieren, rekonstruieren

Der Quervergleich zahlreicher Textquellen (Beschreibungen, Inventare) und graphischer Darstellungen (Grundrisse und Gebäudeansichten der Kirche) erlaubt, die Fragmente ihrer ursprünglichen Funktion und Lage zuzuordnen. So konnte nach abgeschlossener Auswertung mit Hilfe eines navigierbaren 3D-Modells ein Rekonstruktionsvorschlag für die zwei Wände der Chorschranke und die Kanzel erstellt werden. Abmessungen, topographische und morphologische Daten basieren auf Sach- und Textquellen sowie graphischen Darstellungen. Hinweise auf die Texturen und Materialien (roter und grüner Porphyr, Cipollino-Marmor, Glaspasten mit eingearbeitetem Blattgold) lieferten die Beschreibungen in den Dokumenten sowie das Zeugnis verbliebener Fragmente.

Die virtuelle Rekonstruktion der räumlichen Einheit der liturgischen Ausstattung in der Kathedrale von Monreale ermöglicht es nun, Entwurf, Ästhetik und historische Wahrnehmung dieses herausragenden Sakralraums am Ende des 12. Jahrhunderts umfassend zu begreifen und damit neue Forschungsperspektiven zu eröffnen.

Literaturhinweise

1.
Rau, S.; Schwerhoff , G. (Hg.)
Topographien des Sakralen. Religion und Raumordnung in der Vormoderne
Dölling und Galitz, München (2008)
2.
Michalsky, T.
Strukturiertes Gedächtnis. Zur Topologie von Adelsgrablegen in Neapel. In: Kunst und Macht. Politik und Herrschaft im Medium der bildenden Kunst, 204–235 (Hg. W. Hofmann; H.-O. Mühleisen).
LIT, Münster (2005)
3.
Bedros, V.; Scirocco, E.
Liturgical Screens, East and West: Liminality and Spiritual Experience
Convivium – Supplementum 3, 68–89 (2019)
4.
Dittelbach, T.
Rex imago Christi: Der Dom von Monreale. Bildsprachen und Zeremoniell in Mosaikkunst und Architektur
Reichert, Wiesbaden (2003)
5.
Longo, R.
Die Opus-sectile-Arbeiten der Cappella Palatina in Palermo: neue Materialien für neue Untersuchungen. In: Die Cappella Palatina in Palermo. Geschichte, Kunst, Funktionen. Forschungsergebnisse der Restaurierung, 49–66 (Hg. T. Dittelbach)
Swiridoff, Künzelsau (2011)
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