Forschungsbericht 2019 - Max-Planck-Innovation

Max-Planck-Innovation – die Technologietransfer-Organisation der Max-Planck-Gesellschaft

Autoren
Berninger, Markus
Abteilungen
Max-Planck-Innovation, München
Zusammenfassung
Pro Jahr evaluiert Max-Planck-Innovation durchschnittlich 120 Erfindungen, von denen etwa die Hälfte zu einer Patentanmeldung führt. Seit 1979 wurden ca 4.450 Erfindungen begleitet und rund 2.680 Verwertungsverträge abgeschlossen. Seit Anfang der 90er-Jahre sind 156 Firmenausgründungen aus der MPG hervorgegangen, von denen die überwiegende Mehrzahl von Max-Planck-Innovation aktiv betreut wurde. In diesen Ausgründungen wurden seitdem über 6.000 Arbeitsplätze geschaffen. Seit 1979 hat MI einen Gesamtumsatz aus Lizenzerlösen und Beteiligungsverkäufen von rund 490 Mio. Euro erzielt.

Im Jahr 2019 wurden Max-Planck-Innovation 119 Erfindungen gemeldet, 82 Patente angemeldet und 53 Verwertungsverträge abgeschlossen. Die Verwertungserlöse betragen voraussichtlich rund 18,6 Millionen Euro. Die endgültigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2019 liegen aufgrund der nachgelagerten Abrechnung verschiedener Lizenznehmer erst ab Mitte 2020 vor.

2019 gingen neun Ausgründungen aus unterschiedlichen Max-Planck-Instituten hervor. In mehreren Finanzierungsrunden konnten neue und bestehende Ausgründungen mit MPG-Beteiligung bzw. schuld-rechtlicher Erlösbeteiligung insgesamt eine Rekord-Investmentsumme von über 100 Mio. Euro einwerben. Die jeweiligen Investmentbeträge variieren dabei zwischen wenigen 100,000 Euro bis zu über 50 Mio. Euro. Beteiligungsverkäufe erbrachten darüber hinaus Erlöse i.H.v. insgesamt rund 0,1 Mio. Euro.

Zweites RNAi-Medikament erhält Zulassung in USA

Das Unternehmen Alnylam Pharmaceuticals hat 2019 die Zulassung für sein Medikament Givlaari (Givosiran) erhalten. Das auf RNA-Interferenz (RNAi) basierende Medikament ist damit nach Onpattro (Patisiran) das zweite Medikament, das von der US-amerikanischen Behörde FDA zugelassen wurde. Das Arzneimittel gründet unter anderem auf von der Max-Planck-Gesellschaft patentierten Forschungsergebnissen. RNAi ist ein natürlicher zellulärer Prozess der Genabschaltung und stellt zur Zeit eine der vielversprechendsten Forschungsgebiete in der Biologie und Medikamentenentwicklung dar. Thomas Tuschl und seine Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie konnten belegen, dass der bereits 2006 entdeckte Mechanismus auch bei Säugetieren und damit beim Menschen wirksam ist. Alnylam ist eine Ausgründung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und nun der erste Lizenznehmer, der die Zulassung für zwei Medikamente, die auf einer MPG-Technologie basieren, erhalten hat. Alnylam beschäftigt heute mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 16 Standorten weltweit und hat einen Börsenwert von 12,8 Milliarden US Dollar (Stand 08.01.2020). Der neu zugelassene Wirkstoff Givosiran dient der Behandlung von akuter Leberporphyrie (AHP). AHP ist eine äußerst seltene genetisch bedingte Erkrankung, die sich u.a. durch stark einschränkende, potenziell lebensbedrohliche Anfälle auszeichnet. Vor allem bei chronischer Manifestation wirkt sie sich sehr negativ auf die Alltagsbewältigung und Lebensqualität der Patienten aus. Onpattro sowie Givlaari sind ein weiterer Beleg dafür, dass die Grundlagenforschung der MPG immer wieder zu bahnbrechenden Erfindungen zum Wohle der Patienten führt. Zehn weitere Medikamente zur Behandlung unterschiedlicher Krankheiten befinden sich momentan bei Alnylam in teils weit fortgeschrittenen Phasen der klinischen Entwicklung.

Lizenzverträge

Eine Technologie, entwickelt am Max-Planck-Institut (MPI) für Neurobiologie und am MPI für medizinische Forschung, wurde 2019 an ein weltweit führendes Unternehmen der feinmechanisch-optischen Industrie mit Sitz in Deutschland lizenziert. Die neuartige Methode für die Elektronenmikroskopie tastet die Oberfläche von Gewebestücken ab. Anschließend wird automatisiert eine ultradünne Gewebescheibe abgeschnitten. So können Schnitt für Schnitt die darunter liegenden Gewebeebenen erfasst werden. Eine spezielle Software setzt schließlich alle Bilder am Computer wieder zu der ursprünglichen dreidimensionalen Struktur zusammen. Auf diese Weise können in der biomedizinischen Forschung verschiedene biologische Prozesse entschlüsselt werden.

MAGIC-Teleskope (Major Atmospheric Gamma-Ray Imaging Cherenkov Telescopes) werden in der Astrophysik eingesetzt, um aktive galaktische Kerne, Supernova-Überreste, oder Gammablitze aufzuspüren. Dazu verfügen sie über eine aktive Spiegeloberfläche, welche die Strahlung bündelt. Eine in Italien ansässige Firma im Bereich der Präzisionsoptik sowie optischer Systeme hat eine Technologie des MPI für Physik lizenziert, das die Reinigung verbessert und Ausfallzeiten verkürzt. Der „Sandwich Mirror“ besitzt einen besonderen Glasfilm, der Verschmutzungen der teilweise über 200 m2 großen Spiegel-Arrays vorbeugt und leicht gereinigt werden kann. Dies spart Kosten und verlängert die Nutzungsdauer des Mikroskops.

Eine am MPI für biophysikalische Chemie entwickelte Technologie namens FLASH 2 wurde an verschiedene Forschungseinrichtungen und Kliniken weltweit lizenziert. FLASH (Fast Low Angle Shot) ist eine seit vielen Jahren in der magnetischen Kernspintomographie (MRT) eingesetzte Technologie. Mit ihr verkürzte sich die Aufnahmezeit um mindestens den Faktor 100 und verhalf so der MRT zum Durchbruch in der medizinischen Diagnostik. FLASH 2 beschleunigt die MRT-Aufnahmen noch einmal deutlich und so ist es nun erstmals möglich, Echtzeit-Filme aus dem Inneren des Körpers aufzunehmen und z.B. das schlagende Herz „live“ zu beobachten. Durch die neue Technologie ergeben sich ganz neue diagnostische Möglichkeiten in der medizinischen Forschung.

Abb.1: Alpakas am MPI für biophysikalische Chemie. Nachdem die Göttinger Forscher zwei der Tiere schonend immunisiert hatten, konnten sie die Baupläne für die sekundären Nanobodies aus einer kleinen Blutprobe gewinnen. Mit den Bauplänen lassen sich Bakterien so programmieren, dass diese die Nanobodies in großen Mengen produzieren – ohne eine weitere Beteiligung von Tieren.

Eine englische Firma, die rekombinante Antikörper für Forschung und Diagnostik entwickelt und produziert, hat eine Technologie zur Herstellung von sekundären Nanobodies lizenziert, die am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie entwickelt wurde. Diese dienen dem Nachweis von primären Antikörpern, die jeweils gegen spezifische Proteine gerichtet sind, und stellen einen sehr guten Ersatz für sekundäre Antikörper dar, die in Forschung, Diagnostik und Therapie z.B. für Schwangerschafts- oder Krankheitsdiagnostik verwendet werden. Im Gegensatz zu sekundären Antikörpern, die in Nutztieren hergestellt werden, können die neuen Nanobodies in Bakterien vermehrt werden. So könnte künftig komplett auf die Nutzung von Tieren zur Produktion von Antikörpern verzichtet werden.

Eine Technologie für die Erkennung von Trisomie wurde von einem amerikanischen Life-Science Diagnostik-Unternehmen lizenziert. Trisomie ist eine Chromosomenstörung, die beim Menschen zu Entwicklungsstörungen oder Fehlgeburten führen kann. Ein am Max-Planck-Institut für Biochemie entwickeltes Trisomie-Zelllinienmodell stellt die Grundlage für ein neues Diagnosewerkzeuge dar. Die daraus abgeleitete genomische DNA eignet sich als molekularer Referenzstandard (Molecular Marker) für die Untersuchung von Körperflüssigkeiten in Forschungsanwendungen oder mit klinischen diagnostischen Assays. Die Firma will nun aus den Zelllinien einen DNA Standard für entsprechende pränatale Tests und frühe, sichere Trisomie-Vorhersagen entwickeln.

Der Racetrack-Speicher ist ein neues Speicherkonzept. Auf der Basis eines Kooperations-Lizenzvertrages entwickelt das MPI für Mikrostrukturphysik die Technologie nun gemeinsam mit einem weltweit führenden Elektronik-Konzern aus Südkorea weiter. Ein Racetrack-Speicher speichert Daten in Nanodrähten, die aus ultradünnen Schichten ferro- und/oder ferrimagnetischer Materialien atomar hergestellt werden. Die Daten bestehen aus nanoskopischen magnetischen Domänen unterschiedlicher Chiralität, die in den Nanodrähten durch Strompulse aus spinpolarisierten Elektronen bewegt werden. Damit sind Speicherdichten möglich, die bis zu 100 Mal höher sind als die von siliziumbasierten Speichern und Flash-Speichern.

Mit grüner Chemie will ein deutsches Biotech-Start-up künftig gegen Malaria vorgehen. Sie hat eine exklusive Lizenz für ein neues Produktionsverfahren zur Herstellung des Wirkstoffs Artemisinin und pharmazeutisch wichtiger Derivate erworben. Wissenschaftler am MPI für Kolloid- und Grenzflächenforschung und am MPI für Dynamik komplexer technischer Systeme haben einen neuen Prozess entwickelt, der Substanzen aus Pflanzen nutzt, um Artemisinin herzustellen. Artemisinin ist der wichtigste Wirkstoff gegen Malaria. Dieser könnte nun durch die deutlich effizientere sowie umweltschonende Erzeugung im industriellen Maßstab weltweit für Millionen Infizierte zugänglich werden.

Die Modag GmbH entwickelt Wirkstoffe für Parkinson- und Multisystem-Atrophie-Patienten weiter. Das Unternehmen hat jetzt eine exklusive Lizenz für neue chemisch modifizierte Wirkstoffkandidaten eingeworben, die von Forschern des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelt worden sind.

Ausgründungen

Abb.2: Beim Jymmin werden Fitnessgeräte so modifiziert, dass die unterschiedlich starken Bewegungen an Bauchmuskeltrainer, Zugstange oder Stepper eine große Variation an Töne hervorbringen.

Eine neue Ausgründung des MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften mit dem Namen Jymmin GmbH entwickelt Rehabilitations- und Fitnessgeräte. Sie erlauben ein neuartiges hocheffizientes Kraftsportverfahren mit musikalischem Feedback. Hierdurch sollen Trainingserfolge gesteigert sowie ein Einsatz für Rehabilitationsprogramme entwickelt werden.

Die Ivortec GmbH, eine Ausgründung des MPI für Festkörperforschung entwickelt ein Verfahren zur Herstellung von künstlichem Elfenbein. Die synthetische Mischung aus Gelatine und verschiedenen Mineralien, hat die gleichen Eigenschaften wie Elfenbein und kann als gleichwertiger Ersatz von natürlichem Elfenbein u.a. für die Tastatur von Klavieren verwendet werden.

Die Tacalyx GmbH wurde 2019 aus dem MPI für Kolloid- und Grenzflächenforschung ausgegründet. Die Gründung basiert auf hoch-tumorspezifischen Kohlehydrat-Targets für den Bereich Immun-Onkologie. Im Juli konnte mit einem namhaften Investorenkonsortium eine Finanzierung über 7 Mio. Euro erfolgreich abgeschlossen werden. Mit diesem Geld wird neben dem Unternehmensaufbau auch die Weiterentwicklung von Antikörper-Programmen vorangetrieben.

Die MODAG GmbH konnte in einer Finanzierungsrunde eine Investitionssumme von bis zu 12 Mio. Euro einwerben. Das Geld wird u.a. zur Durchführung einer klinischen Phase I Studie für die Leitsubstanz anle138b zur Behandlung von Multisystematrophie (MSA) verwendet.

Die ThermoSome GmbH, eine Ausgründung des MPI für biophysikalische Chemie, entwickelt thermosensitive Carriersysteme, mit deren Hilfe in Liposome eingeschlossene Wirkstoffe gezielt durch Erhitzung des Gewebes am gewünschten Wirkort freigesetzt werden können. 2019 konnte ThermoSome für die weiteren Entwicklungsarbeiten eine Folgefinanzierung abschließen.

Dewpoint Therapeutics Inc. fußt auf Technologien, die u.a. am MPI für molekulare Zellbiologie und Genetik entwickelt wurden. Das Ziel von Dewpoint ist, vor allem kleinmolekulare Medikamente zu entwickeln, die an bisher unerforschte Regionen von Proteinen binden und so das Verhalten der Proteine verändern können. Das Unternehmen konnte hierzu 2019 eine Finanzierungsrunde in Höhe von bis zu 60 Mio. USD (rd. 53 Mio. Euro) abschließen.

Die Firma Bionauts Labs Ltd. basiert auf Technologien des MPI für Intelligente Systeme, die ermöglich sollen, dass Medikamente gezielt an einen Ort im menschlichen Körper transportiert werden. Nach 2017 konnte hierzu in 2019 eine weitere signifikante Finanzierung abgeschlossen werden.

Inkubatoren

Max-Planck-Innovation hat vor einigen Jahren verschiedene Inkubatoren ins Leben gerufen, um Erfindungen und Know-How industriekompatibel zu validieren und ergänzende Daten zu generieren, um diese damit näher an die Industrie und den Markt heranzubringen.

Das Lead Discovery Center (LDC) greift frühe Forschungsergebnisse aus der Grundlagenforschung auf und entwickelt Leitstrukturen. In den letzten Jahren hat sich vor allem das Interesse von Investoren an den Projekten des LDCs immer mehr gesteigert. Dies hat in 2019 zum Abschluss des Technologietransfer-Fonds “KHAN-I” geführt. Der Europäische Investitionsfonds (EIF, Luxemburg), die Austria Wirtschaftsservice GmbH (AWS, Wien) und die Max-Planck-Förderstiftung (MPF, München) haben in der ersten Runde insgesamt € 60 Mio. für KHAN-I zur Finanzierung früher Wirkstoffforschungsprojekte über einen Zeitraum von fünf plus zwei Jahren zugesagt. KHAN-I hat zudem ein Co-Investitionsabkommen mit der Max-Planck-Gesellschaft e.V. (MPG) unterzeichnet. Demnach stellt Deutschlands größte Grundlagenforschungsorganisation weitere € 18 Mio. an Co-Finanzierung für Projekte bereit, die aus der exzellenten biomedizinischen Grundlagenforschung an Max-Planck-Instituten hervorgehen. Neben der MPG als Hauptpartner stammen die Projekte vor allem von anderen akdemischen Instituten aus Deutschland und Österreich. Der Schwerpunkt wird auf innovativen Therapien liegen, für die ein besonders hoher Bedarf besteht. KHAN-I wird entweder in Vorhaben investieren, für die ein Kooperationsabkommen mit dem LDC besteht, oder in Start-ups.

Mit der Forschungsgruppe VesselSens erhielt 2019 erstmals ein Gründungsteam am Life Science-Inkubator (LSI) eine Förderung im Rahmen des Förderprogramms EXIST-Forschungstransfer des BMWi. VesselSens entwickelt neuartige Sensorik-Technologien, die die frühzeitige, nicht-invasive Detektion einer erneuten Gefäßverengung in einem Stent (Restenose) erlaubt. Für die weiteren präklinischen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten erhält das VesselSens-Team in den kommenden anderthalb Jahren 984.000 Euro. Während des EXIST-Förderzeitraums soll auch die Unternehmensgründung der Medizintechnikfirma VesselSens erfolgen. 2019 wurde auch das Projekt Clickmer Systems neu zur Inkubation am LSI aufgenommen. Clickmer Systems entwickelt Clickmere, eine synthetische Alternative zu Antikörpern.

Das aus der Inkubation in der IT-Inkubator GmbH hervorgegangene Unternehmen ChronoFair GmbH wurde im Juni 2019 gegründet und konnte eine Folgefinanzierung in Höhe von 450.000 Euro von der Saarländischen Wagnisfinanzierungsgesellschaft mbh (SWG) für sich einwerben. Außerdem wurde mit der Unternehmung CLT Creative Learning Technologies GmbH eine weitere Inkubation erfolgreich ausgegründet. Auch dieses Team hat Unterstützung durch eine Folgefinanzierung der Saarländischen Wagnisfinanzierungsgesellschaft mbh erhalten. Ein weiteres Projekt (2log) befindet sich derzeit in der Inkubationsphase.

 

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